Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die verlorene Welt zwischen historisch unfassbaren Sensationen und blamabel desaströsen Katastrophen

Heimatlicher Fernseher, Biathlon (liegend)

Heimatlicher Fernseher, Biathlon (stehend)

Phantastisch
Unglaublich
Sensationell
Historisch
Unvorstellbar
Überragend
Ausgezeichnet
Brillant
Super
Pulverisierend
Klasse
Unfassbar
Perfekt
Wahnsinn
Großartig
Grandios

Bei dieser Aufzählung könnte man vermuten, mit seiner Nase in einem Synonymwörterbuch zu stecken.
Aber mitnichten, etwa dreißig Minuten einer Reportage im deutschen Fernsehen über die Disziplin Massenstart innerhalb des olypischen Biathlons in diesen Tagen habe ich in Stichworten notiert.
Einzelne Begriffe hymnischen Zuschnitts wurden mehrmals in den Äther gekräht.


Sprachlicher Ablauf der Reportage (Fiktiv, doch recht nah an des Reporters Vokabular)

Vier Schussserien eines deutschen Athleten, zweimal liegend und zweimal stehend zu jeweils fünf Schüssen, bedeutet viermal, nach jeweils fünf Schüssen: „Unvorstellbar, unglaublich, überragend…..“

Fünfmaliges Schießen eines deutschen Athleten bedeutet bei vier Schussserien zwanzig Schüsse und zwanzigmal „Wahnsinn, grandios, phantastisch….“

Vier Schussserien bei vier deutschen Athleten als vier Teilnehmer dieses Wettkampfes, zweimal liegend und zweimal stehend zu je fünf Schüssen, bedeutet sechzehnmal, nach jeweils fünf Schüssen: „Brillant, super, sensationell…“

Vier deutsche Athleten als vier Teilnehmer dieses Wettkampfes schießen bei einem Wettkampf mit vier Schussserien zu jeweils fünf Schüssen insgesamt achtzig Schüsse.
Also achtzigmal: „Unglaublich, sensationell, historisch, unfassbar….“

Beispiel der spachlichen Beschreibung eines Schießblocks mit fünf Schüssen, stehend oder liegend (Fiktiv, doch recht nah an des Reporters Sprache).

Erster Schuss: „Perfekt“
Zweiter Schuss:„Großartig“
Dritter Schuss:„Unvorstellbar“
Vierter Schuss:„Sensationell“
Fünfter Schuss:„Historisch“

Und es bleibt natürlich noch die Laufzeit mit zahlreichen Zeitmessungen auf der Strecke.
Also genug Möglichkeiten für eine reichhaltige Anwendung von: „Überragend, Wahnsinn, sensationell….“

Wenn eine Fußball-Mannschaft gegen ein Team von ählicher Qualität in dessen Stadion mit 1:2 verliert, spricht und schreibt man in der Regel von einem Desaster, von einer Pleite oder einem Fiasko. Auch die Blamage, das Debakel, der Flop und die Katastrophe werden zur Beschreibung einer Niederlage von 1:2 gegen eine gleichwertige Mannschaft in deren Stadion eingesetzt.
Feingeister nutzen auch den Begriff der Tragödie.

Es wird nur noch gekreischt, gelärmt, krakeelt.

Der Verlust der Zwischentöne, die Verschüttung der Mittelwege, der Abstufungen und Nuancierungen zwischen sprachlich mutierten Brachial-Blöcken, der mangelnde Einsatz von sensibel formulierter Wertigkeit treibt die emotionalen und rationalen Ebenen einer sinnvollen Kommunikation in die unzivilisierten Niederungen primitiver, infantiler Brunst-Schreie.
Der Wegfall dieser Welt reicher Schattierungen zwischen „überragend, perfekt, grandios“ und „desaströs, katastrophal, blamabel“ führt zu unsäglich vergröberten Denk-u.Beurteilungsstrukturen.

Und wie wird man die Forschungergebnisse benennen, welche z.B. die Krankheiten Krebs und Aids aus der künftigen Menschheitsgeschichte tilgen würden, wenn die Begriffe „sensationell“ oder „historisch“ schon für die hundertprozentige Trefferquote bei einer Schussserie innerhalb eines Biathlon-Wettkampfes vergeben sind, liegend oder stehend?

Oder wie wird man künftig Sophie Scholl, Dietrich Bonhoeffer, Janos Korczak beurteilen, wenn der Begriff „Held“ schon einem Fußballer verliehen wird, der während eines Meisterschaftsspiels aus vierzig Metern den Ball im Tor versenkt?

Oder wie soll man z.B. Attila und Robin Hood einordnen oder Störtebeker und Vlad III.Draculea, wenn der Begriff „Legende“ schon für einen Boxer verwendet wird, der seinen Gegener derartig malträtierte, dass er abschließend nur noch als roher Fleisch-Klops aus dem Ring gerollt werden konnte?

Fragen über Fragen.
Doch wer weiß das schon.
Denn es ist ein weites Feld (Fontane)


juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de
ILEFLoffsen2005198309092012dorHH

Februar 21, 2018 - Posted by | Leipzig

Du hast noch keine Kommentare.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: