Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die dritten Messiaen-Tage in Görlitz/Zgorzelec

Zgorzelec, Europäisches Zentrum für Erinnerung, Bildung, Kultur auf dem Gelände des ehemaligen Stammlagers VIII A.
Detail der ständigen Ausstellung.

Der französische Komponist Olivier Messiaen lebte als Kriegsgefangener 1940/41 für neun Monate im damaligen Stalag VIII A und schrieb „Quatuor pour la fin du temps“ für Klavier, Violine, Violoncello und Klarinette.
Die Ausstellung zeigt u.a. die originale Ankündigung der Uraufführung am 15.Januar 1941 im Lager (oben) und fotografische Porträts der Solisten (unten).
Als Pianist agierte Messiaen selbst.

Seit drei Jahren richten nun Görlitz und Zgorzelec Messiaen-Tage aus und genau am 15. Januar wird „Quatuor pour la fin du temps“ zur Aufführung gebracht.
Diesen Ritus zelebrierte man auch bei dem diesjährigen, vor einigen Tagen beendeten Messiaen-Festival.

Neben der Füllung von Notenblättern und der Beschäftigung mit Zahlen betrieb Messiaen das ornithologische Handwerk und erhielt dafür überregionale Anerkennung.
Und so zwitschert, quirilliert, flötet, pfeift es innerhalb des Eröffnungskonzerts, natürlich musikalisch verfremdet, bei „Oiseaux exotiques“ durch die Görlitzer Annenkapelle.

Zuvor beschrieben an diesem Abend auch Scelsi aus Messiaens Generation (1905-88), einer der schrägsten Alleinunterhalter innerhalb der Musikgeschichte des vergangenen Jahrhundert und auch jüngere Komponistinnen wie Carola Baukholt („Zugvögel“) und Karoline Schulz („Wind“ als Uraufführung) die belebte und unbelebte Natur.
Das Konzert wurde mit dem Slogan „Naturklang-Klangnatur“ angekündigt.
Nun ja, bei derartigen Wortspielchen raste ich nicht gerade begeisterungstrunken aus.

Mit „Fremd bin ich eingezogen“, Anfangszeile des ersten Liedes der „Winterreise („Gute Nacht“) zog auch Weltmusik ihre Kreise in der Stadt an der Neiße
Denn Schuberts Liederzyklus wurde mit scheinbar ähnlich existentziellen Wurzeln persischer Lyrik verbunden und entsprechend instrumental und sängerisch modifiziert.
Ich akzeptiere natürlich ausdrücklich diese Möglichkeiten musikalischer Annäherungen innerhalb globaler Dimensionen.
Doch bleibt meine Zuneigung zur Weltmusik eher begrenzt und Schuberts Lieder ohne Klavier als Solo-Instrument bereiten mir akustische Probleme.

Während aller Konzerte dieser Januartage in Görlitz wurde die Musik Messiaens durch zahlreiche Arbeiten von Komponisten flankiert, die in unterschiedlichen Beziehungen zu dem wiederum einflussreichen Franzosen standen.

So absolvierten Johanna Krumin (Sopran), Markus Zugehör (Klavier) und René Hofschneider (Lesung) Lieder und Texte von Mikis Theodorakis, ein Schüler Messiaens und Kommilitone von Xenakis und Boulez (eine faszinierende Häufung von gehobener Musikgeschichte des 20.Jahrhunderts).

Und die irisch-kanadische Mezzosopranistin Wallis Giunta (Oper Leipzig), sie sang am Tag zuvor den Octavian im Leipziger „Rosenkavalier“, bearbeitete gemeinsam mit dem US-Amerikaner Alden Gatt (Repetitor an Leipzigs Oper) auf beträchlichem Niveau einen breitgefächerten Ausschnitt aus dem Liederangebot des 19./20.Jahrhunderts, aufgelockert durch zwei Solostücke für Klavier.
Dabei huldigten sie besonders dem französische Impressionismus, neben Debussy, Ravel auch Paul Dukas (Lehrer Messiaens).
Aber auch Britten und Richard Wagner wurden als Einflussnehmer auf Messiaen berücksichtigt.

Abschließend dann Messiaens Quartett „Quatuor pour la fin du temps“ für Violine, Violoncello, Klavier und Klarinette am 15.Januar.
Dazu ein Zitat des Komponisten:
Es wurde direkt inspiriert von der Stelle der Offenbarung. Seine musikalische Sprache ist im Wesentlichen immateriell, geistig und katholisch. Indem es in Melodie und Harmonie eine Art tonaler Allgegenwärtigkeit verwirklicht, nähert es den Zuhörer der Ewigkeit im Raum oder im Unendlichen.“

Ziemlich heftig, für mich eine recht ferne Welt, doch die Musik ist überragend.

Vor diesem zentralen Musikstück des Festivals gab es im Europäischen Zentrum Erinnerung, Bildung, Kultur in Zgorzelec die Erstaufführung von Tristan Murails „Stalag VIII A“ (s.o), ein Auftragswerk der Görlitzer Messiaen-Tage.
Murail war Schüler Messiaens.
Er komponierte diese Musik gleichfalls für Violine, Violoncello, Klavier und Klarinette (s.o.).
Irritiert hat mich doch gnadenlos die fugenlose Überleitung der Musik Murails zu Messiaens Quartett in wenigen Sekunden, ohne zwei Minuten Besinnung auf den Ursprung und ohne zwei Minuten aktuelle Besinnung.
Auch symbolische Dimensionen erschließen sich mir nicht.
Für mich kein Problem, ich kann das Quartett Messiaens mitsingen.
Für Debütanten dieser Musik, die sicher mit der Frage gekämpft haben, ob sie noch Murail oder schon Messiaen hören, aber ein wenig hilfreicher Auftakt.

Aber dennoch, diesen Tagen an der deutsch-polnischen Grenze wünsche ich eine gedeihliche Entwicklung.
Und immer wieder im Januar.
Und immer wieder mit Jürgen.

Görlitz, St Peter und Paul, gesehen vom polnischen Ufer der Neiße

Jakob-Böhme-Haus am polnischen Neiße-Ufer

Ich erinnere mich unscharf, dass irgendein Denker, vielleicht Marx oder Hegel, vielleicht auch Ulbricht oder Karl Dall diesen praktizierenden Schuhmacher als ersten deutschen Philosophen eingeordnet hat.
Kann ich nicht beurteilen, habe noch kein Wort von Böhme gelesen.
Ich vermute, das wird so bleiben, verstehe ich ohnehin nicht.

Zugabe

Irritation des Tages

Eine Renaissance-Installation italienischen Zuschnitts (Raffael, Michelangelo, Leonardo) im Leipziger Kunstkraftwerk wird musikalisch u.a. mit den Sauf-Fick u. Spielerorgien („Carmina burana“) aus dem bayerischen Kloster in Benediktbeuren unterlegt.
Muss man mögen.

Musik des Tages

Tristan Murail: „Winterfragmente“ und andere Stücke.
Aus meiner kleinen Murail-Kollektion.


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Januar 22, 2019 Posted by | Geschichte, Musik, Neben Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar