Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die Reise ins Überall


LVZ, 5. März, Seite 8.
Vorstellung der Favoriten für den Preis der Leipziger Buchmesse (Belletristik).

„Reisen ins Überall“

Wohin?

Es gibt sprachliche Verrenkungen, da röten sich die Kniekehlen und zeigen sich in meinen Augen die ersten Symptome von Netzhaut-Typhus.
„Reisen ins Überall“ gehört in diese Kategorie.

Diese missratene Melange aus schlicht gesetzten Bedeutungs-Kram, unterlegt mit infantiler Philosophie und lächerlicher Poesie-Bemühung bedrängt mich doch erheblich und verspottet meine intellektuelle Bereitschaft.

Selbst im Rahmen der Schweriner Poeten-Seminare zu finsteren DDR-Zeiten hätte ein derartiger Quark zu einem FDJ-Verfahren auf Grund mangelnden Talents geführt.
Und alle Journalismus-Sektionen dieser Welt, einschließlich auf Kiribati und Tuvalu würden den Verfasser bitten, die Tür von außen zu schließen.

Ich reise ins Überall, also über das All.
Ich könnte auch ins Nirgendwo reisen.
Aber überall ist das Nirgendwo.
Aber auch nirgendwo ist das Überall.
Also wohin denn nun?

Und in der Ewigkeit ist doch ohnehin jedermann im Nirgendwo.
Und im Nirgendwo der Ewigkeit ist doch jedermann irgendwo im Nichts.
Und überhaupt ist jedermann im Nichts der Ewigkeit ohnehin im Nirgendwo.
Und außerdem…..

Es gäbe da viele feine Sachen.

„Über dem Ah-All, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein…“ (Reinhard Henne)

Ich stelle mir vor, ich gehe zu einem Schalter in Leipzigs Hauptbahnhof und bitte um eine Fahrkarte ins Überall.
Die Fahrkartenverkäuferin wird vielleicht zunächst an der Zweckmäßigkeit meiner Kleidungsordnungs zweifeln und mir danach vorschlagen, mit Baikonur oder Cape Canaveral zu telefonieren.

Eine untalentierte Journalistin wollte mich einst, da lebte noch Theoderich, mit einem Vortrag über sogenannte Lasso-Sätze belästigen, die den Leser „einfangen.“
Ich bräuchte bei dieser Überschrift nicht die minimalsten Talente eines Entfesselungs-Künstlers, um mich aus dieser Schlinge zu befreien.

Sicher, es geht um eine regionale Zeitung, weniger um einen Gedichtband.
Doch auch Regional-Blättchen sollten sich um etwas Anspruch bemühen.

„Über dem Ühüh-Überall muss die Freiheit noch grehenhenz-enloser sei-hein…“ (Reinhard Henne)

Ich hoffe nur, das Buch des Preisträgers ist lesbarer als diese Wortgruppe.

Musik des Tages
Chaya Czernowin: „Hidden“ und „adiantum capillus-veneris. maidenhair fern-frauenhaarfarn. etudes in fragility I-III.

Film des Tages
S. Spielberg: „Die Verlegerin“
Meryl Streep und Tom Hanks spielen herausragend.


juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de
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März 6, 2018 - Posted by | Leipzig

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