Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und Caravaggio beißen in den Affenbrotbaum, Amor in der Kanalisation, Landschaften des 19.Jahrhunderts, Geschmackswelten des Leipziger Bürgertums im 19. Jahrhundert, Sawrassows Saatkrähen, Klinger und Klinger, ein Antichrist im Theater, Weltkriegskunst und kein Punischer Krieg

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Es wird gemunkelt, dass eine Bürgerbewegung Caravaggios „Amor als Sieger“ aus dem Berliner Museum entfernen will.
Diese Kämpfer empfinden die Gefahr, dass unanständige Besucher von einer unbehaarten Mini-Nudel und „schweiniger“ Beinstellung angedröhnt werden.
Ich beiße in meinen Affenbrotbaum.
Lasst uns Caravaggio !
Ich hoffe, Bernd Lindemann weiß diese Attacke souverän einzuordnen.
Das Bild wurde vor über vierhundert Jahren gemalt.
Um diese grauenvollen Missbräuche von Kindern zu verhindern, muss über andere Dinge debattiert werden.
Weltkunst in die Kanalisation zu verfrachten, dürfte wenig bewirken.
Caravaggio gehört in ein Museum, gleichfalls Balthus und Kirchner, auch Bellmer.

Und nun Leipziger Museums-Alltag

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Bildermuseum Leipzig

Nicht gerade eine architektonische Schüttel-Ejakulation, im Grunde aber nicht unansehnlich.
Der Blick auf den Außenkörper wird sichtlich eher erfreuen als die optische Abtastung der groben Holzklopperei in den Innenräumen.
Und jeder Baustein und jeder Holzscheit ist wertvoller verarbeitet als in den dämlich aufgereihten Dreckdingern am benachbarten Brühl, mit aufgeklebtem Buntpapier.

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Das Werbebrett an der Fassade für die laufende Ausstellung im Leipziger Bildermuseum, bis Juni.

Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts

Der Spruch ist von Runge, das Bild eher nicht.
Ich denke, Carl, der biedermeierliche Spätromantiker ist auf einem spitzen Weg gestolpert und hat dann liegend die beiden Bräute gemalt.
Als Runge starb (1810) erfasste Spitzweg vielleicht gerade, dass es für das Endprodukt des Stoffwechsels auch einen Behälter gibt (geb.1808).

Jedenfalls hat der Leipziger Museum-Schmidt die Inhalte seines Magazins, Abteilung Landschaften des 19. Jahrhunderts, geräumt und einige Etagen höher an die Wände genagelt.
Warum muss ich jetzt nur gähnen?
Die Ausstellung will uns mit dem Grundwissen über die Geschmackswelt des Leipziger Bürgertums des 19. Jahrhunderts versorgen.
Aber das ist uns doch bekannt. Die ständige Ausstellung dieses Bürgermuseums zeigt doch schon ganzjährig die Geschmackswelt des Leipziger Bürgertums des 19. Jahrhunderts, auch mit gefühlt siebzehn Millionen Landschaftsbildern an den Wänden, nicht nur des 19 Jahrhunderts.
Eine kleine Kabinettausstellung zur Vertiefung der Erkenntnisse über die Geschmackswelt des Leipziger Bürgertums im 19. Jahrhundert hätte doch genügt.
Das Haus ist doch groß genung.
Aber nein, die große, dreimonatige Frühjahrsausstellung drangsaliert uns mit einem Einblick in die Geschmackswelt des Leipziger Bürgertums des 19. Jahrhunderts, aus den eigenen Beständen.
Als ob man nicht schon über die Geschmackswelten des Leipziger Bürgertums im 19. Jahrhundert informiert wäre.

Also Landsschaften des 19. Jahrhunderts, also Friedrich, Hackert, Carus, Preller, Runge, Spitzweg, Koch, Richter….., also aus der Truppe, die ohnehin schon sächsische Musseen überflutet und dann noch aus den eigenen Beständen. Also.

Wenn mich wenigstens Bilder von Segantini oder Hodler überraschen würden. Oder von Lewitan. Oder Arbeiten russischer Wanderer (Schischkin, Sawrassow. Ich habe vor einigen Jahren einen längeren Text über die „Peredwischniki“ geschrieben und bei Sawrassows „Die Saatkrähen kehren zurück“ gehe ich immer noch zu Boden. Selten eine derartig kostbare Malerei gesehen).

Oder ein vorzüglicher Blechen. Zur Not auch etwas Provinz der Weimarer Malerschule mit einem ordentlichen Bild von Rohlfs aus seiner ersten Lebenshälfte. Also. Alle vorzügliche Landschaftsmaler. Also.

Ich will aber nicht lamentieren, mein Besuch der Übersicht über Landschaften des 19.Jahrhunderts, aus eigenen Beständen, welche einen Einblick in die Geschmackswelt des Leipziger Bürgertums im 19. Jahrhundert vermitteln soll, steht noch aus.
Aber einen Grundpessimismus muss man mir schon gönnen, geschürt durch Reminiszenzen an die vergangenen Jahre des Museums und durch zweifelnden Gedanken an die Qualität der Jahresproduktion für 2014.

Denn bis Ende März gibt es noch Max Klinger, aus eigenen Beständen. Zwischen April und August geschwind nochmals Klinger, aus eigenen Beständen.
Klingers Graphik kann man sich ja einmal im Vierteljahrhundert ansehen. Doch bei Malerei und Bildhauerei mache ich den Bolt, schnell weg.
Auch wenn die Stücke aus eigenen Beständen stammen sollten.

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„Antichrist“, Lars von Trier

LVZ-Preisträger Sebastian Nebes‘ Landschaftsgeschwurbel wird in diesen Tagen gleichfalls im Bildermuseum angeboten. Sicher kein schlechtes Handwerk, doch ähnliche Späßchen findet man in jeder Provinzgalerie.
Wenn dann noch ein mutiertes Tier-Terzett aus Fuchs, Reh und Krähe zwischen dem Gestrüpp verteilt wäre, könnte das Bühnenbild für eine theatralische Darbietung von „Antichrist“ als nicht misslungen gelten.

Von März bis August wieder eigene Bestände.
Eine Ausstellung mit Einblicken in Magazinordnung und Lagerung von Bildhauerei, also die Sichtbarmachung von museumstechnischer und restauratorischer Alltagsarbeit mit pädagogischen Nebenakzenten.
Könnte interessant werden.

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Hochschule für Graphik und Buchkunst Leipzig

Doch dann kommt es knüppeldicke, Juli-Oktober.
Zum 250. Gründungstag der Leipziger Hochschule für Graphik und Buchkunst gibt es im Museum Arbeiten von Absolventen der vergangenen fünfundzwanzig Jahre und von Lehrkräften seit neunzehnhundertfünfundvierzig zu sehen
Also z.B. Tübke, Mattheuer, Heisig, G.K. Müller, Hachulla, Gille, Rink, Rauch…..natürlich aus eigenen Beständen.
Hoffentlich werden wenigstens z.B. Elisabeth Voigt und Karl Krug nicht vergessen, eine derzeitige Normalität, siehe in die Schwarte Claus Baumanns.

Tübke, Heisig, Mattheuer, Rauch…., sicher dann auch noch Zander, Peuker, Burger, Ziegler, Kuhrt….ich bin davon gnadenlos gesättigt.
Ich kann diesen symbolgeschwängerten Quark nicht mehr sehen und
will ja dennoch die zeitweilige Bedeutung dieser Kunst durchaus würdigen.
Aber nicht mehr sehen.
Vielleicht bringt man dann noch einen Altar von Triegel vorbei. Dann grabe ich mich ein und wühle mich durch den Erdmittelpunkt bis nach New York, um mich dort bei Rothko, de Kooning, Pollock, Twombly, Newman…zu erholen.

Danach noch etwas Weltkriegskunst, September bis November. Beckmann, Hans Alexander Müller und Alfred Frank. Frank muss ich nicht sehen, Müller kann man einmal sehen und Beckmann kann man nicht genug sehen.
Dazu folgender Werbetext auf des Museums Homepage:

“ Die Ausstellung, die an den Ausbruch des 1. Weltkriegs erinnert (Ach so, ich dachte an den zweiten Punischen Krieg) steht in Verbindung mit dem 250-jährigem Gründungsjubiläum der Hochschule für Graphik und Buchkunst.“

Verstehe ich nicht, habe aber auch keine Lust, darüber nachzusinnen.
Ich erinnere mich nur, dass Müller an der HGB ein paar Jahre Holzschnitt lehrte
Beckmann hat die Bude nie gesehen. Genügt das für Verbindungslinien.
Scheinbar genügt es.

Zum Jahresabschluss, ab November, dann Bernini, aus eigenen Beständen und ein paar zeitlich begrenzte Importe.
In Maßen versöhnlich, doch unzureichend für den Erwerb einer Jahreskarte.

juergenhennekunstkritik.wordpress.com
Juergen-henne-leipzig@web.de

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März 13, 2014 - Posted by | Kunst, Leipzig

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