Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Heinz Florian Oertel, Sport in Rio, tänzelnde Pferde, schlurfender Wottle und geniale Wunder, wahnsinnige Sagen, sensationelle Legenden, legendäre Schocks, historische Wunder, spektakuläre Genies, sagenhafte Legenden, geschockter Wahnsinn, spektakuläre Sensation, legendäres Wunder, historisches Genie, einmalige Wahnsinnssensation, wahnsinniges Legendenwunder, historisches Sensationsspektakel…….

buerkle111

Dave Wottle, USA, Olympiasieger, 800 Meter, München 1972, links

DickFosbury

Dick Fosbury, Olympiasieger, Hochsprung, Mexiko-Stadt 1968.

Es sind diese Figuren, die triftige Gründe bieten, Olympische Spiele nicht vollständig aus seiner Freizeitplanung zu verbannen und die mir bis zum heutigen Tag hin und wieder ein nostalgisch-heiteres Lächeln in mein Senioren-Gesicht graben.
Besonders weil Heinz Florian Oertel diese Wettkämpfe moderierte, ein Sportreporter mit ausgeprägtem Intellekt und vollendeter Rhetorik, doch außerdem eine vollendete Schleimdrüse und ein Diktatoren-Büttel.

Oertel lästerte über Wottle, seiner verkeimten Golfmütze und des gewöhnugsbedürftigen Laufstils wegen.
Wottle lief nicht, er schlurfte und hielt sich über drei Viertel der Laufdistanz am Ende des Feldes auf.
Diese „kapitalistischen Mätzchen“ nervten Partei-Oertel.
Wottle wurde Olympiasieger, mit speckigen Golflappen auf dem Kopf und schlurfenden Schrittes. Oertels unbehaarte Kopfhaut färbte sich dunkelgrün.
Vier Jahre zuvor nölte Heinz Florian wegen Fosbury, dessen neue Sprungtechnik er in die Kategorie kapitalistischer Dekadenzen einordnete.
Fosbury wurde Olympiasieger und Oertels Kopfhaut violett.

Oertel erbrach sich ausschließlich wegen der olympischen Details, dass Wottle und Fosbury bei den Siegerehrungen „The Star-Spangled Banner“ sangen.
Hätten diese Athleten Oleg und Leonid geheißen, wären sicherlich die Haare auf seinem Wirsing golden nachgewachsen.
Mit Hammer-Sichel-Dekoration.
Oertel, der frühe Punker.
Für die Version der Hymne mit Hendrix vor Ort war es 1968 noch zu früh und 1972 leider zu spät.

Ein Fosbury-Sprung von erhöhter Ästhetik, ein Speer, der sich scheinbar weigert, nach einem Flug von fast einhundert Metern dem Boden zu nähern, die taktischen Finessen im 800-Meter-Lauf, rüstige 4×400-Meter-Staffeln, die Artistik eines vollendeten Handballtreffers, die verwirrend-verschraubte Wassersprungkultur und natürlich Tischtennis – immer noch Gründe für ein grünes Lämpchen am Fernsehgerät.

Doch Informationen über die aktuellen Spiele im Rundfunk, bei Zusammenfassungen in Nachrichtensendungen konnte ich bislang kaum ertragen.
Sensationell, historisch, Wahnsinn, legendär, genial, einmalig Wunder, sagenhaft, Helden, spektakulär, Schock, Horror-Fahrt, Monster-Sprung,…..
Die Sprache verliert ihre Differenzierungen und ihre Bereitschaft, Wertigkeiten zu formulieren. Es wird nur noch gedröhnt und gelangweilt.
Jeder schaufelt die gleiche Laberbrühe aus seinem Kommunikations-Kübel.
Entsetzlich.
Und dann dieser seltsame, bemerkenswert gebrüllte Flüsterton, der zunehmend bei zahlreichen Reportern dominiert, um erhöhte Bedeutung zu erheischen.

„Dieser Sieg ist historisch“ kreischte ein Beachvolleyball-Berichterstatter und meinte damit den erstmaligen Einzug einer deutschen Frauenmannschaft in ein Halbfinale der Olympischen Spiele.
1996 wurde dieser Strandsport in das olympische Programm aufgemnommen.
Richtig schön historisch.

andalusier

Gutlauniges Pferd im bevorzugten Bewegungsrhytmus

Und dennoch drückte ich vor einigen Tagen gegen 20.15 Uhr das Grünknöpfchen des Fernsehers und erstarrte.
Ein Pferd, dieses Edelergebnis der Evolution, tänzelte dusslig durch die Bildfläche.
Ein Schrittchen hier, ein Schrittchen da.
Eine dusslige Drehung da, eine dusslige Drehung hier.
Das Grünknöpfchen wurde sofort wieder zum Rotknöpfchen.

Schon während meiner frühen Jahre (50/60er) ging mir Zirkus ziemlich heftig auf meine vorpubertären Mini-Glocken, vor allem der Vierbeiner wegen.
Und wenn sich ein Dompteur-Wirsing dem geöffneten Maul eine Raubkatze näherte oder ein Elefant sein stämmiges Bein auf einem menschlichen Körper ablegte, hegte ich so manche Wünsche und wartete auf den Triumph der Tiere (Kopf ab…Körperbrei….)
Bis zum heutigen Tag sind mir derartige Abläufe hochgradig zuwider.
Auch Pferde, die mit affigem Feder-Müll die Manege umrunden müssen, währen irgendwelche Ulfs auf deren Leibern herumspringen.

Als bekennender Großstädter suche ich gleichwohl häufig das Ambiente zwischen Weizenfeldern, wilden Apfelbaumreihen, unbearbeiteten Brombeerhecken….. und Bauerngehöften.
Auch Pferden begegne ich mitunter.
Doch diese sportlich-olympischen Bewegungsabläufe habe ich noch nie wahrgenommen.
Also „erlernte Kenntnisse“ zu Diensten einer möglichen Medaillenvergabe.

Und dass Dressur-Reiter X zu seinem Pferd (Arnold) sagt: „Also, Arnold, jetzt tänzeln wir etwas links und danach schreiten wir etwas rückwärts“, kann ich mir nicht so recht vorstellen.
Also Zwang und Gewalt für die Dekoration einer menschlichen Biografie.

Doch irgendwann werde ich sicher noch einmal gegen 20.15 Uhr den Knopf drücken.

116988773

Diese fünf CD’s staube ich täglich ab.
Gelungene Cover-Gestaltung, animiert mich zu Gedanken an El Lissitzky und Majakowski.

Musik des Tages

Händel/Rinaldo: „Lascia ch`io pianga“ (Overtüre zu Lars von Triers „Antichrist“)
Tschaikowski/Pique Dame. Der Titel der Arie ist mir entfallen. Also eine Gesamtaufnahme hören, ist keine verschenkte Zeit.

Schostakowitsch: „Lady Macbeth von Mzensk“ (Urfassung von „Katerina Ismailowa“), siehe oben.

juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de
ILEFLoffsen2005198309092012dorHH

August 16, 2016 - Posted by | Leipzig

Du hast noch keine Kommentare.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: