Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Stern Einhundertundelf, „Surfin’Bird“ unter der Bettdecke, Ü90 mit BallaBalla, in fünfzig Minuten zur Penne, Freddy vor Hendrix, quiekendes Luxemburg, Celan im Deutschlanfunk, enk statt eng, KZ statt GZ, Todesfuge im Basta und eine Tetralogie um 1970

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Kofferradio Stern 111 (1965)

DDR-Produktion, mit Kurz-Mittel-Lang-Welle und einer erleuchteten Senderskala,nach Knopfdruck. Energiegewinnung durch zwei Flachbatterien zu achtundsechzig DDR-Pfennig, pro Stück.

Ich wurde 1965 mit einem derartigen Teil beschenkt und erweiterte dadurch meine dominante Position innerhalb der rivalisierenden Jugend“banden“ unseres Stadtteils.
Und endlich konnte ich Westsender unter der abendlichen Bettdecke hören.
Radio Luxemburg und ständig quiekende Empfangsschwankungen, Saarländischer Rundfunk mit Manfred Sexauer, Radio Freies Europa mit nervenden Störsendern und der regelmäßigen Wiedergabe des Titels „Surfin’Bird“ der Trashmen, vermutlich die erste Punk-Hymne, bestimmten nun meine Hörfunkplanung

Und natürlich der Soldatensender mit der Montagskanonade und der regelmäßigen Wiedergabe der Titel „Summertime Blues“(Eddie Cochran),“Peggy Sue“(Buddy Holly),“Sheila“(Tommy Roe) und „Action“ (Freddy Cannon).
Schon Mitte der 60er Jahre etwas abgenudelt, doch hörbar besser als z.B. dieses unsägliche „Balla Balla“ (Rainbows). Noch heute ein feuchter Böller bei Ü-90- Nachmittagen.
Der Deutsche Freiheitssender 904 war mir zu tranig.

Dabei existierten beide Anstalten auf DDR-Boden als Propaganda-Brühe.


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Doch vor allem ergab sich nun eine enge Verbindung zum Deutschlandfunk.
Anfänglich über Musik. Nächtens vom Sonntag zum Montag 23.30-0.00 Uhr gab es die Top Ten der amerikanischen Hitparade.
5.45 Uhr quälte ich mich dann aus dem Bett und schlurfte zur Straßenbahn, nach reichlich fünf Stunden Schlaf.
Leipziger werden die Entfernung von Möckern (Wohnort) nach Markkleeberg (Standort meiner Penne) einschätzen können, etwa 50 Minuten in einer blöd überfüllten, nervend geräuschaktiven und herzlos rumpelnden Straßenbahn (Linie 28).
Der Unterricht begann teuflisch früh, 7.10 Uhr.
Und dann natürlich der Weg zurück. Nochmals 50 Minuten in einer blöd überfüllten, nervend geräuschaktiven und herzlos rumpelnden Straßenbahn (Linie 28).
Nicht selten stehend auf dem Perron der Bahn, auch im Winter bei gefühlten 87 Grad Minus.
Doch musste ich ja 15 Uhr vor dem Radio sitzen, für „Hits aus aller Welt“ bei Radio Luxemburg (quiekende Kurzwelle).
Für Musik hätte ich mich auch auf einen Frettchen-Schlitten gesetzt.

Auch die Hitparade der Hörer des DLF gönnte ich mir vereinzelt (Schlager-Derby)
Da gab es dann mitunter folgende Platzierungen:

1. Freddy
2. Jimmi Hendrix
3. Wencke Myhre
4. Rolling Stones
5. Ronny
6. Roy Black
7. Beatles
8. Rex Gildo
9. Who
10.Byrds
11.Siw Malmkvist
12. Spencer Davis Group

Also wundervoll durch den Gemüsegarten, wie meine selige Großmutter es folkloristisch formulieren würde.
Doch spätestens 1968 und seit der Selbstverbrennung von Jan Palach auf dem Prager Wenzelsplatz übernahm der Deutschlandfunk meine politische und kulturelle Bildung.

Informationen über den Vietnam-Krieg und Rudi Dutscke in Deutschland (West), über Jan Palach in Prag, Allende in Chile, Pol Pot in Kambodscha, Walesa in Danzig, Documenta in Kassel, Solschenizyn bei Böll, Beuys und Rau in Düsseldorf, Sartre bei Baader, Biermann im Westen, Tschernobyl in der Ukraine, über Aids, Barschel, das Papst-Attentat, Biennale in Venedig, die Golfkriege, die Russen in Afghanistan, die Verfaulung der DDR…suchte ich mir nun häufig auf des Deutschlandfunks Frequenz
Als Besitzer einer Stereoanlage dann erweitert durch andere „Westsender“ (NDR, RIAS).
DDR-Hörfunk konnte man nicht mehr ertragen.
So gab es eine Jugendsendung „Krieg gegen Köpfe“ über die ideologisch-imperialistische Beeinflussung durch die westdeutschen Kriegstreiber. Unbeschreiblich dümmlich und ekelerregend.

Außerdem konnte ich jetzt einigermaßen störungsfrei und bis zum Exzess meine geliebte Musik auf ein Spulentonband aufnehmen (Unitra). Gleichfalls z.B. eine mehrteilige Radiolesung aus „Archipel Gulag“

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Paul Celan

Doch scheint mir, „mein“ Sender hat bislang den Wechsel in das neue Jahrtausend noch nicht so recht bewältigt.
Qualität wird nicht selten nur noch als obskures Konglomerat ausgedünstet, wobei der Einfluss entbehrlicher Zutaten steigt.
Inhaltlicher und sprachlicher Anspruch wird leichtfüßig als verzichtbare Staffage bewertet.
Gerade bei kulturellen Beiträgen werden auf solide Erkundungen und strapazierbare Erkenntnisse verzichtet. Es wird gesülzt, ohne Hand und Fuß, angereichert durch Faktenfehler.
Sprachliche Unsauberkeiten gehören dabei zum täglichen Instrumentarium und Sensibilität bei der Programmgestaltung sollte man sich auch wieder erarbeiten.

Dazu ein wochenendliches Sondererlebnis.

Bei entsprechendem Themeninteresse versuche ich die „Lange Nacht“ im Deutschlandfunk, sonnabends 22.30-2.00 Uhr, schlaflos zu überstehen, zumindest in Teilen.
Die vergangene Sendung wurde Paul Celan gewidmet, sicherlich auch im Zusammenhang mit dem Totensonntag.
Für mich ein guter Tagesausklang.
Ich hörte und hörte ein eher mittelmäßiges Programm und bald natürlich die „Todesfuge“.
Intwischen scheinbar auch bei „Wetten, dass..“ und in irgendwelchen dämlichen Kochsendungen dargeboten.

Doch Popularität muss ja nicht immer billiges Zeug sein, wie „Auserwählte“ oft absudeln, die sich immer gern und unverstanden am „Rande der Gesellschaft“ finden möchten.

Der Moderator legte die Version mit Originalton von Celan ein.
Schon der Gedanke treibt mich zu einer körperdeckenden Gänsehaut.
Celan sagt nicht: „….da liegt man nicht eng….“, sondern….“da liegt man nicht enk…“ Mit K wie KZ.

Doch dann erstarrte ich, meine Ohren hingen in der Höhe des Skrotums.

Denn die Feingeister des Deutschlandfunks entschlossen sich, vor dem Mittelteil die „Todesfuge“ abzubrechen.

Ende, Pumpe, Schicht, Abruch, als hätte man gerade „Ein Männlein steht im Walde“ zitiert ( nichts gegen Hoffmann v. F. und Engelbert H.).

Mitten in Celans eigentlich unbegreiflichem Vortrag, einfach Abruch, Punkt, Basta.
Und man steht da wie Rouaults Clown, mit feuchten Augen.
Und der Moderator labert einfach weiter.

Die Maße dieses Gedichts entsprechen nicht gerade Klopstocks „Messias“ oder irgendeinem gedichteten Lang-Riemen von Wieland.
Celans Zeilen sind überschaubar und wären für eine vollständigen Wiedergabe in einer zweihundertundzehnminütigen Sendung durchaus geeignet.
Aber nein, plötzlich war Pumpe und ich drückte auf den Knopf, um der öligen Moderatorenstimme zu entgehen.

Denn die ölige Stimme eines Moderators kann die Stimme Celans, der gerade siene Todesfuge vorträgt, mitnichten ersetzen.

Das meine ich, wenn ich von Sensibilität schreibe, auch an die Adresse: Köln, Raderberggürtel.

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Teufel

Musiktitel des Tages

Rolling Stones

„Sympathy for the devil“ aus „Beggars Banquet“.

Und danach die gesamte LP hören, gefolgt von den restlichen drei Scheiben, um die herausragende Tetralogie zwischen 1968 u. 1972 zu komplettieren (Let it Bleed, Sticky Fingers, Exile on Main ST.)

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November 26, 2013 Posted by | Geschichte, Leipzig, Musik, radio | Hinterlasse einen Kommentar