Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und „Les Misérables“.

Les Miserables

Barrikadenkampf in „Les Misérables“

Soll Gavroche singen wie Jessy Norman? Oder Hugh Jackman trällern wie Gigli, während Russel Crowe sich stimmtechnisch bei Schaljapin annschmiegt?
Diese „Kritiken“ von Interims-Fachleuten, die an der stimmlichen Befähigung der Schauspieler in „Les Misérables“ mäkeln, um die Umgebung mit ihrem musikalischen „Verständnis“ zu beeindrucken, obwohl die qualitative Einordnung dieser Gesänge schon eindeutig umrissen ist, nerven gnadenlos.

Denn es hört doch auch das dümmste Tapir, dass hier keine normgerechten Tenor-Arien geschmettert werden, also Schauspieler-Stimmen eingesetzt werden, die an den Opern in Mailand, Paris oder New York sich ohne stehenden Ovationen von der Bühne scheren müssten.
Doch darüber bräuchte tatsächlich niemand endlose Erklärungs-Wülste. Bei einem unverfilzten Gehörtunnel ist dieser akustische Eindruck eindeutig.

Irgendeine Nuschelzunge begann mit der messerscharfen Verurteilung des stimmlichen Potentials der Akteure und auch wirklich jede Hörfunkanstalt, einschließlich aller sogenannten „Kultursender“, fand es schick und ausladend originell, diese Inkompetenz nachzuöden.

Doch kann man hier keinesfalls Edelgesang erwarten, ich empfände es auch als hochgradig unangenehm.
Denn „Les Misérables“ ist keine Oper, nicht einmal ein Musical, sondern die Verfilmung eines Musicals. Und deshalb gelten andere Kriterien.

Denn Oper, Musical sicher etwas weniger, sind doch weitgehend musikorientiert, Handlung und Aktion unterstreichen die gesungenen und gespielten Noten. Denn es wird immer noch von Musiktheater gesprochen, weniger von Theatermusik.

Im Film dominiert der Ablauf, Musik kann zur Kulmination beitragen, zur Emotionalisierung und inhaltlichen Unterstützung.

Und ein strahlender Heldentenor auf den Pariser Barrikaden von 1832 in einer Musicalverfilmung würde ich nicht ertragen können.
Die Synchronisation Russel Crowes durch irgendwelche Pracht-Gröler von den Opernhäusern dieser Welt wäre mir zuwider und ich würde das Ergebnis als misslungene Parodie eines historischen Sachverhalts beurteilen.
Wiederum anders stellt es sich natürlich bei bei Kinoveranstaltungen dar, in denen Musiktheater von der Bühne in den Saal übermittelt wird.
Ich sah vor einigen Jahren in einem Leipziger Lichtspieltheater zwei Teile von Wagners „Ring“ (Rheingold und Walküre) in der überragenden Aufführung von Patrice Chéreau.
Hier entfaltet sich die Wirkung der Stücke wiederum anders, Wirkungsanteile zwischen Musik und Handlung werden erneut relativiert.

Der Film „Les Misérables“ setzt keine neuen Maßstäbe, doch habe ich mich fast einhundertundsechzig Minuten vorzüglich unterhalten.

Auch ohne das Format von Domingos oder Villazons Gekrähe.

Zugabe zum Tod Dieter Pfaffs

Ich kann weder seine schauspielerische Fähigkeit noch die Güte des musikalischen Vortrags einordnen. Meine Kenntnisse darüber sind arg rudimentär. Sicher war er ein außerordentlich angenehmer Zeitgenosse.
Doch wird er sofort mit Johnny Cash verglichen, auch mit Orson Welles. Gunter Gabriel und Cash sind in offiziellen Urteilen ohnehin auf der gleichen Ebene angesiedelt.
Mein Gott, lasst doch alle einmal die legendäre Kirche im Dorf.
Ich empfinde dieses Gesülze als Verhöhnung Pfaffs.
Ich hatte die Freude, Johnny Cash noch leibhaftig auf der Bühne zu sehen und kann mir deshalb durchaus ein zielsicheres Urteil erlauben.

ILEEFloffsen2005198309092012

juergenhennekunstkritik.wordpress.com

juergen-henne-leipzig@web.de

März 6, 2013 - Posted by | Leipzig

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