Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne ,“Station to Station“ von David Bowie, „Station to Station“ von Doug Aitken und Tolstois „Anna Karenina“ im „Deutschlandradio Kultur“

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Aus meinem Musikfundus: David Bowie., „Station to Station“

Wer im Verlauf der 70er Jahre nicht nur bei den Rubettes, Bay City Rollers, Boney M, Pussycat… ekstatisch den Konzertboden ableckte (Bei der Erinnerung an diese Musik bekomme ich Ohrenscharlach), wird bei der Erwähnung der Wortgruppe „Station to Station“ sicherlich sofort an David Bowie denken.

Diese Scheibe erschien 1976 und fügte sich in die überwältigende Zeit Bowies zwischen 1970 und 1977 ein, in der er die Musik erforschte und die Musikszene beherrschte, neben „Station to Station“ auch „The Man Who Sold the World“(1970), „Hunky Dory“(1971), „The Rise and Fall of Ziggy Stardust…“(1972), „Aladin Sane“(1973), „Young Americans“(1975), „Low“(1977), „Hereos“(1977).

Es war die Zeit, als Bowie und Iggy Pop in Berlin als Nachbarn wohnten, sich die Kante gaben und bemerkenswerte Musik produzierten. Mitunter gesellte sich Brian Eno hinzu. Eigentlich fehlte nur noch Jürgen Henne.
Vielleicht aber auch alles nur Legende.
Wer weiß das schon?

Neben Bowies „Hunky Dory“, Zappas „Sheik Yerbouti“ und einer Scheibe von Soft-Machine war „Station to Station“ der erste Tonträger, den meine selige Oma vor Jahrzehnten im Rentnerkoffer aus dem „Westen“ in den „Osten“ schmuggelte.

USA-Karte

Doch „Station to Station“ der Gegenwart flimmert durch die deutschen Kinos, ohne David Bowie.

Der Film von Doug Aitken, eine Austellung von ihm gibt es in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt/M. bis Ende September, beschreibt eine Zugfahrt in vierundzwanzig Tagen über viertausend Kilometer von der Osküste zur Westküste Amerikas, von New York nach San Francisco.
Er organisiert eine rollende Dauerperformance mit Teilnehmern aller Kunst-Gewerke, mit bildenden Künstlern, Tänzern, Musikern, Dichtern….
An zehn Orten wird die Bremse bis zum Anschlag gezogen und Bahnhof-Architekturen beben bald bei den nachfolgenden Happenings.
Sonst dröhnt, rumort und vibriert es innerhalb der begrenzten Kubik-Meter eines Eisenbahnwaggons, für Klaustrophoben kein sicherer Hort für ausgedehnte Entspannungs-Übungen.
Es entstanden zweiundsechzig einminütige Kurzfilme, der Streifen endet also nach einer reichlichen Stunde.

Die Installierung der Eisenbahn wurde ja in Amerika zum Synonym einer Verteilung „zivilisatorischer“ Maßstäbe aus Teilen der „Alten Welt“ in der sogenannten „Neuen Welt.“

Kategorien wie Geschwindigkeit und Stillstand, Relationen der Bewegung, der Veränderung und der Zeit werden ebenso nicht vernachlässigt wie soziologische Erkundungen, wie psychische Wirrungen bei Grenzüberschreitungen und Dimensionen der Mensch-Technik-Natur-Verwicklungen.

Der Genius loci wird akustisch, optisch beschworen, die Sonne ist ständiger Begleiter.
Man ordnete der Eisenbahn aus vergangenen Zeiten einen Status zu, welcher den gegewärtigen Netzwerken entspricht und ihr wird prophezeit, perspektivisch der einzige Ort zu sein, an dem sich Reiche und Besitzlose vermischen.
Verstehe ich nicht, werde aber nachdenken, wenn mich eine Abkühlung erfrischt.
Meine Einsicht in zahlreiche Darbietungen und deren intellektuelle Grundierung ist oft gegeben, doch bleiben Hürden.

Doch für einen erweiterten Exkurs „Philosophie im Film“ eignen sich die derzeitigen Temperaturen nicht.
Es bleibt bei einem erweiterten Filmtipp. Ich bin staatlich anerkannter Senior und kann mir diese Souveränität leisten.

Patti Smith röhrt ein Train-Song. In meinem Verständnis mit Janis Joplin, Björk, Aretha Franklin, Grace Slick, Laurie Anderson, Yoko Ono…die Klimax weiblicher Musikkultur im erweiterten Pop-Bereich.
Ich sah sie vor einigen Jahren bei einem Konzert in Jena, sie rotzte immer noch auf den Bühnenboden.

Joseph Conrad wird zitiert, Jackson Brown sinniert unspektakulär und ohne Gesang über Bahnhöfe und Thurston Moore, Gründungsmitglied von Sonic Youth, knallt eine musikalische Kiste zwischen die Gleise, die mir eine flächendeckende Gänsehaut bescherte.

In einem Happening folgt das Bahnhofs-Volk dem stolzen Peitschenschwinger, ein sprechender Bigfoot zeigt uns seinen Wald der Flaschenbäume, Farbbomben explodieren, eine Laser-Performance veredelt die Verbindung einer erbarmungslosen Technik mit der nächtlichen Landschaft.
Congos, natürlich aus Jamaika, schüttelt ihren Reggae über die Strecke, Moroder klimpert im Zugabteil,
Cat Power zelebriert ihren Minimalismus, Straßenmusiker vor Ort genießen die Öffentlichkeit.

Auch der Schweizer Urs Fischer und der Deutsche Thomas Demand sind dabei.

Die Eisenbahn, bislang Synonym für Gemütlichkeit und Instrument gemächlich betriebener Standortwechsel kann zum psychischen und physischen Inferno mutieren. Aber auch zu einem Areal von uferloser Kreativität.

Dieser Film ist sicher keine Sensation, wäre aber Teil einer absolut nützlichen Freizeitgestaltung, mit erheblicher Horizonterweiterung, außerdem nur etwas umfangreicher als „In aller Feundschaft“.


Szenen meines senilen Alltags

Bei einem Gespräch über diesen Film sprach ich von „Porfermance, statt Performance.

Szenen radio-journalistischer Zumutungen

Innerhalb der Sendung „Musikalisches Sonntagsrätsel“, auf „Deutschlandradio Kultur“ die ich mit Freude verfolge, getrieben von dem Ehrgeiz, nicht nur das Lösungswort zu erfassen, sondern jeden einzelnene Buchstaben ohne Nachschlagewerk notieren zu können, wurde Tolstois Novelle „Anna Karenina“ gefordert.
Ich kenne natürlich seine „Kreutzersonate“, „Kosaken“, „Vater Sergius“ , also Novellen, vobei die Grenzen zur Erzählung natürlich fließend sind.

Aber um „Anna Karenina“, dieses umfangreiche Roman-Epos, in die Sparte „Novelle“ einzuordnen, muss man schon ein gerüttelt Maß Selbstbewusstsein anbieten können. Oder Dussligkeit.

Und wenn man sich vorstellt, dass die Widergabe dieser Sendung als Aufzeichnung erfolgte und der gesamte Mitarbeiterstab diese Ausführungen ohne Aufmüpfigkeit zur Kenntnis nahm, schwinden mir die Sinne.
Da kann man sich vorstellen, was für Truppenteile in dieser Redaktion agieren, in einer Kulturredaktion.
Bei einer Abteilung, die sich weitgehend mit ZOO-Storys oder Formel 1-Ereignissen auseinandersetzt, würde man sicher schweigen

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Aus meinem Bücherfundus, Maupassant, Meisternovellen

Ich empfehle ein Studium der tatsächlichen Novellen von Storm, Kleist, Keller oder Schnitzler, meinetewegen auch Maupassant oder Flaubert.
Und danach sollte ein Blick in „Anna Karenina“. folgen.



juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de
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August 12, 2015 - Posted by | Film, Kunst, Leipzig, Musik

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