Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Isabelle Huppert, Gérard Depardieu, „Valley of Love“ und die begehrte, eher unregelmäßig bearbeitete Serie: „Jürgen und das Design des Tages.“

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Aktuelles DVD-Angebot für „1900“ und „Die Spitzenklöpplerin“.

Gérard Depardieu sah ich erstmalig in Bertoluccis Streifen „1900“, der auch in DDR-Kinos kam (1976).
Außerdem wählte der italienische Regisseur u.a. Donald Sutherland (in einer wundervoll widerwärtigen Rolle als triefäugiger Früh-Nazi), Burt Lancaster und Robert de Niro für zentrale Figuren aus.
Die musikalische Vertiefung übertrug er Verdi und Morricone.
Also keine unbegabte Truppe.
Der Film beginnt nach einer kleinen Vorblende mit der Erscheinung eines nächtlich-abgefüllten Gutshof -Rigolettos und seiner furchtbaren Mitteilung: : „Giuseppe Verdi ist tot, Giuseppe Verdi ist tot…..“

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Olmo (Depardieu) und Attila (Sutherland) bei einer feinsinnigen Symphatie-Bekundung („1900“)

Ich kenne nervende „Fachleute“, die darüber nörgeln, dass der Filmtitel nicht korrekt die tatsächliche Chronologie wiedergibt. Denn Verdi starb 1901. Also hätte man „1901“ wählen müssen. Sie warten dann in der Regel auf meine jubelnde Lobpreisung, ihre Kenntnisse betreffend.
Ich wechsele dann für gewöhnlich das Thema und unterstreiche aber noch abschließend und genussvoll, das mir Verdis Todesjahr durchaus vertraut ist und gebe ihnen dann noch leichtfüßig und wollüstig den Todestag  (27. Januar) zur Kenntnis, im Grunde noch der Ausgang von 1900.
Also beurteile ich den Filmtitel als gerade noch gerechtfertigt.

Meine Gesprächspartner erscheinen mir dann etwas irritiert.

Meine hochgeschätzte Isabelle Huppert nahm ich zunächst in der „Spitzenklöpplerin“ wahr.
Der Film hätte natürlich auch „Wasserträgerin“ oder „Wäscherin“ lauten können, entsprechend des abschließenden Satzes.
Doch „Spitzenklöpplerin“ war eine weise Wahl und entspricht doch dieser nur mäßig gebildeten, dennoch feinsinnigen, wenig robusten, verletzlichen Rolle der Beatrice.

Isabelle Huppert und Gérard Depardieu spielen nun gemeinsam ein geschiedenes Ehepaar, dass sich, wie von ihrem Suizid-Sohn Michael in seinem letzten Brief gefordert, durch das selten unterkühlte Death of Valley quält. Als Belohnung würde sich die Familie dann nochmals für kurze Zeit vereinigen („Valley of love“).
Mich stört, dass Depardieu und Huppert auch im Film als Gérard und Isabelle fungieren sowie gleichfalls dem Job als Mime nachgehen. Ein blöder Einfall.
Soll ich jetzt die autobiografischen Nuancen erkunden?

Doch vergelt`s Gott, dass Depardieu diesen Brief des Sohnes erst in der zweiten Hälfte des Filmes las und damit dem Zuschauer zur Kenntnis gab. Denn ab dieser Minute begann das cineastische Unglück.
Esoterischer Tinnef zerstört jetzt die feinsinnige Kontaktaufnahme der getrennt lebenden Akteure.

Wie ein Kammerspiel, ohne hysterische Schuldzuweisungen, wurden bis zu dieser bedauerlichen Zäsur vergangene Abläufe diagnostiziert. Depardieu, der diese Aktion eher rational einordnet und deren Überflüssigkeit er auch mal mit brachialen Ansätzen betont und Huppert, eher distanziert und zögernd, irgendwie in der Erwartung, dass diese Woche nicht durch Sinnlosigkeit geprägt wird.

Schon die erste Begegnung ist fast ein Rausch.
Gérard, dieser wunderbare Fleischberg mit dem Bauchnabel zwischen den Knien, mit Faustkeil-Nase und abgeknabberten Fingernägeln nähert sich Isabelle, der zartgliedrigen Frau, deren körperliches Volumen zu ihrem Partner ein Verhältnis von 1:4 messen könnte. Sie stehen sich gegenüber und man weiß, dieser Film wird als schauspielerische Feinkost angeboten.

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Death Valley („Valley of Love“)

Ständig transpiriert Depardieu in dieser unsäglichen Glut. Das Hemd tropft, die Harre klitschen vor sich hin, er schnauft und stöhnt, man glaubt, ihn aus der Leinwand zu riechen.
Und immer bleibt es eine taktvolle Begegnung, einschließlich vertrauter Berührungen ohne erotischen Zuschnitt.

Doch dann kommt scheinbar Michael, als Zombie, Vampir, Golem, Poltergeist Luzifer, Engel, Troll, wer weiß das schon.
Isabelle brüllt, denn Michael scheint sie durch die Bude zu wuchten, sie zeigt wenig später ihre roten, entzündeten Flächen an den Unterschenkeln, Michaels Grobgriff-Bereich.

Gérard nervt diese Interpretation von der Wiederkehr Michaels, wird aber selbst in einer Felsformation des Death Valley vermeintlich gleichfalls von seinem Sohn als Zombie, Vampir, Golem, Poltergeist, Luzifer, Engel, Troll angegriffen und zeigt bald seine roten, entzündeten….nein, keinesfalls die Unterschenkel…., aber gewiss doch die roten, entzündeten Unterarme, mit denen der wenig subtil agierende Geist Michaels seinen Vater durch den Sand wälzte.

Ich habe selten einen Film gesehen, dessen Anspruch derartig rasant in unerträgliche Banalitäten abstürzt.

Und selbst bei wohlwollender Beurteilung, welche dieses Endspiel, die unerklärlichen Wunden als Symptome der unbewussten Wünsche von Isabelle und Gérard interpretiert, verblüfft das Ergebnis durch eine eher reißerische Grobschlächtigkeit.

Doch bleibt natürlich die Freude an den beiden Schauspielern und an der bildgewaltigen, ästhetisch hochrangigen Einbindung dieser Wüstenlandschaft.

Design des Tages

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Küchenuhr

Gropius, Meyer, v.d.Rohe hätten diesen Meister ohne weitere Talentproben als Lehrer in ihr Bauhaus aufgenommen.

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Februar 11, 2016 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar