Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, abgestandene Ausstellungen und abgestandene Kunstkritiken

Nachtrag zu meinem Text vom 18.11.

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Der Ausstellungsbeschreiber der Leipziger Volkszeitung resümiert seine Beobachtungen bei der Austellung in der Leipziger Graphik-Hochschule:

„Heute dürften wohl selbst blutjunge Studenten in den globalisierten Museen schon eine Menge an Werken der Nachkriegsmoderne gesehen haben. Insofern hinterlässt die Schau einen grundsoliden aber eben auch abgestandenen Eindruck.“

Ich habe etwas Sorgen, die Formulierug „globalisierte Museen“ rational zu erfassen.
Liegt vielleicht an meiner törichten Grundanlage.

Jedenfalls kotzten die musealen DDR-Funktionäre vor dieser Kunst und heute dürfte der Inhalt von musealen Geldbörsen zum Ankauf von Kunst zur Not für ein Plakat reichen.
Deshalb bin ich für diese Ausstellung durchaus dankbar, mein kleiner schlichter LVZ-Journalist.

Gerade bei der Nachkriegsmoderne ist in Sachsen doch ziemlich zügig Schicht. In Chemnitz wird das 20.Jahrhundert immerhin mit Expressionisten, Verismus und Neuer Sachlichkeit gefeiert, auch durch die Ansiedlung der Sammlung Gunzenhauser, die Leipzig nicht wollte.
In Dresden brechen fast die Mauern durch hochwertige Kunst.

Sicher gibt es im Leipziger Grassi-Museum feine Dinge zu sehen (Art Deco) und auch das Bildermuseum kann sich durchaus nicht beklagen.
Aber eben gerade diese wichtige Kunst der Nachkriegsmoderne hat in Leipzig den Umfang des Inhalt eines gefüllten Wäschekorbs.
Deshalb irritieren mich die Mäkeleien über die „abgestandene“ Austellung in der Grafikhochschule.

Max Klinger wird in Leipzig bis zum Brechreiz zelebriert….bäääh. Wenn ich seine Malerei und Bildhauerei sehe, beiße ich entnervt in meinen Affenbrotbaum. Seinen Radierzyklen will ich mich nicht vollständig verschließen.
Doch nervt mich dieser symbolistische Kram zunehmend.

Den alten, mittelalten, mittelneuen, neuen Leipziger Schulen kann man sich nicht entwinden.
Triegel, Fischer-Art, Rauch, Loy drängeln sich wechselnd in der Leipziger Tageszeitung.
Die Museumsgelder werden für mäßig erquickliche Arbeiten von Schnell, Baumgärtel, Grahnert, Weischer….verprasst

Da bleiben für einen winzigen Mark Rothko oder einen noch winzigeren de Kooning oder einen besonders winzigen Clyfford Still oder den winzigsten Robert Motherwell natürlich nichts übrig.

Und deshalb erfreue ich mich an dieser Ausstellung in Leipzig

Und vertiefen Sie bitte meine Kenntnis über „abgestandene Kunst“, b.z.w. „abgestandene Ausstellungen.“
Ich erzürne mich nur über abgestandenes Pilsner Urquell.

Ich nutze jede Möglichkeit, mich vor ein Bild der „Alten“ Italiener zu stellen (Cimabue, Giotto, P.u.A. Lorenzetti, Fra Angelico…) z.B. in Florenz, Siena, Assisi, Altenburg (Thüringen), auch die „Alten“ Niederländer verfolge ich bis in die letzten Ecken der Welt (v.Eyck, Memling, Bouts, van der Weyden, van der Goes….), desgleichen die „Alten“ Deutschen (Lochner, Witz, Meister Bertram, Meister Francke, Hirtz…)

Ich giere auch nach Lascaux und Altamira, nach Repin, Ensor, Cezanne, Liebermann, Macke, Soutine, Seurat, Pollock, Twombly, Rothko, de Kooning….., meine Verneigung vor der gesamten Kunstgeschichte. Natürlich bleibt noch Architektur, Bildhauerei, Graphik, Fotografie…..

Freilich kann man das in einer globalisierten Welt reichlich sehen.

Wenn aber nun Ausstellungen mit den „Alten“ Niederländern, mit Ensor, Macke, Warhol, Twombly in einem Museum Leipzigs gezeigt werden, stehe ich dann wie ein abgestandener älterer Herr, der nach abgestandenen Urin und abgestandenen Genitalschweiß riecht, zwischen abgestandener Kunst in einer abgestandenen Ausstellung, wie ein abgestandener, fauliger Gemüseeintopf?

Nur weil man Bilder von Soutine, Macke…sehen will, die man selbstverständlich schon häufig in „globalisierten Museen“ der gesamten Welt gesehen hat.

Ich bin u.a wegen Lochner und Memling nach Köln gefahren, wegen Cezanne nach Tübingen, wegen Bacon nach Hamburg, wegen Rothko nach München und würde aber erneut eine Rothko-Ausstellung z.B. in Leipzig besuchen, ohne mich als abgestandener Aspik-Becher zu fühlen.

Und nun mein Resumee, merken Sie auf, Sie abgestandener Journalist:

Gute Kunst (und damit gute Ausstellungen) können nie „abgestanden“ sein, schlechte Kunstkritiken aber sehr wohl.

Und nerven Sie nicht mit Sackwörtern wie „grundsolide, blutjung, Schau“.
Ist ja fürchterlich.
Ich glaube, sie nutzten einmal den Plural: „Die Schaus….“
Da entwickelt sich bei mir zügig eine Augen-Angina.

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November 20, 2015 Posted by | Leipzig | 1 Kommentar