Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und zwei Konzerte in Leipzig

Vor einigen Tagen hüpfte Andrea Berg über die Bühne von Leipzigs „Arena“.
Die Schreibstübchen in Leipzigs Volkszeitung schienen im Ausnahmezustand.

Nach entsprechenden Vorankündigungen wurde die Titelseite (!) des Blattes am Tag nach dem Konzert von der prallen Andrea dominiert, unterlegt mit der Ankündigung, eine ausführliche Kritik der Veranstaltung in der folgenden Ausgabe erwarten zu dürfen.
Tags darauf erhielt diese Drohung tatsächlich eine gedruckte Substanz.
Die Kulturseite platzte aus allen Andrea-Lettern.

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Gleichfalls vor wenigen Tagen in der Leipziger Michaeliskirche ein Konzert mit der Friedenskantorei unter Veit Stephan Budig, seit fünfundzwanzig Jahren verdienstvolles und bemerkenswert qualitätsbewusstes Oberhaupt des Chores.

Gegeben wurden Arvo Pärts „Misere“ und die „Messe f-moll“ Anton Bruckners.

Aber kein Wort in der Leipziger Zeitung, die bei Andrea Berg so entsetzlich abtrieft, kein Halbsatz, nicht einmal ein Semikolon.
Nicht vor dem Konzert, danach ebenfalls eine vollständige Beachtungs-Askese.

Budig dirigiert das Weihnachtsoratorium des vorzeitlichen Thomaskantors und das deutsche Requiem von Brahms. Feine Musik.
Aber eben auch Arthur Honeggers „König David“ oder die „Psalmensinfonie“ Strawinskys.
Gleichfalls feine Musik
Nicht selbstverständlich in dieser Stadt.
Doch kein Wort in Leipzigs einziger Tageszeitung, nicht einmal ein unauffälliges Ausrufezeichen.
Aber die Schreibstübchen werden sich bald wieder aufheizen, denn Ende Januar gibt es ein Zusatzkonzert.

Doch nicht mit Musik von Pärt, Strawinsky, Honegger….
Auch nicht von Alban Berg oder Arnold Schönberg.
Desgleichen nicht von Boulez, Samuel Barber, Birtwistle, Bartok, Berio, nicht einmal von B.Britten.
Ein anderes großes „B“ wird wieder durch Leipzigs „Arena“ hüpfen.

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Etwas Pärt sollte man immer im Haus haben

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Das Studium der „Kritik“ in Leipzigs Tageszeitung zum Gesangsabend von Andrea Berg unterbrach ich nach wenigen Sätzen, eine Frage der Prioritäten und der Gesundheitserhaltung.
Beim emotionalen Finale des Textes habe ich mich dann wieder zugeschaltet.

„Dann ist Schluss. Draussen warten die Taxis und der Alltag. Drinnen wird der Glücksdrache wieder abgebaut.“ (LVZ, Jürgen Kleindienst)

Für diese hochtourig-philosophischen Betrachtungen über die Fragilität existenzieller Abläufe hätte der Verfasser innerhalb des Schweriner Poeten-Seminars zu finstren DDR-Zeiten sicher einen Trostpreis erhalten.

Kulturtipp
Heute, 20 Uhr, Arte.
„Capote“ mit dem unvergleichlichen P.S.Hoffman.
Und danach bis morgens fünf Uhr andere Filme mit Hoffman sehen.
Es gibt reichlich davon.
Selbst „Radio Rock Revolution“ ist ansehnlich.
Es geht um den Sender „Radio Caroline“, der mir besonders durch den Moderator Dave Lee Travis in Erinnerung bleibt.
Er moderierte ab Mitte der 60er Jahre neben Uschi Nerke den „Beatclub“ und kündigte u.a. Jimi Hendrix, Cream, Who, Small Faces, Animals, Dave Clark Five, Chris Farlowe, Vanilla Fudge, Trafficc, Canned Heat…………..an.
Mir kommen die Tränen.

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November 16, 2016 Posted by | Leipzig | 1 Kommentar