Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und Matthias Halbigs „schräge“ Pop-Musik in Großbritannien.

LVZ, vor einigen Tagen über britische Pop-Kultur

Ein Balkon in sommerlicher Blüte, der Eichelhäher krächzt, die Sperlinge tschilpen, der Nachbar brüllt auf seinem Balkon kraftvoll in ein Handy.
Auf dem Tisch zwei Scheiben Toast, etwas selbstgefertigte Aprikosen-Marmelade, ein Würfel Roquefort-Käse, vielleicht noch ein Radieschen und ein Sträußchen Petersilie.
Dazu kalter Kakao, heißer Kaffee und eine Zeitung.
Mitunter wähle ich ein süddeutsches Blatt, gelegentlich Zeitungen aus dem Frankfurter oder Berliner Raum.

Donnerstags greife ich nicht selten zur wöchentlichen Nordküsten-Zeitung, von Deutschlands bekanntestem Kampfraucher wesentlich beeinflusst und ich stelle mir vor, H.Schmidt, W.Churchill, P.S.Hoffman und D.Hopper treffen sich auf einer Raucherinsel in der Nähe des Himmelstors.
Ich vermute, Petrus würde sie in Berserker-Manier mit seinem Schlüssel massakrieren.

Doch wenn ich die erste aktive Morgenstunde mit reduzierter Geisteskraft bewältigen möchte, greife ich auch zur Leipziger Regionalzeitung und wundere mich immer wieder, wie vortrefflich und kontinuierlich es gelingt, unsäglichen Kokolores und beleidigende Inkompetenz auf die Seiten zu heften (Foto oben).

In einem Artkel, der eine Serie über britische Pop-Kultur auf Arte angekündigt, feiert der Autor z.B. Bands wie Herman`s Hermits, Whistling Jack Smith und Mungo Jerry als Vertreter einer schrägen Musikkultur.
Titel wie „I`m Henry the VIII I Am“, „I Was Kaiser Bill`s Batman“ und „In the Summertime“ werden dabei als scheinbar zwingende Beispiele vorgeschlagen.

Ich bin nur noch irritiert, zunehmend von Woche zu Woche und überlege ängstlich, ob ich mich allmählich auf das intellektuelle Ausgangsmaterial der Orks zurückentwickle.
Denn ich empfinde diese Musiknummern, ähnlich dem CEuvre der drei Bands als gefällige, zeitlich angemessene und kommerziell wirkungsvoll ausgerichtete Musik.
Weder musikalische Strukturen noch textlich-inhaltliche Akzente weisen auf „schräge“ Ambitionen.
„I`m Henry the VIII I Am“, wäre auch bei einem Laternenfest mit gegenseitiger Genitalmassage hinter Johannisbeersträuchern im spießigen DDR-Gartenverein „Zum fauligen Rettich“ akzeptiert worden.
Und Mungo Jerry konnte man nur im trunkenen Fehde-Zustand ertragen, wenn die Unterwäsche schon in der noch fettigen Bratpfanne, im Kartoffelsalat oder im Aschenbecher lag und sich mein Halbfreund Bruno meine Zahnbürste in den Hintern geschoben hatte, mit den Borsten nach vorn.
Bei Whistling Jack Smith habe ich dann grundsätzlich abgestellt, ein Grauen.

Bei schräger Musik innerhalb britischer Pop-Kultur der 60er Jahre würde ich spontan an die großartigen Musik-Kaspereien der Bonzo Dog Doo-Dah Band denken.
Oder an den gewöhnungsbedürftigen Gesangsterror Arthur Browns („Fire“)
Und selbst die Beatles produzierten mit dem grandiosen „I Am the Walrus“ einen Song, der musikalisch und textlich ungleich durchgeknallter und skurriler daherkam als die Musik von Herman`s Hermits….(s.o).
Und natürlich „My Generation“ (The Who)
Nichts war damals schräger als das gesangslose Outro dieses Titels.
Wir gingen wie Jeff Goldblum die Wände hoch („Die Fliege“).
Ich hoffe, unser Gesichtsausdruck ähnelte nicht dem seinigen im Endstadium.

Doch mitnichten nur in Großbritannien, wie im Text markig verkündet, wurde Musik produziert, die sich neben den gängigen Normen formierte.
Tiny Tim, der mit Ukulele seine Liedchen abflötete, wäre ein herausragendes Beispiel („Tiptoe Trough the Tulips“).

Außerdem erinnere ich mich unbedingt an Napoleon XIV. und „They`re Coming to Take Me Away Ha-Haaa!“.
Erreichte in der zweiten Hälfte der 60er Jahre die amerikanische Top 5.
Ich war etwas verwirrt, aber auch fasziniert, dass eine derartige Musik in den USA eine beträchtlich Aufmerksamkeit erhielt.

Doch der damals für die behäbige Umwelt kaum erträgliche Elite-Gröler war natürlich „Surfin`Bird“ der amerikanischen Trashmen (1963), fünfzehn Jahre vor den britischen Sex Pistols und Clash.
Es war das Jahr als in Deutschland Freddy („Junge, komm bald wieder“), Billy Mo („Ich kauf mir lieber einen Tirolerhut“) und Peter Alexander aus der Musikbox nölten.

Auch das unübertreffliche „Time Has Come Today“ der Chambers Brothers (unbedingt die Langversion hören) und Iron Butterflys „In-A-Gadda-Da-Vida“ (fast wanzig Minuten) würden mir noch einfallen.
Songs, die während der 60er Jahre um die Welt gingen und in ihrer Zeit eben auch ziemlich „schräg“ waren.

Auffällig schräger als die Musik von Herman`s Hermits….(s.o)

Ich frage mich tatsächlich, ob dieser „Fachmann“ für britische Pop-Kultur sich jemals um einen Einblick in britische, aber auch nordamerikanische und überhaupt globale Pop-Musik bemüht hat.
Sein Kenntnis-Reservoir scheint mir etwas dürftig gefüllt.

Aber für den alltäglichen Journalismus eben durchaus genügend.


juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de
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Juli 19, 2017 - Posted by | Leipzig

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