Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und Boltenhagen, Hühnergötter, Muränen-Zähne, Led Zeppelin in der Ostsee, ein pastoraler Coitus interruptus, Klütz, Hohenkirchen, Proseken, Kalkhorst, Vietlübbe, Evangelisten-Schenkel und „Der Koch, der Dieb, seine Frau, ihr Liebhaber und Michael Nyman.“

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Boltenhagen, Strand, Mitte März 2014

Ein Jahr ohne Ostsee, wenigstens für ein paar Tage, das geht gar nicht.
Doch über diese Tage nur rastlos schlurfend mit meiner Rübezahlnase und fünf Metern Landgewinnung pro Vormittag auf der Suche nach Hühnergöttern, versteinerten Hai-Hoden oder Muränen-Zähnen durch den Sand schleifen. Gleichfalls undenkbar.
Und die mehrstündliche Präsentation meines Walther-Matthau-Rüssels in der Sonne für eine spätwinterliche Bräunung, das geht gleich gar nicht.

Vor Jahrzehnten, bei Wanderungen durch den DDR-Darß zwischen Prerow, Leuchturm und Ahrenshoop, über fünfundzwanzig Kilometer im Strandsand und im Wind, wünschte ich mir die Wahrnehmung einer nahen Kiste im Ostseewasser, vielleicht einem skandinavischen Schiff entglitten.
Und in der Kiste das damalige OEvre der Rolling Stones, von Led Zeppelin, Van Morrison oder alles zusammen.
Ein einfältiger Wunsch, doch vor über vierzig Jahren unbedingt verständlich.

Der regionalen Kultur durchaus aufgeschlossen, drängt es mich auch während „Ostseetagen“ zu Dorfkirchen und ähnlichen Anlagen und nutzte meinen diesjährigen Standort Boltenhagen, zwischen Wismar und Lübeck, als strategisches Ausgangslager für einige Touren zu provinzieller Kunst in diesem nordwestlichen Teil Mecklenburgs.

Bei geschlossenen Kirchentüren, der übliche Zustand, neige ich durchaus zu einer beachtlichen Form von Lästigkeit, um den Portalschlüssel zu erhalten.
Selbst sonntags beim nachmittäglichen Vollzug von des Pfarrers und Schlüsselbewahrers Ehepflichten würde ich durch meine unnachgiebig vorgetragene Bitte um Einlass in die Kirche einen pastoralen Coitus interruptus einplanen.
Doch fehlte mir diesmal die Energie, ich beließ es bei der Freude an der äußeren Gestalt.

Ohne wesentliche Erläuterungen einige Beispiele ansehnlicher Architektur in Nord-West-Mecklenburg, von Boltenhagen gleichermaßen nur wenige Kilometer entfernt.

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Klütz

Dreischiffiges Langhaus um 1270, Chor um 1240, Brand im 17.Jahrh.

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Hohenkirchen

Weithin im Land sichtbar, einschiffig und vierjochig auf einem Feldhügel, 1450/60. Bemerkenswertes Südportal.

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Hohenkirchen

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Proseken

Um 1250, mit Ecklisenen, Kapitellband, Blendschmuck, Rauten, Rosetten, Lanzettfenster. Also alles, was man so braucht. Backsteinbau, einschiffig, eingezogener Chor. Auffällig kraftvoller Westturm, zweihundert Jahre später angerichtet.

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Proseken

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Kalkhorst

Dreischiffige Halle. Merkwürdig aus der Langhaus-Achse geschüttelter Westturm, Anfang 14 Jahrh, 5/8 Chor. Neugotische Anbauten in 2.Hälfte des 19. Jahrh.

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Kalkhorst

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Vietlübbe

Höhepunkt der Gegend. Grundriss als griechisches Kreuz, keine Normalität im Norden. Natürlich Backstein mit außergewöhnlichem Steildach und sanft eingezogener Apsis.

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Vietlübbe

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Vietlübbe

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Schloss Bothmer, Hofseite

Eventuell die größte Barockanlage Mecklenburgs.
Corps de logis zweigeschossig, Hof-u. Gartenseite mit dreiachsigem Risalit. Jeweils drei vorgelagerte Pavillons. Von Wassergräben umrandet.
Gebaut von J.F. Künnecke. Noch nie gehört.
Ich kenne nur Eduard Künneke und seinen albernen „Vetter aus Dingsda“.

„Ich bin nur ein armer Wandergesell.“

Unweit von Boltenhagen trägt eine Ortschaft den Namen „Feldzumhofe“.

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Zugabe

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Regionale Kunst in Berne, Wesermarsch unweit von Bremen und Worpswede.
Münstermann-Altar, Evangelisten.

Ich liebe diese wundervolle Beinhaltung, diese freigelegten Evangelisten-Schenkel, dieser lustlos-stierende Blick von Markus in sein Buch und die verschroben-gedrückte Sitzhaltung von Lukas. Selbst sein Stierlein scheint sich genervt über die Runden zu quälen.
Natürlich ist Spät-Manierist Münstermann nicht ganz unbekannt.
Die Postkarte ist schon etwas keimig. Habe sie vor zwanzig Jahren in Berne käuflich erworben.

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Frage des Tages („Die Zeit“)

Sterben mehr Menschen durch herabfallende Kokosnüsse als durch Hai-Angriffe ?

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Geburtstag des Tages, gleichzeitig Musik des Tages und Filme des Tages

Michael Nyman wird heute 70 !

Herausragender Anlass, wieder einmal im CD-Regal bei „N“ nachzusehen.
Oder den Film „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ einlegen.
„Der Kontrakt des Zeichners“, „Prosperos Bücher“( nach Schekschpier, „Der Sturm),“Der Bauch des Architekten“ könnte man nachschieben.
Alle Filme von Peter Greenaway (fast 72) mit Musik von Michael Nyman.

juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de

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März 23, 2014 - Posted by | Film, Kunst, Musik, Neben Leipzig, Reisen

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