Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Art Deco, Kafka, Rouault und ein kühler Kühling

Werbung des Tages
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Auf der Autobahn Leipzig – Dresden

Wir überholen den Transporter einer Firma „Wurm“, ist mir unbekannt.
Ich lese auf der Plane: „Der frühe Vogel kann mich mal…“
Gefällt mir recht gut.
Für Kenntnislose. Es gibt das Bonmot: „Der frühe Vogel fängt den Wurm.“

Angebot des Tages, in der Wochenzeitung „Die Zeit“
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Kreuzfahrt: 337 Tage für 149 000 EURO.

Zitat des Tages
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„Mir scheint, sie nähern sich in Ihrem Roman einem kafkaesken Kosmos“

Meine Hand schnellte zur Fernbedienung und schwarz war die Röhre.

Ich wollte während vergangener Abendstunden noch etwas Nachdenkliches über die Leipziger Buchmesse erfahren.
Doch hörte ich innerhalb eines Interviews sofort diesen Satz und kapitulierte, gleichfalls sofort.
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Text von Jürgen Henne

Herr Müller wird zwecks wichtiger Klärung eines Aufenthalts zu Herrn Bendemann in die Gartenstraße 11 gebeten. Herr Müller sucht vergeblich das Namensschild „Bendemann“ in der Gartenstraße 11, aber den Hinweis auf einem grauen Papier: „Besucher von Herrn Bendemann möchten sich zwecks wichtiger Klärung eines Aufenthalts bei den Herren Blumfeld und Erlanger in der Amselgasse 21 melden. Doch Herr Müller findet am Haus Amselgasse 21 weder das Türschild „Blumfeld“ noch das Türschild „Erlanger“, stattdessen den Hinweis: „Mein Mann ist Heizer und ist auf dem Weg nach Amerika, bitte wenden Sie sich zwecks wichtiger Klärung eines Aufenthalts an Herrn Roßmann, der bei dem Hungerkünstler in der Samsastraße 31 wohnt.“ Doch sucht Herr Müller vergeblich an der Haustür Samsastraße 31 einen Namen „Roßmann“. Nur ein schriller Schrei tönte aus dem Kellergewölbe: „Vielleicht hat er sich in einen Hungerkünstler verwandelt“…..u.s.w. und so bekloppt (Jürgen Henne, 22.3.2016, geschrieben in etwa 180 Sekunden).
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Mein Gott, schreibe ich kafkaesk.

Das ist das Grauen der aktuellen Literatur/Kunst/Musikkritik, dieser erbärmliche Rückzug auf Beschreibungen, die nicht „schief“ gehen können. Denn wer „kafkaesk“ sagt, kann scheinbar nichts falsch machen. Wer „kafkaesk“ sagt, der versteht sein Fach, sagen die Leute.
Ich vermute, dass ich über die vergangenen Jahrzehnte jedes geschriebene Wort Kafkas gelesen habe.
Und mein Sack-Haar färbt sich grün, wenn ich bei jedem dussligen Text, der irgendwie mysteriös, unerklärlich daherkommt, lesen muss, dass er sich dem Kosmos Kafkas nähert.
Die deutsche Sprache ist doch keineswegs derartig verdorrt, um eine Kritik anzubieten, die ein Werk entsprechend beschreiben kann, jenseits von Kafka.
Ich besuchte vor einigen Jahren das Sterbezimmer Kafkas im ehemaligen Sanatorium in Kierling bei Klosterneuburg und ich sehe nicht ein, dass ich dabei an jeden aktuellen Dürftigkeits-Literaten denken soll, der sich scheinbar dem Kosmos Kafkas nähert.
Auch bei einem vergangenem Literaturwettbewerb des MDR wurde ein Text gekürt, der natürlich „kafkaesk“ beeindruckt hat.
Auch der „Büchermarkt“ des Deutschlandfunks sülzte vorgestern von einer „kafkaesken“ Story.
Diese Blödsinnigkeiten empfinde ich als eine intellektuelle Mißhandlung.

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Grassi-Museum, Leipzig

In meinem Beitrag vom 13.Dezember 2013 habe ich Art Deco in einigen Sätzen gewürdigt.
Deshalb hier nur eine fotografische Motivation, diese Ausstellung zu besuchen.
Nur noch bis 3. April.


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Grassi-Museum, Pfeilerhalle, Detail, vielleicht der schönste Art Deco-Raum der Kunstgeschichte

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„Art Deco“ im Leipziger Grassi-Museum in Silber, Blech, gedrechseltes Blech, Messingblech, Stahlblech Holz, lackiertes Holz, Metall, lackiertes Metall, Glas, Spritzlack, Kunststoff, Fayence bemalt, Fayence glasiert, Steingut, Pressglas, Bein, Bronze, Stuck, Blattaluminium, Email, Onyx, Marmor, Zinn, Porzellan, Bast, Messing……

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„Art Deco“ im Leipziger Grassi-Museum als Teeservice, Kaffeeservice, Zigarettendose, Heftklammerzange, Tablett, Tischleuchte, Zigarettendreh-Maschine, Buchstütze, Tischpuderdose, Keksdose, Geschenkschachtel, Vase, Leuchter, Honiglöffel, Konfitürelöffel, Besteck, Uhr, Likörglas, Fußschalen, Kanne, Korb, Schlüssel, Menage, Gebäckteller, Vorratsdose, Blumenübertopf, Flakon,…..


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Musik des Tages

Fleetwood Mac: „Oh Well“ (1+2), „The Green Manalishi“, „Man of the World“.
Cluster: „Cluster I“
Comus: “ First Utterance“

Bilder des Tages

Georges Rouault:
Dirnen-u.Clown-Bilder

Zugabe

Kühling

Kühl wehts her von Süd

Der Frühling fremdelt dieses Jahr

Hausmeister Gruhle hohlt

Die leeren Tonnen tagelang nicht rein

Blumen bräunen von den Wurzeln her

Bei Toom gibts Stacheldraht

Musiker sterben weg wie Politiker

Wutbürger grölen “Winter muss weg”

Zum Blue Monday wird geflaggt

H. Bosch ist Star der Stunde

Zugvögel wählen neue Routen

Im Westen geht die kalte Sonne unter

(aus: jens-kassner.de)

Ich betone ausdrücklich, dass ich an dieser Erniedrigung der deutschen Sprache schuldlos bin und
muss meine Bestürzung über die Unfähigkeit mancher Zeitgenossen gestehen, ihre Schamgrenzen finden zu können und eine derartige Sprach-Inquisition der Öffentlichkeit anbieten.

Frühling…….Kühling, weil der Frühling kühl ist.
Ich beiße vezweifelt in meinen größten Kaktus.

Das „hohlt“ bei Hausmeister Gruhle ist original, vielleicht ein Hinweis zu „hohl“.
Ich werde darüber nachdenken.


juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de
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März 23, 2016 - Posted by | Leipzig

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