Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die forcierte Dehydrierung des alltäglichen Augenblicks bei Gelb

Augenblick I

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Werbung in einem Leipziger Fischgeschäft

„Stör mich nicht“ irritiert mich etwas.

Ich vermute eine Kritik an der Entnahme des Rogens (Kaviar) nach Tötung dieser Fische.
Eine verheerende Reduzierung des Bestands ist das Ergebnis, nur weil irgenwelche garstige Hohlroller ihren „höheren“ Status mit der ständigen Verschlingung dieser Fischeier präsentieren wollen.

Für ein Fischgeschäft ist diese Botschaft profit-technisch natürlich etwas bemerkenswert.
Ich werde in Bälde einmal nach Kaviar fragen.

Oder die Spruchentwerfer fanden die Übereinstimmung von Fischnamen und Imperativ von „stören“ unterhaltsam.
Diese Leistung wäre dann wiederum intellektuell von etwas sparsamen Zuschnitt.
Aber wer weiß das schon.
Meine selige Großmutter hätte gesagt: „Das weiß nur der Deibel.“

Augenblick II

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Werbung in einem Leipziger Fischgeschäft

Leider kein ganz glückliches Schaufensterarrangement.
Die verdeckte Zeile lautet: „ist doch auch Käse

Was soll der Hase im Fischgeschäft. Vielleicht noch ein Osterhase mit lose gestapelten Rollmöpsen im Osterhasenkorb, sehr anregend.

Augenblick III

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Eine Auswahl dieser dussligen Werbekarten, die aufdringlich unter die Scheibenwischer gedrückt werden.

Mir erschließt sich nicht, weshalb putzige Tierfotos mögliche Autoverkäufe forcieren können, z.b. Katzen und Eisbären
Wenn ich in Bälde einen Eisbär käuflich erwerben sollte, würde ich ja auch nicht drei Moskwitschs auf den Eisbergen rund um Grönland abstellen und als Fotografien auf meinen Werbeunterlagen abbilden.

Augenblick IV

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Friederike Wißmann hat ein Buch geschrieben: „Deutsche Musik“, ich denke eine vorzügliche Arbeit.
Bei jeder Kritik in allen Medien wird der Inhalt mit „von Bach bis Stockhausen“ präzisiert.
Tatsächlich bei allen Rezensionen dröhnt diese sprachliche Fanfare.
Nach dem fünften Text „von Bach bis Stockhausen“ entscheiden sich meine Strukturen, die für Eifer und Neugier zuständig sind, ein Bäuerchen zu machen und zu kapitulieren.

Die gegenwärtige Kunst/Literatur/Musik-Kritiken verdorren zu sprachlichen und inhaltlichen Attrappen.

Nur Deutschlandradio Kultur gönnt sich eine Ausnahme.

»Friederike Wißmann lässt die deutsche Musikgeschichte von Bach bis Stockholm lebendig werden. Ihr Buch heißt schlicht ‚Deutsche Musik‘, behandelt aber weit mehr als klassische Musik. Es geht um die Wurzeln deutscher Volkslieder, sogar um Fußballgesänge und das Heavy-Metal-Festival in Wacken.«

„Von Bach bis Stockholm“ – gefällt mir recht gut.
Ist das nun ein Affront gegen diese medienübergreifende Abschreiberei oder einfach wieder triefäugig.

Dann könnte man ja auch bei „Bach bis Eisler“ mit Bach bis Eisleben“ witzeln.
Oder bei „Bach bis Beethoven“ mit „Bach bis Eindhoven“, mein Gott, ist das lustig.
Oder gar statt „Bach bis Bruch“ einfach „Bach bis Bruchsal“
Und jetzt werde ich genial. Statt „Bach bis Haydn“ nun „Bach bis Lüneburger Haydn“.

In Bruchsal gibt es ein Schloss mit einem überragenden Treppenhaus von Balthasar Neumann.

Stockhausens „Gesang der Jünglinge“.. (..“im Feuerofen“) hatte erheblichen Einfluss auf mein Musikverständnis, ich hörte das Stück um 1970, noch parallel zu Tschaikowski und R.Strauss.

Sein „Freitag aus Licht“ wurde 1996 in Leipzig uraufgeführt.
Ich saß nur unweit von ihm, er rüttelte stetig an irgendeinem Mischpult herum, während mich die Aufführung doch ziemlich nervte. Weniger die Musik. Doch wenn ich zur Kenntnis nehmen muss, dass auf der Bühne eine Kopulation mit Bleistift und Spitzmachine verbildlicht wird, neige ich zur Resignation.

Augenblick V

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Putin pries einen russischen Cellisten, der auf der Panama-Kartei mit zwei Milliarden Dollar verzeichnet ist, als Edel-Geschöpf, der seine gesamte Kohle für Instrumente ausgebe.
Ein hochwertiges Cello kostet aktuell um 3000-5000 Dollar.
Der Cellist bekäme dafür etwa 400 000 Cellos, wer soll die herstellen?
400 000 Triller-Pfeifen für Schiedsrichter könnte man sich ja vorstellen, auch 400 000 Taburins, aber 400 000 Cellos.

Oder er kauft Bratschen und Geigen von Stradivari.
Mir ist erinnerlich, daß Menuhins Stradivari-Geige einen Wert von fünf Millionen Dollar maß, bei zwei Milliarden könnte der russische Cellist immerhin vierhundert Menuhin-Geigen verteilen.

Und ich besinne mich verschwommen, daß vor einigen Jahren bei Sotheby eine Bratsche, gleichfalls von
Stradivari, für fünfundvierzig Millionen Dollar angeboten wurde.
Das Ergebnis dieser Auktion habe ich vergessen.
Fünfundvierzig dieser Instrumente für Besitzer üppig gefüllter Matrjoschka-Sparbüchsen hätte der russische Cellist in seinem Koffer stapeln können.

Musik der Woche

Dmitri Schostakowitsch: Streichquartette 1-15 (mit Cello)
Sofia Gubaidulina (Schülerin Schostakowitschs) : Streichquartette 1-4 (mit Cello)
Dvorak: Cello-Konzert h-moll (mit Cello), es blieb sein einziges, eine Tragödie.

Sein 8.Streichquartett schrieb Schostakowitsch während einer Kur im sächsischen Gohrisch.

Seit einigen Jahren gibt es dort, unweit von Bad Schandau, die Schostakowitsch-Tage. Ein unbeschreiblicher Musik-Rausch.
Gäste waren u.a. S. Gubaidulina, Gidon Kremer, Borodin-Quartett…..


juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de
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April 15, 2016 - Posted by | Leipzig

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