Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, eine Offenbarung, Qualitäten und Besucherzahlen auf der Leipziger Buchmesse und mit MJKRRWBWCW 1990 auf der Alten Radrennbahn in Berlin

Digital Camera P42001

Finnische Hütte im finnischen Wald vor finnischem See mit finnischem Buch bei finnischer Stille (Frans Eemil Sillanpää, „Silja, die Magd“) und mit DERJürgen

Meine Vorstellung des Ambientes für eine erlebnis-u.ertragreiche Literatur-Aneignung)

Offenbarung

Ich bekenne meine Ignoranz gegenüber der Leipziger Buchmesse.
Und ich bekenne, öffentliche Lesungen literarischer Texte gleichfalls zu ignorieren.

Denn mir graust vor kollektiver Heiterkeit mit nervenden Knallerbsen, die sich bei humoristischen Passagen mit reduzierter Feinmotorik kreischend das Knie zertrümmern und mitunter den Schritt-Inhalt des Nachbarn treffen und mir graust vor kollektiver Tiefsinnigkeit mit tausend gesenkten Köpfen, die weltschmerzende Kinnlade auf zitternde Hände gestützt.
Ich fliehe vor wichtigen Zeitgenossen, die bei jedem gelesenen Halbsatz „tiefschürfend und wissend“ nicken oder „oppositionelle“ Kopfschüttel-Orgien zelebrieren.
Ich sehne mich auch nicht nach Zeitgenossen, die sich berufen fühlen, jede Interpunktion kommentieren zu müssen und ihre Nachbarn dadurch in die Übelkeit treiben.
Und ich mag abschließend mitnichten eine öffentliche Lesung literarischer Texte eines herausragenden Schriftstellers, der seine herausragenden Texte lausig vorträgt (z.B.Wolfgang Hilbig).
Zum Verständnis eines Buches benötige ich nur wenige Dinge: etwas Licht, meine Augen, meinen Verstand und möglichst das entsprechende Buch.
Und das finde ich in unserer heimatlichen Hütte.
Oder außerhalb unserer Hütte, s.o.

Ende der Offenbarung

Um mich etwas dem Klischee vom Tagesablauf eines Ruheständlers zu nähern, wühle auch ich täglich mindestens dreißig Minuten in verquollenen Schreibtischfächern nach Zeugnissen vergangener Lebensabschnitte, suche nach Fotos und Briefen (auch frivolen Zuschnitts) in fernen Schubladen, filze mich in Verschlägen auf Böden und im Keller durch Zeugnisse kindlicher, pubertärer und „reifer“ Biografie-Details, stöbere und krame in entlegenen Regalmetern nach Gedanken, die ich schon vor Jahrzehnten aufzeichnete, inzwischen vergaß, die aber sicherlich bis heute ihren feinsinnigen und hochwertigen Status erhalten haben.

Doch beendete ich am gestrigen Tag meine Objekt-Entstaubung nach dreißig Sekunden und nutzte die verbliebenen 1770 Sekunden für die Pflege meiner Erinnerungskultur.
Denn ich ortete nach einer halben Minute meine Fundsache des Tages.
Die Eintrittskarte für das Konzert der Rolling Stones am 13.August 1990 auf der Alten Rennbahn Berlin/Weissensee in Ostberlin, für 43 DM, Kartennummer 11056 von ca. 50 000 (s.o.).

Nach Joan Baez in Leipzig und Eric Burdon in Halle war dieser Auftritt nach der Mauer-Zerbröselung mein drittes musikalisches Ereignis mit „Musik aus dem Westen“, vorgetragen von Original-„Musikern aus dem Westen.“
Eric Burdon, damals noch mit dem Hammond-Organisten Brian Auger unterwegs, der gemeinsam mit Julie Driscoll, Rod Stewart und John Baldry während der 70er Jahre eine bemerkenswerte Zeit hatte ( LP: „Streetnoise“, Titel: „This Wheel`s on Fire“ (Cover-Version eines Songs von Bob Dylan), „Indian Rope Man“, Road to Cairo“…).
(Long) John Baldry hörte ich wiederum irgendwann vor 20 Jahren in Leipzigs „Anker“, gemeinsam mit 40-60 Besuchern.
Peinliches Leipzig (siehe Einschub).

Einschub
Und wenn ich zur Kenntnis nehmen muss, dass Kristjan Järvi in Bälde das MDR- Sinfonieorchester verlässt und ich außerdem vermute, dass Andris Nelsons die Leipziger Musikkultur zeitlich nur begrenzt ertragen kann, vermute ich wiederum, dass man sich bald wieder gnaden-u.grenzenlos im 19.Jahrhundert suhlen darf.
Doch gibt es sächsische Alternativen ( z.B. Schostakowitsch-Tage in Gohrisch, Musikszene in Hellerau) und es bleibt hoffentlich bis zum nächsten Urknall Schleiermachers „Musica Nova“ in Leipzig. Nächstes Konzert am 19.April mit Musik von Reimann, Bredemeyer, Schleiermacher, Blacher, Takemitzu.
Einschub, Ende

Das Stones-Konzert wurde auf den 13. August gelegt, 29.“Jubiläum“ der Berliner Ekel-Mauer und die glühendsten Lufttemperaturen seit Ende des Mezozoikums peinigten 50 000 Anwesende.
Gegen 17 Uhr öffneten sich die Tore, ich formierte mich etwa innerhalb der Reihen sechs bis acht, hinter mir die restlichen 49 000 Leiber.
Also stehend von 17 Uhr – 0.15 Uhr, bei zum Teil sadistischer Wetterlage und einer Körperstellung wie Salzstangen in einer zu straff gebündelten Tüte.

Als Vorgruppe könnte Guns`s Roses agiert haben, damals in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Denn „Use Your Illusion“ I+II erschienen erst 1991.
Ich bin mir aber nicht sicher.
Und regelmäßig tönte Snap! mit „Power“ über das ausgetrocknete Feld.
Kein ganz schlechter Titel, ging mir dann aber allmählich auf die Testikel.

Die Rolling Stones eröffneten bei fortgeschrittener Dämmerung mit „Start me up“ aus „Tattoo you“, eine Scheibe, mit der mich eine Freundin Anfang der 80er Jahre beschenkte, erworben in Ungarn (s.o.).
Dann in unkorrekter angegebener Folge: „Mixed Emotion“, „Honky Tonk Woman“, Brown Sugar“, „Gimme Shelter“, „Symphatie for the Devil“, „Jumping Jack Flash“, „2000 Light Years from Home“…..u.s.w.

Das Brimborium der Bühnengestaltung mit aufgeblasenen Frauen und Hunden interessierte mich nur am Rande.

Bill Wyman stand noch auf der Stones-Bühne, er verließ 1993 die Truppe und wird 81.
Es wäre schön, wenn er noch einmal Sachsen wenigstens touchieren würde.

Wyman stand wie gewohnt etwas gelangweilt im Hintergrund, Mick Jagger krähte in das Mikrofon und feierte, gleichfalls wie gewohnt, seine athletische Vollkommenheit, Keith Richards malträtierte wundervoll seine Gitarre, Ron Wood machte sich gelegentlich zum Kuno und bei Charly Woods hatte man mitunter den Eindruck, dass ihm das Verständnis fehlt, worum es hier überhaupt geht.
Eine klare Rollenverteilung, eben wie gewohnt, seit der Einführung des Flaschenzugs.

Nach fast 30 Jahren fügen sich aber doch einige Erinnerungslücken aneinander und ich kann nicht mehr rekapitulieren, ob einer meiner Insel-Songs gespielt wurde, „Tumbling Dice“, von eines der besten Rolling-Stones-Alben („Exile on Mainstreet“).
Aber vielleicht umnebelte mich nach den ersten Tönen schon die Ohnmacht.
Diese Doppel-LP wurde mit Mick Taylor eingespielt, dessen Beitrag für die Musikkultur der Rolling Stones bislang weitgehend verharmlost wird.

Gegen 0.17 Uhr vor fast 27 Jahren war dann Schicht im Schacht und ich fand gestern gegen 16.37 Uhr die Eintrittskarte dazu.
Erfreulicher als der Fund des Billetts für ein Tankstellen-Klo auf der Autobahn nach Castrop-Rauxel von 2014.

Zugabe

Titelseite, LVZ, 25/26.3.2017

Gleichfalls ein Grund, weshalb ich derartigen Vergnügungen weitläufig entfliehe.

Warum nicht einmal, nach entsprechend kompetenter Prüfung:

Leipzig Buchmesse feiert Halbzeit mit verminderter Besucherzahl und erhöhter literarischer Qualität


juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de
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März 26, 2017 - Posted by | Leipzig

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