Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Ostern in der Feldberger Seenlandschaft und Beenz, Thomsdorf, Conow,Triepkendorf,Carwitz, Neustrelitz. Dazu die begehrte Serie: „Jürgen Henne und die Erinnerung des Tages.“

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Wien, Votivkirche, Historismus, Neogotik, Heinrich Ferstel, 1879.

Ich gehöre ja nun keineswegs zur zahlenden Mitgliederschaft des Vereins „Preiset den Historismus des 19. Jahrhunderts“.
Auch die Architektur von Schinkel und Semper aktiviert bei mir nur ein recht reduziertes Wohlwollen.

Doch als wir uns vor fünfundzwanzig Jahren nach grausiger Fahrt im Wiener Franz-Josefs-Bahnhof völlig ermattet und mit sächsischem Körpergeruch aus dem Zug schälten und bald vor Ferstels Votivkirche standen, brummte ich übermüdet, aber dennoch ein launiges „nicht schlecht“.
Kein übler Einstieg für Wien.
Aber auch in meiner Heimatstadt gibt es einige historistische Glanznummern.
Die reformierte Kirche am Goerdeler-Ring (Neo-Renaissance), die neoromanische Taborkirche in Kleinzschocher und als besonderes Monstrum die Michaeliskirche am Nordplatz, hier wurden ganz locker um die sechshundert Jahre Kunstgeschichte abgeladen, Gotik bis Jugendstil.
Und unanfechtbare Höchstwerte im Leipziger Historismus gibt es natürlich für die Peterskirche, unweit des Bayerischen Bahnhofs (Neo-Gotik).

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Feldberger Seenlandschaft

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Neustrelitz, neugotische Schlosskirche

Gebaut von Wilhelm Buttel, Schüler Schinkels sowie Vielbauer und Serienarchitekt in dieser Region.
Einschiffig, kreuzförmig, Backstein.
Zwölf Türme und zwölf Kreise beim Maßwerk der Fensterrose deuten auf die zwölf Apostel. An der Westfassade erstarren die vier Evangelisten mit den entsprechenden Attributen (Adler, Mensch, Stier, Löwe)

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Neustrelitz, Schlosspark

Victoria, Göttin des Sieges und römische Version der griechischen Nike vor österlischer Himmelskulisse.
Von Christian Daniel Rauch, Gigant des deutschen Klassizismus, einer Kunst, die ich zügig und mit geschlossenen Augen passiere.
Von Rauch sind z.B. auch Büsten für Walhalla (Dürer) und das Reiterstandbild Friedrich II. in Berlin (“ Unter den Linden“), Schüler von Schadow (Quadriga auf dem Brandenburger Tor).
Für mich eine Fahrt des Grauens. Wobei ich die künstlerische Qualität nicht in Zweifel stellen möchte !
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Dorfkirchen an der brandenburgisch-mecklenburgischen Grenze

Wir sind vor einigen Jahren für vier Wochen durch die regionale Kunst Burgunds gestromert und haben zahlreiche provinzielle Dorfkirchen von fast unfassbarer Qualität gesehen. Zumeist in einem bemerkenswert denkmalpflegerischen Zustand.
Die Kultur in diesem norddeutschen Areal kann Frankreichs nord-ost-mittiger Region natürlich nicht mit Gleichwertigkeit an die Seite gestellt werden.
Aber trotzdem……

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Dorfkirche in Beenz

Feldsteinbau, um 1270, im 30-jährigen Krieg zerstört, Wiederaufbau Mitte des 18.Jahrhundert, Satteldach. Turm mit Zeltdach
An der Südseite (Bild) sind die beiden Nebeneingänge für Volk und Pfarrer noch schemenhaft sichtbar. Durch den Haupteingang stolzierte nur der Patron (Graf von Arnim zu Boitzenburg).
Dachturm aus dem 18.Jahrh.
Der Krieg machte 1618-48 der gesamten Ortschaft den Garaus. Erst gegen 1700 begann eine erneute Besiedlung

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Dorfkirche Mechow, Westsicht

Um 1350, rechteckiger Feldsteinbau, ohne wesentliche Veränderungen.

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Mechow, Ostsicht, rechteckige Apsis

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Kirchenruine Conow

Anfang 14.Jahrh. Durch mittelalterliche Kloppereien zerstört. Kein Wiederaufbau. Wie damals verbreitet in Schalenbauweise errichtet.
Die Festigkeitsquader sind vorgeblendet, also etwas Trickserei. Hinter den angeblich massigen Steinplatten wurde Feldgeröll verteilt und mit Kalkbrei und Quark angereichert. Garantierte eine solide Beständigkeit.
Im Bild recht gut zu sehen.

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Kirchenruine Conow

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Dorfkirche Thomsdorf
Spätgotischer Altar

Es ist mitnichten immer notwendig nach Gent, Krakau, St.Wolfgang, Kefermark zu fahren, um ansehnliche Retabels oder Altäre zu sehen. Oder nach Colmar, Rothenburg, Creglingen und Dettwang.
Auch in der Provinz kann man sich an derartiger Kunst erfreuen.
Eher provinziell, doch für die Kulturgeschichte gleichfalls wichtig.

Im Mittelschrein thront die Mondsichelmadonna, den Erdentrabant in reduzierten Ausmaßen zu ihren Füßen, links ein Bischof mit Ausrüstung und rechts die hlg. Katharina mit Rad, ihrem Folterwerkzeug, dass sie während der altrömischen Christeverfolgung hinrichtete( Es gibt auch andere Versionen).
In den Seitentafeln dann z.B. Antonius, Elisabeth, Jakobus, Petrus…..also kreuz und quer durch den heiligen Garten.

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Dorfkirche Thomsdorf

Die Lichtverhältnise in der Kirche waren etwas problematisch, deshalb die lausige Qualität. Außerdem besitze ich keine Ablichtungsanlage für 25 000 Euro.

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Carwitz, Blick aus dem Fallada-Haus auf den See und die Bienenhütte

Falladas Bücher stagnierten doch eher an der Peripherie meines literarischen Interesses. Ich dürfte sie alle gelesen haben, doch weitgehend vor mehr als fünfundvierzig Jahren.
Auch „Der Trinker“, damit kann man sich wenigstens identifizieren.
Seine Biografie ist ereignis-technisch aller Ehren wert.
Hier in Carwitz griff er z.B. wieder einmal zur Waffe und traf nur den Tisch, nicht seine Frau.
Im Alter von siebzehn Jahren hatte er sein Ziel schon einmal besser justiert und seinen Freund tödlich verletzt. Er selbst überlebte und begann seine Wanderung durch verschiedene psychiatrische Anstalten.
Zwischen 1933 und 1944 bevorzugte er Carwitz als Wohnort, trieb Landwirtschaft, pflegte das Imkereiwesen und schrieb eine ergiebige Zahl seiner Hauptwerke.

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Fallada-Haus, eine ehemalige Büdnerei

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Fallada-Haus und die nahe Umgebung

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Jürgen Henne und die Erinnerung des Tages

Vor einigen Jahren durchlitten wir im Berliner Gropiusbau eine Ausstellung mit Arbeiten von Hermann Nitsch. Also Malerei, die ich nicht sonderlich schätze und vor allem fotografische Zeugnisse seiner Wochenendbeschäftigungen, an denen ich wiederum außerordentlich interessiert bin.
Der Mitarbeiter an der Eingangstür zur Ausstellung, mit einem saftig-belegten Brötchen vor seinen Zähnen, wünschte uns mit auserlesener Höflichkeit einen „Guten Appetit“.
Dazu sollte man natürlich die Aktion von Nitsch kennen !

Kunst des Tages

Leo Putz und Zeitgenossen im Kunstverein Apolda. Aus heutiger Sicht keine internationale Sensation. Doch für Abfälligkeiten nicht geeignet.

Literatur des Tages

Die Selbstbetrachtungen Marc Aurels können nie schaden

Musik des Tages

Die wenigen Titel von „Blind Faith“ von morgens bis abends in einer Endlosschleife. Mit Eric Clapton (Yardbirds, Cream), Ginger Baker (Cream), Steve Winwood (Spencer Davis Group) und Rick Grech (Family, Traffic).

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juergenhennekunstkritik.wordpress.com
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April 10, 2015 Posted by | Geschichte, Kunst, Leipzig, Neben Leipzig, Reisen | Hinterlasse einen Kommentar