Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die außerordentlich gern gelesene Serie: „Meine Seniorenempfehlungen für Seniorenstunden an einem Wochentag ohne Neuigkeiten über RBLeipzigTrumpSchulzErdoganinallerFreundschaftHeleneFischerPutinKimJongunAmigos. Heute: „Ein Besuch bei Joachim Ringelnatz, Georg Wrba, bei Dismas und Gestas in Wurzen.“

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Joachim Ringelnatz, Büste neben der Toilette im Hof des Heimatmuseums Wurzen.

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Joachim Ringelnatz, Büste in baufälligem Zustand

Bei der Frage nach Joachim Ringelnatz (Hans Gustav Bötticher), z.B. auf Leipzigs Petersstraße, vielleicht auch Nikolaistraße, z.B. Dienstag gegen 17 Uhr, würden über 50 % unwissend die Schultern schütteln.
Vermute ich.
Und die nachfolgende Frage an Wissende über dessen Geburtsort könnte dann ein ähnliches Ergebnis liefern.
Vermute ich wiederum.
Vielleicht würden sich einige auf Hamburg festlegen, weil sich eine Erinnerung an Ringelnatz als Seemann entwickelte.

Doch mitnichten wurde Ringelnatz im Salz des Nordens geboren.

Denn nicht einmal 30 Kilometer von Leipzigs Nikolaistraße und Petersstraße entfernt, quäkte Ringelnatz erstmalig seine Umgebung zu Boden.
Wurzen heißt die Kuttel-Daddeldu-Stadt.
Also in das Süßwasser der Mulde und nicht in die Salzgischt der Nordsee konnte Ringelnatz während der ersten drei Lebensjahre seine kräftige Nase stecken.

Selbst innerhalb der mitteldeutschen Folklore wird Wurzen eher als Sehnsuchts-Siedlung aller Keks-Verschlinger wahrgenommen, sicher weniger als Standort des ersten Ringelnatz-Nachttopfs.
Und in ferneren Städten wie Castrop-Rauxel, Wanne-Eickel oder Meppen muss man auf die Frage nach Wurzen ohnehin mit einer fast epidemischen Schulterzuckerei rechnen.
Ich kenne ja Wanne Eickel auch nur durch kleine Späßchen wie: „Lieber ein Glas Bier als eine Wanne Eickel“

Dabei kann die Stadt Wurzen ansenhnliche Architektur und eine beträchtlicher Anzahl von Details im Stadtgebiet zur optisch-ästhetischen und intellektuellen Bereicherung anbieten.

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Wurzen, Dom, St.Marien

Mir fehlen die Kenntnisse, ob der junge Hans Gustav bei irgendwelchen religiösen Riten innerhalb seiner dreijährigen, nachgeburtlichen Phase (danach lebte er in Leipzig) im Dom anwesend sein musste.
Natürlich kann ich gleichfalls nicht einen Besuch vor seiner Verbleichung im Herbst 1933/34 bestätigen, während der Jahre einer auffälligen Neugestaltung des Innenraums durch Georg Wrba (1930/31).

Ursprünglich als romanische, flachgedeckte Pfeiler-Basilika erbaut (Weihe 1114),
wurde an der Kirche, wie so üblich, in fast jedem Jahrhundert Hand angelegt.
Erweiterung durch Ostchhor und Sakristei, Einwölbung des Mittelschiffs, Glockeneinbau, spätgotischer Altarraum, Emporen rein, Emporen raus, es gab die Reformation, deren Prediger wesentlich Teile der Innenaustattung zerhackten.
Daran sollte während der aktuellen Luther-Euphorie wenigstens am Rande gedacht werden.
Natürlich gabe es auch Brände, gleichfalls üblich, danach Wiederaufbau im zeitgemäßen Stil.

Am Beginn des 19.Jahrh. überzog man den Innenraum mit neugotischem Design, immer noch üblich, das aber am Beginn der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wieder beseitigt wurde, in Maßen üblich.

Ab 1931 schlug die bronzene Stunde für Georg Wrba, der in jede Ecke eines seiner spätexpressionistischen Bronzegusse stellte, z.B. Kreuzigungsgruppe, Domherrengestühl, Geländer mit Luther-Bildnis, Kanzel mit gewöhnungsbedürftigen Apostelköpfen….

Wrba (1872/1939) studierte an der Kunstakademie in München und stellte sich zunächst den Traditionen Franz von Stucks, nahm aktuelle Tendenzen des Jugendstils auf und orientierte sich während der folgenden Jahrzehnte an einer expressiven Sprache, die nicht selten in heroisch monumentalen, nur schwer erträglichen Entgleisungen kulminierten.
Sein OEuvre ist fast unüberschaubar, fast 3000 Werke, z.B. Brunnen am Neuen Rathaus (Leipzig), Bildhauerei am Neuen Rathaus (Dresden), Maria-Gey-Brunnen (Dresden, Fr.-List-Platz), Bauschmuck, ehemalige Handelshochschule (Leipzig)…

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Wurzen, Dom, Georg Wrba, Kreuzigungsgruppe

Eine lausige Beleuchtungslage und ich hatte meine Foto-Ausrüstung für 17000 Euro in Leipzig vergessen.
Der „gute“ Schächer (Dismas), rechts vom Mittelkreuz mit mitteleuropäischer Physiognomie.
Der „böse“ Schächer Gestas, links vom Mittelkreuz mit auffällig negroiden Nuancen.

Jetzt kann man spekulieren, ob Wrba die verbreitete völkisch-nationale Grundstimmung am Beginn der 30er des vergangenen Jahrhunderts aufnahm oder die Bevölkerungsstruktur in Jerusalem vor 2000 Jahren beschreiben wollte.

Dismas schaut „seinen“ Herrn an, Gestas wendet sich mit verzerrter Grimasse ab.
Er soll ja Jesus noch verhöhnt haben, als die freundlichen Herren mit den Nägeln schon Löcher durch ihre Gliedmaßen gedroschen hatten.
Mit der eher beherrschten und gefestigten Haltung von Jesus kontrastieren die expressiven, fahrigen und raumgreifenden Bewegungen der Schächer.
Das Gegenlicht des Chorfensters verstärkt die dramatischen Abläufe.
Verbindungen zu spätgotischen Kreuzigungen, besoders bei altdeutschen Arrealen, können bedenkenlos gezogen werden.

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Wurzen, Dom, der „böse“ Schächer

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Wurzen, Dom, Zeugnisse des späten Mittelalters, steinerne Figuren um 1500.

Evangelist Johannes mit Adler und Buch

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Otto d.I, Gründer des Bistums Meißen.

Und auch das wäre ein schöner Seniorentag ohne Neuigkeiten über RBLeipzigTrumpSchulzErdoganHeleneFischerInallerFreundschaftPutinKimJongunAmigos…, aber der Weg auf den Spuren der Liudolfinger, der Ostfranken bis zum römisch-deutschen Kaiser.

Von Leipzig nach Wurzen: 30 Km und die Otto-d.I-Statue (oben).

Von Wurzen nach Memleben: 125 Km und die gleichnamige Pfalz mit wundervollen Resten. Sterbeort Otto d.I, und mögliche Vergrabungsstätte seines Herzens und der Eingeweide.
Außerdem starb in Memleben gleichfalls Heinrich d.I (Heinrich d. Vogler), Vater Ottos d.I.

Von Memleben nach Magdeburg: 130 Km, Bestattungsstätte Ottos d.I.

Von Magdeburg nach Quedlinburg: 60 Km, Bestattungsstätte Heinrich d.I.

Nach diesem Tag ohne Neuigkeiten über RBLeipzigTrumpSchulzHelene FischerErdoganInallerFreundschaftKimJongunAmigos… bleibt neben der möglichen Kenntniserweiterung über deutsche Geschichte die Begehung eines kunsthistorischen Weges von europäischer Erstrangigkeit.

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Donatus von Arezzo

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Wurzen, Dom, Georg Wrba, Kanzel

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Wurzen, Dom, Georg Wrba, Kanzel, Detail
Stifter, Domherren als Apostel.
Bei der herrisch-markanten Physiognomie dieser Köpfe entwickelt sich bei mir eine flächendeckende Gänsehaut und in schlechten Minuten und bei der Assoziation an die Kunst der folgenden Jahre (ab 1933) auch ein ausufernder Brechreiz.
Innerhalb freundlich gesinnter und gutlauniger Minuten könnte man natürlich auch an Bronzetüren der frühen Renaissance denken ( z.B.Ghibertis Selbstporträt an der Paradiespforte des Florentiner Doms, gleichfalls Bronze).
Gelingt mir aber nur nach einem Fass Rotwein.

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Wurzen, Dom, Georg Wrba, Chorgestühl

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Wurzen, Dom, Mittelschiff nach West, Kreuzrippengewölbe

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Wurzen, Dom, Westchor, Zellengewölbe



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März 10, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar