Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und das „Sonntagsrätsel“ auf Deutschlandradio Kultur

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Wenn die Strukturierung des Sonntags es erlaubt, genehmigen wir uns mitunter das „Sonntagsrätsel“, 10.30-11.00 Uhr auf Deutschlandradio Kultur.
Dreißig Minuten wundervolle Behäbigkeit. Ein Musiktitel-eine Frage, ein Musiktitel-eine Frage, ein Musiktitel-eine Frage…
Und immer wieder diese rituell vorgetragenen Einladungen: „Neues Spiel, neues Glück“ und „Wer wagt, gewinnt“…irgendwie aus den 50/60er Jahren, bei jeder Sendung.
Genau die angemessenen Minuten, schon wieder etwas ermüdet, den Pflaumenmus-Toast und das Frühstücksei wiederzukäuen.

Doch Hans Rosenthal, der vor über fünfzig Jahren die Sendung entwickelte, dürfte wohl inzwischen nicht zu seinem gefeierten Ritus „Das war Spitze“ (oder so ähnlich) ansetzen, wenn er den aktuellen Anspruch der Sendung zur Kenntnis nähme.
Er würde eher wie Carrie in Brian De Palmas gleichnamigen Film seinen Arm aus der Erde drehen, um Uwe Wohlmacher zu würgen.
Denn Wohlmacher agiert als gegenwärtiger Moderator, vielleicht auch ein Thema für De Palma.

Wir sind natürlich getrieben, die sechs Fragen ohne Hilfsmittel zu bewältigen, es gelingt weitgehend.
Wenn aber nach Fontane gesucht wird, den Wohlmacher in die Literatur der deutschen Romantik einordnet, wird mein literaturhistorisches Selbstbewusstsein erheblich gestört.
Nur ein Beispiel ständig ausufernder Defizite und Irrtümer innerhalb der Sendung.

Meine unaufdringlichen, einsätzigen Hinweise auf diese Fehlgriffe werden erbarmungslos ignoriert.
Korrigierende Hinweise in den nächsten Sendungen scheinen Wohlmacher und der Redaktion gleichfalls überflüssig.

Vor vierzehn Tagen die Frage nach dem Handlungsort von Bizets „Carmen“ („gähn“), gestern dann die Frage direkt nach Bizet („gähn“).
Mir scheint, Wohlmacher türmt um sich Opernlexikon, Operettenlexikon, Filmmusiklexikon, Schlagerlexikon, Rocklexikon, Volksmusiklexikon….tippt mit geschlossenen Augen auf einen Text, den er dann mehrmals nutzt.

Aber auch etwas skurrile Abläufe ergeben sich.
So behelligte er vergangene Woche den Zuhörer mit der Frage nach dem ursprünglichen
Titel von Rossinis „Barbier von Sevilla“ bei der Uraufführung (Anfang des 19.Jahrh.).
Ich gönne mir das Urteil, grundsätzliche, doch auch detaillierte Zusammenhänge der Musikgeschichte erfasst zu haben.
Doch diesen ursprünglichen Titel kennt keine Sau.
Er lautet: „Die nutzlose Vorsicht“, noch die gehört.
Für Fachleute der Musik Rossinis oder der italienischen „Opera buffa“ sicher interessant.
Doch der Zufall hat eben Wohlmachers Finger auf „Die nutzlose Vorsicht“ gedrückt und schon muss diese dusslige Frage gestellt werden.

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Kiste ohne Tonträger

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Stapel (Tonträger), nicht ganz im Lot, doch keineswegs wacklig

„Feinklingende“ Wörter müssen dann Buchstabe für Buchstabe zusammengestellt werden, z.B.Ladung, Hantel, Stapel, Kiste….
Man hört also Musikbeispiele von Verdi, Puccini, Händel und das Lösungswort ist dann „Kiste“

Vorgestern war „Zeiger“ dran, auch nicht gerade der Gipfel sprachlicher Ästhetik.
Doch hätte ich dem Einsatz dieses Wortes am Wochenende der Zeitumstellung noch etwas Verständnis entgegen bringen können.
Aber der Finger zuckte eben erst eine Woche später auf „Zeiger“.

Bei „Stapel“, gleichfalls kein sprachlicher Knaller für eine derartige Sendung, wurde als Hilfestellung angeboten: „Kann unter Umständen wacklig sein.“

Kann natürlich wacklig sein, so ein Stapel, muss natürlich nicht.
Er kann wacklig sein, wenn er wacklig gebaut wurde.
Aber auch weniger wacklig, wenn er weniger wacklig gebaut wurde.
Ein Stuhl kann auch wacklig sein, auch ein Pudding. Ich denke dabei an Wackel-Pudding.
Auch mein Kopf kann sich den Zustand der Wackligkeit nähern, wenn ich in wenigen Jahren in die Debilität eintrete.
Auch Hodensäcke, die beim Volleyball an den FKK-Stränden dieser Welt über den Sand stürzen, können natürlich wackeln, bzw. wacklig sein.
Stapel können wacklig sein, fein beobachtet.

Ich verweise darauf, diese Sendung ist keine Satire und Wohlmacher eigentlich kein Spaßmacher.

Die Fragen erscheinen dann einige Stunden später auf der Homepage von „Deutschlanradio Kultur“, ohne Musiktitel, mit deren Hilfe man die Lösung finden soll.

Bei der vorgestrigen Fragestellung nach Bizet heißt es dann: „Sie hörten „L’Arlésienne“ eines französischen Musikers.“
Wir hörten mitnichten „L’Arlésienne“.
Wir hörten einen zweiminütigen Absatz.
Denn „L’Arlésienne“ besteht aus zwei Suiten.
Die erste, wesentlich bekanntere Suite, klingt fast zwanzig Minuten.
Doch diese Genauigkeiten erwartet man schon gar nicht mehr.

Das Stück sollte man immer wieder einmal hören, eine ausgesprochen unterhaltsame Musik.
Bei Bizet gibt es eben nicht nur „Carmen“
Die sogenannte „Freundschaftsarie“ aus seinen „Perlenfischern“ war z.B. eine der ersten, vorpubertären Glücksgefühle vor meinem Kofferradio.

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Eine meine frühen Tonträger-Erwerbungen mit Bizets „Freundschaftsarie“ und den Zeugnissen häufiger Benutzung.

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November 8, 2016 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar