Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die eher unregelmäßig bearbeitete Serie: „Jürgen Henne und die Verstreuungen des Alltags.“

Schkeuditz, Art Kapella, ehemalige Friedhofskapelle

Verstreuung I

„Cluster und Linien“

Ausstellung in der Art Kapella Schkeuditz.

Freya Richter, Rauminstallation
Anja Kleinmichel, Klavier, Musik von Galina Ustwolskaja







In einem Begleittext zur Ausstellung wird von Freya Richters „Raummalerei“ geschrieben, die sie seit 2004 in zahlreichen Umgebungen zelebriert.
Von einer festgelegten Sammlung unterschiedlicher Gegenstände, die den Raum „immer wieder anders befragt“, begleitet von der Musik G. Ustwolskajas.
Raummalerei und Musik entwickeln, entsprechend verbunden mit dem jeweiligen Umfeld, neue und unverwechselbare Dimensionen.

Klingt ziemlich wichtig, ist nicht ausufernd originell und ich konnte diese Wirkung nicht nachvollziehen.
Denn bei meinem Besuch in Schkeuditz lagen, standen, schwebten Kleidungsstücke, Taschen, Brotbüchsen, Getränkebehälter,….zwischen Freya Richters Raummalerei.
Auch G.Ustwolskajas Musik vermisste ich schmerzlich.

An einem Tisch im Zentrum der ehemaligen Friedhofskapelle saßen die Eigentümer von Kleidungsstücken, Taschen, Brotbüchsen, Getränkebehältern,…. eine Formation malender, zeichnender Zeitgenossen, die altersmäßig weitgehend in der zweiten Hälfte der Jahreszahlen zwischen 1.u.100 angesiedelt waren.
Ein wunderbarer Anblick.
Doch eine konzentrierte Ausstellungsbegehung war dadurch nicht möglich.

Als eine Teilnehmerin den Grund meines Besuches zur Kenntnis nahm und etwas genervt, vielleicht auch etwas spöttisch, ein wissendes „Sowas nennt man heute Kunst!“ formulierte, prophezeite ich mir selbst einige unterhaltsame Minuten.

Ich versuchte, mimisch meine Distanz zu diesem unreflektierten Verhältnis gegenüber zeitgenössischer Kunst auszudrücken, worauf ein stattlicher Mann mich etwas herrisch aufforderte: „Nun erklären sie uns doch diese Kunst!“

Meine Antwort reduzierte sich auf die lakonisch vorgetragene, natürlich etwas überspitzte Feststellung: „Kann ich nicht, will ich nicht, interessiert mich auch nicht“ und vertiefte diese Selbsteinschätzung mit dem Hinweis, dass mich spontan abgespulte, nervig dahin gelaberte Frontal-Interpretationen von Kunstwerken erstklassig anöden.

Es folgte ein kollektives Lächeln der Hobby-Künstler, scheinbar unterlegt mit der Gewissheit, irgendeinen Blödmann vor sich zu haben, der nur im Wege herumsteht.

Ich begann darauf inständig zu mahnen, sich mit zeitgenössischer Kunst einzulassen (auch mit Musik, Literatur…) und bat darum, Linien zeitgenössischer Kunst zu den gegenwärtigen Ebenen und Verhältnissen sich gnadenlos wandelnder Gesellschaften zu ziehen.
Und nun folgte das gesamte Angebot von Klischees, dem ich mich seit meinem 20.Lebensjahr stelle, also seit Ende des dreißigjährigen Krieges: „Derartige Kunst kann ich auch“, „Das kann mein fünfjähriger Urenkel besser“, „Früher konnten sie wenigstens noch richtig malen“, …..
Ich redete dann von der Notwendigkeit zeitgemäßer Kunst, von der Überflüssigkeit kollektiver Interpretationen und von individuellen Bereichen der Kunstherstellung, auch der Kunstverarbeitung, rühmte die emotionale Wucht farblicher Kontraste, die Feinheit von Strukturen, die Schönheit „inhaltsfreier“ Kompositionen in einer gegenstandslosen Kunst und wagte auch einzelne Abstecher zur Ikonographie in den Zeiten des Mittelalters, der Renaissance…und besonders des 21.Jahrhunderts.

Es blieb viel Skepsis.
Doch verließ diese Unterhaltung nie das Level der Lockerheit und endete ohne aggressive Nuancen.
Da gab es z.B. nach der Aufstellung der Beethoven-Skulptur vor dem Bilder-Museum (Lüpertz) oder innerhalb der Reaktionen auf die Perspektiven, die Andris Nelsons als künftiger Gewandhaus-Kapellmeister ankündigte, bemerkenswert streitsüchtigere, zänkische, bornierte Beiträge („Das wird sich Leipzig nicht bieten lassen“, zu Nelsons).
Eine dümmliche Anmaßung von einem gesamten Leipzig zu sprechen.

Auch ich quälte mich nicht selten durch Dispute, besonders in privatem Bereich, innerhalb derer mir schien, als würden die Arme meiner Gesprächspartner, hinter dem Rücken verschränkt, eine Kalaschnikow formen.
Auch die Aufbewahrung zeitgenössischer Künstler in Arbeitslagern wurde gefordert, Komponisten und Schriftsteller eingeschlossen.

Natürlich hat dabei auch die hiesige Presse ein gerüttelt Maß Verantwortung zu tragen.
Denn man schreibt dann doch eher leichtfüßig über irgendeinen „Vetter aus Dingsda“, beschreibt in einem hochgradig entbehrlichen Text einen singenden Partei-Agitator aus unsäglichen DDR-Zeiten, feiert auf zentralen Seiten irgendwelche Jubiläen von einhundertjährigen Sängern und preist die Neuveröffentlichung von schlechten DDR-Filmen.
Beiträge über Konzerte mit zeitgenössischer Musik werden dann neben eine Pudding-Werbung von Lidl eingeordnet.

Öffnungszeiten der Art Kapella

Di, Mi, Sa, So 13-17 Uhr, bis 18. Februar.
Bis gestern wurde auf der Homepage noch die Ausstellungsdauer 21.Januar – 28. Februar angegeben.

Während der Öffnungszeiten am 17.2 u. 18.2. spielt Anja Kleinmichel Klaviermusik von Galina Ustwolskaja.


Verstreung II

Ein Kultursender beschreibt Rod Stewart u.a. als Mitglied der Small Faces.
Aber nicht doch!
Rod Stewart war nie Musiker der Small Faces, er trat 1969 den Faces bei, nachdem Steve Marriott, Sänger und Zentrum der Small Faces diese Band verließ und die Faces als deren Nachfolge agierten, aufgefüllt mit Musikern anderer Bands.

Verstreung III

Ein Kultursender spielte eine eher mäßige Cover-Version von „What a Wonderful World“ und datierte dann mit dem Gefühl musikhistorischer Faktensicherheit das Original in das Jahr 1986, ohne dessen Interpreten zu nennen.
Aber nicht doch!
Der Song wurde 1968 veröffentlicht und von Louis Armstrong gesungen.

Ich vermute, derartige Fehlgriffe werden inzwischen als Normalität akzeptiert und Berichtigungen als überflüssige Anstrengung bewertet.



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Februar 16, 2018 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar