Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Michaels Formalismusdebatte, Stefanies große Bilder der zweiten Moderne, Jörg-Uwes Held seiner Jugend und Jürgens Biss in den Teppich

LVZ, Kulturseite, vor einigen Tagen, Artikel von Michael Meyer

Man findet Texte, die durch ihre gedankliche und sprachliche Brillanz den anspruchsvollen Leser zu einer wiederholten Auseinandersetzung mit dem gesamten Beitrag, aber zumindest mit ausgwählten Abschnitten treibt.
Ich würde meine Abhandlungen nur ungern aus dieser Kategorie ausschließen.

Aber natürlich gibt es auch andere Texte, die mehrmalig zur Kenntnis genommen werden. Doch in diesen Fällen eher zur Vergewisserung, ob innerhalb einer überschaubaren Wort-Menge tatsächlich derartig gnadenlos frappierende Unkenntnis und beleidigende Oberflächlichkeiten verteilt wurden.

Die Ausstellungs-„Kritik“ zu einer Mattheuer-Ausstellung in Rostocks Kunsthalle (LVZ, 4.Juni, 2017) erfordert diese Einordnung.

Schon die Überschrift irritiert mich („Große Bilder einer zweiten Moderne“)

Mattheuers „zweite Moderne“ wird dann nochmals im Text wiederholt.
Verstehe ich nicht.
Mattheuers Bilder als eine „zweite Moderne“.
Erschließt sich mir tatsächlich nicht.

Sicherlich hatte sich Stefanie Michels von der Leipziger Galerie Schwind um Originalität bemüht.
Und zumindest klingt „zweite Moderne“ ziemlich wichtig und schick.
Nur der Inhalt ist von beklemmender Einfalt.

„Moderne“ wird während der vergangenen Jahrhunderte nicht selten etwas fahrig eingesetzt, abhängig von historischen Positionen und unterschiedlichen Akzentsetzungen bei gesellschaftlichen Abläufen, nicht nur bei bildender Kunst, bei Literatur und Musik.
Schon in spätantiken Schriften finden sich dazu Gelehrten-Debatten.
Auch Baudelaire wird um die Mitte des 19.Jahrhunderts als Garant der literarischen Moderne eingesetzt.
Gleichfalls der Naturalismus und der Jugendstil wurden mit Lorbeeren der Moderne beschenkt.
Eigentlich hätte sich auch C.D.Friedrich angeboten, mit seinem avantgardistischen Naturverständnis.
Oder William Turner, mit ähnlichen Lebensdaten und einer Hinwendung zu radikal vorgetragenen Impressionismus-Overtüren.
Und natürlich agierten die großen Einzelkämpfer Cezanne, van Gogh, Gauguin, Munch und Ensor als gewichtige Türsteher an den Portalen zur Moderne.

Es gäbe also reichlich Möglichkeiten, „modernes“ Material unterschiedlich einzuordnen.

Als arg vereinfachten Hinweis könnte man man die „Moderne“ als Überwindung herkömmlicher Traditionen, angetrieben durch kulturelle, wirtschaftliche, soziologische, politische…Entwicklungen, gelten lassen.
Also ein Kübel endloser Interpretationen.

Und ab Beginn des 20. Jahrhunderts wurde es dann richtig modern.
Die „Fauves“ klatschten mit ungeschliffenen Pinseln ihre französische Farbe auf die Fläche, die Expressionisten der „Brücke“ und des „Blauen Reiters“ zelebrierten ihre Farb-Exzesse und ihre Tendenz zur Abstraktion
Marinettis Futurismus wollte die gesamte abendländische Kultur zerstören und der Dadaismus animierte das apathische Bürgertun zu Kotz-Orgien.
Ziemlich viel Moderne.

Und nun Mattheuer als Gründer oder zumindest als Teilnehmer einer „zweiten Moderne“ ?
Erschließt sich mir immer noch nicht.
Zumal im Artikel wenige Zeilen später die „besonderen“ Nuancen seiner Kunst abgeleiert werden.
Also pop-artig, sachlich, surreal, sozial realistisch, zugehörig zur figurativen Moderne…
Für den Artikelschreiber gibt es nähmlich nach dem zweiten Weltkrieg nicht nur zwei Deutschlands, sondern auch zwei Kunstströmungen, der ostdeutschen „figurativen Moderne als sozialer Realismus“ würde man dann Mattheuer zuschlagen.
Dazu kein Wort von mir, ist einfach zu blöd.
Klingt aber erneut schick und gelehrt.

In meinem kunsthistorischen Gedächtnis bilden sich im Zusammenhang mit pop-artigen, surrealen, sachlichen Akzenten dann Namen wie Kanoldt, Schad, Schrimpf, Lichtenstein, Oldenburg, Wesselmann, Magritte, Delvaux, Oelze…
Elemente von Vertretern wichtiger Kunstströmungen, die Mattheuer duchaus aufgenommen und mehr oder weniger originell und qualitätsvoll verarbeitet hat, wogegen natürlich kein Einwände bestehen sollten.
Doch für diese Erkenntnis bedarf es keiner tiefschürfenden Kunstgeschichts-Kenntnisse.
Das erkennt jedes Frettchen mit grauem Star.

Auch deshalb reduzieren sich bei mir auch keineswegs die Irritationen, wenn ich zur Kenntnis nehme, dass Mattheuer zu irgeneiner „Moderne“, gleichgültig ob 1.Moderne, 2.Moderne oder 647.Moderne zugeordnet wird.
Denn bei aller gelegentlichen Originalität in Mattheuers OEuvre dominiert doch der Eindruck eines Konglomerats und einer nicht immer erträglichen Plakativität.

Aber es kommt noch viel feinsinniger.
Jörg-Uwe Neumann, Direktor der Rostocker Kunsthalle, wirbt für seine Ausstellung:

„Manche halten Mattheuer für den größten Künstler des 20.Jahrhunderts.
Für mich ist er auf jeden Fall der größte Künstler der DDR gewesen. Der Held unserer Jugend“.

Ich beiße in den Teppich und vermute, ich könnte aus dem Stegreif 1000 Künstlernamen nennen, deren Bedeutung für das 20 Jahrhundert ungleich höher anzusetzen wäre, z.B. Arp, Archipenko, Albers bis Zadkine.
Und das ist keineswegs eine Frage des Geschmacks.
Denn künstlerische Qualität ist mitnichten eine Frage des Geschmacks.

Außerdem bitte ich um einen angemessenen Einsatz des Possessivpronomens.
Die erste Person Singular wäre zwingend.
Denn durch die erste Person Plural fühle ich mich geknebelt, instrumentalisiert sozusagen.
Ähnlich wie „Deutschland unter Schock“, „Deutschland in Schockstarre“,….

Wenn einem Nationalspieler der deutschen Fußballtruppe ein Camembert auf die Nase klatscht, auf den Rängen gezündet, würde es bestimmt in der Presse heißen:

„Deutschland unter Schock“ oder „Deutschland in Schockstarre“
Vermutlich auch „Deutschland unter historischem Schock“ oder „Deutschland in historischerr Schockstarre“.

Denn heute ist irgendwie alles historisch.

Ich bitte zukünftig um eine Modifizierung:
„Deutschland unter historischem Schock – außer Jürgen“ oder „Deutschland in historischer Schockstarre – außer Jürgen“.

Also, Herr Neumann, ich bitte um „Held meiner Jugend“ und keinesfalls „Held unserer Jugend“.

Denn Mattheuer konnte ich nie mit einem Helden-Status beschenken.

Diese Grafik von Max Uhlig konnte man innerhalb der Schostakowitsch-Tage vor zwei Wochen in Gohrisch erwerben.
Der Ersatz durch eine Arbeit Mattheuers wäre für mich undenkbar.

Ich neigte z.B. eher zu der Kunst von Hermann Glöckner, Max Uhlig, Carl-Friedrich Claus, Hartwig Ebersbach, anfänglich auch zu Gerhard Altenbourg.
Von den weitgehend systemtreuen Künstlern der DDR bevorzugte ich eindeutig Bernhard Heisig.

Es gäbe noch viel über den Artikel von Michael Meyer zu speien.

So wird der „deutsch-deutsche Bilderstreit“ auf einer Ebene mit der unsäglichen Formalismus-Debatte in der DDR (Anfang der 50er Jahre) abgelegt.
Eine unerhörte Gleichstellung von Bedeutung und Wirkung zweier völlig unterschiedlichen Abläufe.

(Mein Beitrag über die Formalismus-Debatte in „ART Position“ kann im „documenta-archiv“ Kassel gelesen werden.)

Die Ausstellung in Rostock läuft scheinbar unter dem Titel „Bilder als Botschaft“.
Was sonst?
Ein feines Anliegen.
Toll!
Man zeige mir ein Bild ohne Botschaft.

Und im Artikel wird die Ausstellung als „Museumsdschungel zum Gucken“ , dicht gehängt, angepriesen.
Ich weiß nicht, wodurch sich ein Museumsdschungel auszeichnet, vielleicht durch enge Hängung.
Ich verabscheue eine enge Hängung und favorisiere eher Museumssavannen oder Museumssteppen.
Und natürlich sollten Museumsdschungel, Museumssavannen, Museumssteppen zum Gucken sein.
Und man sollte unbedingt gucken, denn sonst sieht man ja nicht, ob der Museumsdschungel, ob Museumssavannen und Museumssteppen etwas zum Gucken bieten.
Aber selbst bei Ausstellungen ohne aufgehängte Bilder sollte geguckt werden, denn sonst kann man ja nicht sehen, dass es nichts zum Gucken gibt.
Ein weites Feld, Herr Neumann.
Daran müssen Sie noch arbeiten.


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Juli 9, 2017 Posted by | Leipzig | 1 Kommentar