Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Schmidt geht, Weidingers Alleinstellungsmerkmale, meine Steuern für Nelsons, die Castrop-Rauxeler Malerschule, Trinkgefäße des Schreckens und Leipzigs Weltoffenheit

Ich hatte durchaus frohlockt, als sich Riccardo Chailly von Leipzig verabschiedete und Andris Nelsons als Kapellmeister des Leipziger Gewandhauses angekündigt wurde, mit dem gerüttelt Maß baltischer Toleranz gegenüber zeitgenössischer Musik im Taktstock.

Er gab dann auch umgehend bekannt, die Musik des 20./21. Jahrhunderts in seinen Konzert-Programmen angemessen zu würdigen.

Natürlich meldeten sich sofort irgendwelche Simpel-Bodos, die auch in Leserzuschriften an die hiesige Zeitung ihre einfältigen Meinungen auskeiferten und von der Verschwendung ihrer Steuergelder kreischten und von einem Leipzig, daß sich diese Programmveränderungen nicht bieten lassen wird.

Welch eine Anmaßung.
Leipzig lässt sich dieses und jenes nicht bieten, ich also eingeschlossen.
Ich werde mir in reichlicher Zahl und freudig die Konzerte mit Nelsons bieten lassen und dafür eine erkleckliche Summe an Steuern zahlen.
Jawohl, das werde ich, ihr Pfeifen.

Und ich näherte mich auch keineswegs depressiven Zwischenstationen als Hans-Werner Schmidt den Chef-Hocker verließ und die Tür des Leipziger Bildermuseums entgültig von außen in das Schloss drückte.
Die Abstände zwischen meinen Besuchen des Hauses in der Katharinenstraße verlängerten sich während seiner Amtszeit kontinuierlich und beängstigend.

Seit 1.August hat der Österreicher Alfred Weidinger nun Schmidts Schemel übernommen, Fachmann für Klimt (siehe unten) und Kokoschka.
Nicht gerade meine Favoriten für die Kunst der vergangenen einhundertundzwanzig Jahre, doch diese Tatsache ist natürlich unerheblich.

Gustav Klimt: „Der Kuss“
Aus meiner kleinen Sammlung: Trinkgefäße des Schreckens.

Doch eines Museums-Direktors Konzeption sollte natürlich erheblich sein.
Und Alfred Weidinger wählte als ersten Ansprechpartner zur Entgegennahme Leipziger Kunstgeschichten und zur örtlichen Unterstützung den Maler Arno Rink, dem dann auch die erste Personalausstellung unter Weidinger mit dem selten dämlichen Motto „Ich male“ zugeschlagen wurde, ein typisch lächerliches DDR-Vokabular.

Und deshalb dröhnen bei mir schom ziemlich frühzeitig die Pessimismus-Glocken.
Der Verfasser eines LVZ-Artikels bezeichnet dann Arno Rink als Doyen der zeigenössischen Malerei in Leipzig.

Ich denke, es wäre eher müßig, dem Autor grundsätzliche Kapitel Leipziger Kunstgeschichte der vergangenen Jahrzehnte zu präsentieren und über expressiv-gestische, ekstatische Malerei (z.B. Hartwig Ebersbach, natürlich auch B.Heisig)) und zeichnerisch-akribische, präzis pragmatische Vorstellungen (z.B.Arno Rink, s.o.) zu referieren, Kategorien, welche die Leipziger Malerei seit der zweiten Hälfte des 20 Jahrh. wesentlich bestimmen.
Nur ein kurzer Hinweis:
Wenn Doyen als Ältester begriffen wird, müsste man z.B. Hartwig Ebersbach diesen Titel zuordnen, denn er ist älter als Rink und seine Verdienste für Leipzigs Kunst sollten höher taxiert werden als Rinks Hochschul-Direktorat.
Deshalb würde ich mich auch bei einer Verwendung von Doyen als führende, verdienstvollste Person auf einem bestimmten Gebiet für Ebersbach entscheiden, mitnichten für Rink.
Hilfreich wäre es aber, vollständig auf diesen beknackten Begriff zu verzichten, zumindest im Bereich der Leipziger Kunst.

Natürlich existierten in dieser Stadt auch immer künstlerische Äußerungen, welche sich in die starren Kataloge nicht einordnen lassen.
So würden sich fraglos z.B. die Leipziger Maler und Grafiker Kurt Dornis, Gerhard Altenbourg, Karl Krug, Gil Schlesinger, Günter Thiele, Kurt Mäde, Peter Sylvester, Dietrich Gnüchtel u.v.a vehement weigern, in diesen stilistischen Kisten abgelagert zu werden.

Und dennoch wird immer wichtig und „gelehrt“ von der „Leipziger Schule“ und der „Neuen Leipziger Schule“ geplaudert.
Wikipedia charakterisiert das scheinbar einmalige Wesen der Leipziger Schule folgendermaßen:

Der Begriff „Leipziger Schule“ beschreibt keine bestimmte Lehrmethode. Im Gegenteil, die Leipziger Schule weist ein Nebeneinander unzähliger Stilformen auf. Doch stil- und generationsübergreifend steht sie für hohen künstlerischen Anspruch, verbunden mit bewusster Gesellschaftsanalyse, vorgetragen mit bemerkenswertem handwerklichen Können.

Irritiert mich erheblich.
Hoher künstlerischer Anspruch, bewusste Gesellschaftsanalyse, bemerkenswertes handwerkliches Können als markantes, einzigartiges Merkmal einer geografisch festgelegten Kunstszene.

Ich vermute ernsthaft, dass auch Künstler in Suhl, Meppen und Castrop-Rauxel sich durch hohen künstlerischen Anspruch auszeichnen, verbunden mit bewusster Gesellschaftsanalyse und vorgetragen mit bemerkenswert handwerklichem Können.

Die Begriffe Suhler Schule, Meppener Schule, Castrop-Rauxeler Schule scheinen mir aber bisher entgangen zu sein.
Diese einfältige Einordnung von Leipziger Schulen geht mir deshalb recht massiv auf die Neben-Kiemen.
FÜr die Weimarer Malerschule oder die Schule von Barbizon (beide 19.Jahrh.) kann man infolge der engen inhaltlichen und handwerklich-künstlerischen Bindung der einzelnene Künstler durchaus die Vorstellung einer „Schule“ gelten lassen.
Diese Anwendung für Leipzigs Künstler ist Unfug.

Aber Rink und Weidinger ficht das nicht an und es werden zukünftig massive Aktionen geplant, um „Leipziger Schule“ und „Neue Leipziger Schule“ wahrhaftiger an das Museum und an Leipzig zu binden.
Mir schwinden die Sinne.
Vielleich gibt es auch noch eine „Mittlere Neue Leipziger Schule“ oder eine „prä-Neue Leipziger Schule“ oder eine „post-Neue Leipziger Schule“ oder eine halbmittlere „präpost Mittlere Leipziger Spät-Schule.

Mich dürstet in meiner Heimatstadt nach internationaler Kunst, nach der klassischen Moderne, nach der Malerei des Abstrakten Expressionismus der USA, nach Kunst des 21.Jahrhunderts und mitnichten nach DDR-Kunst der letzten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, die ich eine gefühlte Ewigkeit bis zur Ohnmacht zu DDR-Zeiten ertragen musste, gleichfalls fiebre ich nicht nach der einfältig überbewerteten Kunst in Leipzig während der ersten Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung.

Weidinger preist seine Konzeption mit sechs „Alleinstellungsmerkmalen“ für das Leipziger Museum.
Alleinstellungsmerkmal !!
Wieso genehmigt man einem Leipziger Journalisten ein derartiges Kübel-Wort zu benutzen?

Neben dieser penetranten Dominanz Leipziger Kunst als erstes Alleinstellungsmerkmal wird ähnlich aufdringlich Max Klinger zentral eingeordnet, also das zweite Alleinstellungsmerkmal.
Ich empfand schon, dass unter Schmidt ausschließlich Klinger und Gunter Sachs gezeigt wurden.
Ich bitte darum, keine Ausstellungen mit der unsäglichen Malerei und der unsäglichen Bildhauerei Klingers zu planen.
Meine Sinne würden dann in einer Dauer-Schwindung verharren.
Und die bemerkenswerten Zeichnungen sowie die herausragende Graphik wurden schon befriedigend ausgestellt.
Mit den radierten Blättern kann ich aber natürlich noch eine Ausstellung vertragen.
Pluspunkt für Weidinger.

Im Rahmen der Zelebrierung eines weiteren „Alleinstellungsmerkmals“ (Nr.3) soll sich Leipzig als Stadt der Frauen und des Frauenrechts im Museum präsentieren.
Mein Gott, ist das schlicht, wir haben 2017.
Dazu bemüht man sich um eine Ausstellung der 85-jährigen Yoko Ono, deren Fluxus-Arbeiten ich nur bedingt auf oberen Qualitätsstufen ablegen möchte.

Vielleicht wird Clara Zetkin als Ehrengast geladen.

Womöglich gibt es dann auch bald gehäkelte Sofakissen von Alice Schwarzer zu sehen, mit einem befriedigend strammen Phallus in der Mitte.
Das wäre gewiss ein Alleinstellungsmerkmal.
Man kann gar nicht genug Alleinstellungsmerkmale sammeln.

Außerdem setzt Weidinger auf Fotografie und Medienkunst, er will diese Branchen zu einem Leipziger Alleinstellungsmerkmal küren.
Ich habe auf der Kasseler documenta recht reichlich Fotografie und Medienkunst gesehen.

Markus Lüpertz, „Beethoven“, vor dem Bildermuseum

Und noch ein Alleinstellungsmerkmal.
Weidinger vertraut der Leipziger Weltoffenheit, um „internationale Kunst zum Thema zu machen“.
Hoffentlich bleibt dazu neben den Leipziger Schulen, Klinger und Frauenrechten noch Zeit und Platz.
Außerdem könnten sich für Nelsons und Weidinger bei ihrem Glauben an Leipzigs Weltoffenheit und Toleranz erhebliche Verwicklungen ergeben.

Lüpertz` Bildhauerei (s.o.) wurde z.B. als Frechheit gegenüber Beethoven, als Schande für Leipzig, selbst als Entartung verurteilt.
Keineswegs nur vereinzelte Meinungen und auf meinem Körper bildet sich eine flächendeckende Gänsehaut.

Mein Vorschlag für die erste Ausstellung unter dem neuen Museumsdirektor:
Arno Rink auf die nächsten Jahre vertrösten und eine Gedenkausstellung für Karl Otto Götz kurzfristig anstreben, der sich mit 103 Jahren am vergangenen Sonnabend verabschiedete.
Wäre dann vielleicht auch ein Alleinstellungsmerkmal.
Allerdings auch nicht so richtig.
Denn schon 2014 feierte Chemnitz in einer Ausstellung diesen Maler zu seinem 100. Geburtstag.

So war das 2014:
Als sich vor drei Jahren Ingrid Mössinger in Chemnitz um Karl Otto Götz bemühte,
hingen oder lagen bei Hans-Peter Schmidt im Leipziger Museum fast ausschließlich Bilder Max Klingers und Arbeiten Leipziger Herkunft.

Manchmal werden vergangene Alleinstellungsmerkmale aufgenommen und als kreative Sonderleistung angeboten.
Mir schwant Grausiges.

Aber doch noch einen halben Punkt für Weidinger.
Er bezeichnet Klinger als „furchtbaren Maler.“
Keine tiefschürfende Analyse, aber zutreffend.
Aber eben nur ein halber Punkt, er hätte noch „furchtbarer Bildhauer“ hinzufügen müssen.


juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de
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August 23, 2017 - Posted by | Leipzig

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