Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, MUSICA NOVA, Olivier Messiaen, Palidrome, schwimmende Rückkehrer und ein TaBULLENführer

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Spielplan „MUSICA NOVA“, Gewandhaus Leipzig, Mendelssohn-Saal, vor drei Tagen

Experten der Musik Messiaens‘ haben dieses Programm sicher als Selbstverständlichkeit eingestuft.
Mir gelang dieser Schritt keineswegs.
Ich kannte natürlich die „Turangalila-Sinfonie“ und „Quator pour la fin du temps“, weitere Kammermusik und einige Orgel-Kompositionen und wusste, zumindest theoretisch, von ein paar verstreuten Chorwerken.
Doch Vokalmusik von Messiaen gab es für mich praktisch nicht.
Ich erfreute mich zwar vor etwa zwanzig Jahren an der Leipziger Inszenierung der Oper: „Saint Francois d’Assise“, doch Opern werden weitgehend unter „Bühnenwerke“ eingeordnet.
Vor drei Tagen nun die Liederzyklen „Poèmes pour Mi“ und „Chants der terre et de ciel“ für Sopran und Klavier und mir standen bald vor Anspannung die Haare zu Berge, wie es meine selige Großmutter in ihrer gewohnt folkloristischen Art zu sagen pflegte.
Diese teils schmerzhaft expressiven Gesänge, unterbrochen durch wundervoll lyrische Klavierpassagen, toben, bzw. säuseln mir noch heute durch die Ohren (Sopran: Julia Sohie Wagner / Klavier: Steffen Schleiermacher).

Dank einer Bildungserweiterung durch Schleiermachers launig-amüsant vorgetragenen Einführungen weiß ich jetzt von drei Gesangszyklen. Neben „Poèmes…“ und „Chant…“ gibt es noch „Harawi“, von Musikern und Sängern, seiner Schwierigkeit wegen, auch als „Harakiri“ gefürchtet.
Messiaen lebte einen tiefgläubigen Katholizismus, dessen existenzielle Bedeutung sich prägnant in seinen Noten widerspiegelt.
Er nimmt gregorianische und indische Tonsysteme in seine Kompositionen auf und fahndet mit ornithologischer Leidenschaft nach Vogelstimmen, die er in seine Musik einfügt.
Außerdem besaß er die Gnade, synästhetisch zu empfinden.

Messiaen entwickelt sieben Modi, Tonleitern, weder Dur noch Moll, komponiert unumkehrbare Rhythmen, fasst Kreuzesmotive in Noten und verwendet musikalische Palidrome (Buchstabenreihen, Notenreihen,…mit gleichen Ergebnissen von vorn und hinten gelesen, z.B. Rentner, Kajak. Und eben auch in der Musik möglich).
Diese Erkenntnisse vermag ich aber nicht eigenständig an der vorgetragenen Musik zu gewinnen, es bedurfte der Hinweise Schleiermachers.

Erwartungsgemäß keine journalistische Bearbeitung dieses Konzerts in Leipzigs Tageszeitung.
Ich erinnere mich auch nicht, während der vergangenen Jahre den Resortleiter Kultur und gleichzeitig Musikkritiker auch nur einmal im Mendelssohn-Saal bei „MUSICA NOVA“ gesehen zu haben.
Dafür seit Tagen die gnadenlose Belästigung mit einem LVZ-Glühweintest.
Leser dieser Zeitung hopsen auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt von Glühweinstand zu Glühweinstand, füllen sich mit dieser kochenden Brühe ab und notieren in vorgedruckten Tabellen ihre Beurteilungen.
Ich bekomme von Glühwein Zahnfleischpickel und Geschmacks-Masern.

Bis 31.Mai 2017 werden noch vier Konzerte von „MUSICA NOVA“ stattfinden, u.a. mit Musik von Harrison Birtwistle, Thomas Adès, Steffen Schleiermacher, Galina Ustwolskaya…..

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Brot, Salz, Wein und Musik von Olivier Messiaen, Galina Ustwolskaya, Thomas Adès und Harrison Birtwistle sollte man immer im Haus haben


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„stéle 2016 – Das pneumatische Klavierquintett“
Dienstag, 29.November 2016, 20 Uhr.
Leipzig, Mendelssohn-Haus, Goldschmidtstraße 12.
Musik von Steffen Schleiermacher, Conlon Nancarrow, Wolfgang Heisig, Knut Müller.
Neben zwei Violinen, Viola, Violoncello, also die traditionelle Streichquartett-Besetzung, wird das (die?) Phonola eingesetzt.

Eine Empfehlung, bevor Weihnachtsoratorien, Weihnachtskantaten, Weihnachtsmessen, Weihnachtsmotetten…. uns an die Geburt des Unvergleichlichen erinnern und wir unter dem Gedröhn von entsprungenen Rosen, von fröhlichen Weihnachten überall und klingeling klingenden Glöckchen mit drei bergig gefüllten Einkaufscontainern an zwei Händen durch Supermärkte und Warenhäuser getrieben werden.

Zugabe

Titel eines Films über Peter Handke, soeben in den Kinos angelaufen:

„Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte.“
Großartig.

Ich erinnere mich dann sofort an einen Gedichtband des Leipziger Lyrikers Thomas Böhme:

„Rückkehr der Schwimmer“.
Noch großartiger.

Und ich lese heute die Überschrift der Fußballbeschreibung des Spiels einer Leipziger Mannschaft in Leipzigs Tageszeitung:

„TaBULLENführer“

Ich bemühe mich ja um Toleranz. Und natürlich sind das intellektuelle und sprachliche Ebenen, die zwischen Hawking und Pantoffeltierchen pendeln.
Aber auch bei der Sportseite sollte man um ein Mindestmaß an Anspruch ringen.

juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de
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November 26, 2016 - Posted by | Leipzig

1 Kommentar »

  1. Danke für all Ihre informativen Beiträge und der wunderbaren Begebenheit, dass ich Sie kennenlernen durfte.

    Kommentar von Dr. Katzenberger | November 27, 2016 | Antworten


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