Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und Events mit Twombly, de Kooning, Newman, Malewitsch in New York, mit Uccello, Masaccio, Caravaggio in Florenz, mit Orgelmusik in Leipzig, mit einem Buch im Sessel…

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———————————————Ich bitte die Fragensteller um Vergebung-——————————

I

Als das New Yorker Museum of Modern Art 2004 in der Neuen Berliner Nationalgalerie M.v.d. Rohes gastierte, wurde ich nicht selten gefragt:

„Warst Du schon in Berlin zur Moma?“ (Mich nervt diese dämliche Abkürzung)
Ich verneinte.
„Ich denke, Du interessierst Dich für dieses Museum“, wurde dann skeptisch nachgefragt.
„Ja, ich interessiere mich natürlich für dieses Museum, deshalb war ich noch nicht in Berlin zur Gastausstellung des Museums of Modern Art in der Neuen Berliner Nationalgalerie und das wird auch so bleiben.“

Die Gesichter meiner Gesprächspartner widerspiegeln das Gefühl, verspottet zu werden.

II

Nach den Eröffnungsveranstaltungen in der Leipziger Paulinerkirche (Anfang Dezember) wurde ich nicht selten gefragt:

„Warst Du schon in der neuen Paulinerkirche?“
Ich verneinte.
„Ich denke, Du interessierst Dich für Architektur“, wurde dann skeptisch nachgefragt.
„Ja, ich interessiere mich natürlich für Architektur, deshalb war ich noch nicht in der neuen Paulinerkirche.“

Die Gesichter meiner Gesprächspartner widerspiegeln das Gefühl, verspottet zu werden.

III

Wenige Tage vor und während der alljährlichen Leipziger Musik-Aktionen „Classic open“ und „Klassik airleben“ werde ich nicht selten gefragt:

„Gehst Du zu Konzerten im Leipziger Rosental („Klassik airleben“) und auf den Leipziger Marktplatz („Classic open“)?
Ich verneine.
„Ich denke, Du interessierst Dich für Musik“, wird dann skeptisch nachgefragt.
„Ja, ich interessiere mich natürlich für Musik, deshalb gehe ich nicht zu Konzerten ins Leipziger Rosental („Klassik airleben“) oder auf den Leipziger Markt („Classic open“).

Die Gesichter meiner Gesprächspartner widerspiegeln das Gefühl, verspottet zu werden.

IV

Während der alljährlichen Leipziger Buchmesse werde ich nicht selten gefragt:

„Gehst Du auf die Buchmesse und besuchst Du Lesungen?“
Ich verneine.
„Ich denke, Du interessierst Dich für zeitgenössische Literatur“, wird dann skeptisch nachgefragt.
„Ja, ich interessiere mich natürlich für zeitgenössische Literatur, deshalb gehe ich nicht auf die Buchmesse und besuche auch keine Lesungen.“

Die Gesichter meiner Gesprächspartner widerspiegeln das Gefühl, verspottet zu werden.

Begründungen für meine Ignoranz

Zu I
Ich meide weitgehend organisiert auftretende Menschenaufläufe, deren Teilnehmern es gleichgültig ist, ob sie nach dreihundert Metern „Schlangestehen“ vor einer Wühlkiste mit verbilligten Schlüpfern oder vor Bildern aus dem „Museum of Modern Art“ stehen.
Der Weg ist dabei das Event, der spektakuläre New York-Aufkleber auf der New York-Kiste ist entscheidend, nicht der Inhalt.

Ich habe wenige Monate später die Sammlung des New Yorker Museums of Modern Art „vor Ort“ gesehen, zu einer guten Zeit und nicht selten allein in den Räumen.
Allein mit Twombly, de Kooning, Newman, Malewitsch, das ist mein Event.

Meine letzte große Menschenschlange durchlitt ich am Beginn der 90er Jahre in Tübingen zu einer herausragenden Ausstellung mit Bildern Cezannes.

Ich denke, ich bin inzwischen zu einem vorzüglichen Museumbesuchsorganisator gereift. Denn selbst in den Florentiner Uffizien erfreute ich mich an einer weitgehenden Einsamkeit.
Allein in Florenz mit Uccello, Masaccio, Caravaggio,… das ist mein Event.

Cy Twombly, New York, Museum of Modern Art

Willem de Kooning, New York,…

Franz Kline,…,…

Barnett Newman,…,…

Kasimir S. Malewitsch,…,…

Max Beckmann,…,…

Jürgen Henne, New York, Museum of Modern Art, Hof, eher unten, mittig links

Zu II
Ich meide weitgehend Menschenaufläufe vor und unmittelbar nach Eröffnungen, Einweihungen,…öffentlicher Kultur-Areale, die z.B. jede Wahrnehmung architektonischer Räume behindern, die das Zusammenspiel akustischer und optischer Besonderheiten stören und außerdem die Luft-Qualität reduzieren.

Während der mittleren Januartage, etwa sechs Wochen nach der Eröffnung, habe ich das Leipziger Paulinum betreten, allein im Kirchenraum.
Und Orgel wurde gespielt.
Nur für mich, das ist mein Event.

Zu III
Ich meide weitgehend musikalische Veranstaltungen („Klassik airleben“, „Classik open“), die von Verkehrslärm malträtiert werden (Hubschrauber kreisen bei Flötenmusik Debussys über die Konzert-Wiese), die durch den Dampf von Grill-Maschinen meinen Bühnenblick beeinträchtigen, die Konzertbesucher animieren, neben mir über die Neubesetzung des linken Verteidigers bei RB Leipzig zu debattieren, während
mein Hintermann rülpsend sein halbverdautes Bier in meinen Nacken erbricht.
Ich mag auch fremde, quäkende Kinder, aber nicht bei Flötenmusik Debussys.

Zu IV
Ich meide weitgehend, auf der Leipziger Buchmesse eine lesende Position einzunehmen, bei der mir nach wenigen Sekunden durch drängende Menschenaufläufe das Buch aus der Hand geschlagen oder in die Nase getrieben wird.

Mir fehlt jeder Antrieb und jede Fähigkeit, zwischen plärrenden Lautsprecher-Durchsagen, eingekesselt von den Geräuschen mittelmäßiger Lesungen mit unprofessionell eingestellter Akustik und brüllenden Schulklassen, unterlegt mit Temperaturen um 65 Grad, z.B eine Biografie Egon Schieles oder eine Betrachtung zu den Wahrheits-Koordinaten im 19.Jahrhundert zumindest oberflächlich einzuschätzen.

Und außerdem irritieren mich die ständig vorgetragenen Zwischenstände der Messe-Statistik.
Mehr Verlage, mehr Teilnehmer, mehr Austragungsorte.
Besucherzahl, 1.Tag
Besucherzahl, 2.Tag
Besucherzahl, 3.Tag
Besucherzahl, 4.Tag

Etwa 2800 Lesungen mit etwa 3500 Teilnehmern in vier Tagen, in diesem Jahr in Leipzig, mir wird schwindlig
Ich höre und lese nur wenige Worte über die Qualität der Literatur.
Nur Inhaltsangaben oder Inhaltsbeschreibungen.

Und wenn ich das Aufgebot von Autoren in der LVZ-Arena zur Kenntnis nehme, das penetrant in der einzigen Zeitung Leipzigs zelebriert wird, erhält meine Befürchtung von einer Erniedrigung literarischen Anspruchs eine stabile Grundierung.

Außerdem meide ich weitgehend Lesungen, bei denen Besucher mit tiefschürfender Interpretations-Hysterie ihren Kopf zwischen die Knie schieben oder sehnsuchtsvoll in das ewige Universum starren.
Ich setze mich in den heimischen Sessel und lese, das ist mein Event.

Ansonsten bin ich vorschriftsmäßig und lückenlos sozialisiert.
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März 18, 2018 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar