Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Kaija Saariaho, Dame mit Einhorn, Herr mit Klarinette, ohne Wolfgang Mozart und Alfred Schnittke, eine Prä-Erstaufführung, Staubmagneten im Musée de Cluny, Ciurlionis in Leipzig, Sekunden einer Celesta, von Elch zu Elch, die Magd von Sillanpää und Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Tasten

Einhorn mit Dame, Paris

Kari Kriikku, Finnland, mit Klarinette, ohne Einhorn

Karija Saariaho, Finnland. ohne Einhorn und Klarinette, doch als schöne Erscheinung einer reifen Frau und als Komponistin eines Klarinettenkonzerts, geschrieben für Kari Kriikku

Bild von Ciurlionis

(von oben nach unten)

Während der vergangenen Tage dreifach in Leipzig angeboten: Das Klarinettenkonzert von Kaija Saariaho, mit Klarinettist Kari Kriikku und dem Gewandhausorchester unter Vladimir Jurowski.

Ich gönnte mir schon am Mittwoch die erste Veranstaltung, eine konzertante Soloaktion, ohne Mozart und Alfred Schnittke, vor überschaubarem Publikum, im Großem Saal.
Denn in den beiden anschließenden „Großen Concerten“(Donnerstag, Freitag) folgten der Klarinette noch KV 318 (Recht hübsch und recht kurz) und Schnittkes 3. Sinfonie (ein gewaltiges Werk). Doch fehlte mir dafür an diesen Tagen die Begierde.
Mir genügte die Klarinette.
In meiner Anwesenheit wurde also die Prä-Erstaufführung für Deutschland zelebriert. Die Erstaufführung ohne „Prä“ dann am Donnerstag.
Die Inspirationsquelle für Kaija Saariahos klarinettistische Gewogenheit tröpfelt an den Wänden des Pariser Musée national du Moyen Age (Musée de Cluny).
Ich muss mich jetzt natürlich hüten, nicht gnadenlosen Ausschweifungen zu erliegen, in das Mittelalter des 10.-12. Jahrhunderts. In die Fänge des von Cluny abgeleiteten Reformordens, zu dessen Kultur und Kunst (Cluny II+III).
Bei einem Besuch der burgundischen Stadt konnte ich vor den steinernen Rudimenten der einst gewaltigsten Sakralarchitektur des Christentums auf die Knie sinken.
Jedenfalls zog Kaija Saariaho ihre Noten aus sechs Teppichen im Museum Cluny.
Die kunsthistorische Bearbeitung dieser Stoffdinger ist noch nicht beendet und einzelne ikonographische Details noch nicht geklärt.
Und mich interessiert dieser mittelalterliche Tapisserien-Fummel nur am Rande.
Sie wurden Ende des 15.Jahrhunderts in den Niederlanden gefertigt, Gesamttitel: „La dame à la Licorno“
Irgendwie steht auf jedem dieser Staubmagneten ein Einhorn im Weg und in gemeinsamen Aktionen mit der Dame verbildlicht es die fünf Sinne.

Hören, Sehen, Schmecken, Riechen, Tasten.
Doch vermeidet Kaija Saariaho Versuche, bei den Hörern synästhetische Verrenkungen zu aktivieren, z.B. Hören-Sehen/Ton-Farbe.
Kandinsky und Schönberg wurden z.B. mit dieser Sensibilität beschenkt.
Gleichfalls Ciurlionis, ein litauischer Maler und Komponist (1875-1911), dessen Bilder ich vor Jahrzehnten sehr liebte (diese Zuneigung hat sich aber inzwischen bedrohlich verringert).
Er studierte am Beginn des 20. Jahrhunderts in Leipzig. Doch das weiß natürlich keine Sau, immer nur Leipzig und Bach, Mendelssohn, Schumann, irgendwie öde. Dabei lernte er sogar bei Carl Reinecke, der immerhin auch Janácek und Grieg unterrichtete.
Aber wenigstens wurde Heinrich Marschner vor einigen Wochen mit mittelmäßigen Interesse erwähnt(150. Todestag).
Die gegenseitigen Reaktionen von Hören und Sehen (und umgedreht) kann ich natürlich locker nachvollziehen.
Bei Musik und Riechen, Musik und Schmecken…werden die Abläufe etwas diffiziler. Doch warum nicht, ich bin da aufgeschlossen und empfängnisbereit.
Kaija Saariaho nähert sich also nur vage diesen möglichen Phänomenen und läßt eher Klarinette und Orchester bei der praktischen Musikausübung entsprechend agieren.
So lärmt mitunter Kriikku recht kontaktbeseelt durch Besucher-u. Orchesterreihen (Tastsinn), er flötet außerhalb des Saals einige Urtöne (Hörsinn) und verlässt im Verlauf des 6.Satzes das Restensemble während die Celesta mit 500 Klangsekunden wundervoll nervt.
Das mag alles etwas plakativ erscheinen, doch hörte ich eine erstaunliche Musik.
Sechs Teppiche, sechs Sätze, aber fünf Sinne. Der Sinn des sechsten Sinnes bleibt ungeklärt. Dieser Teppich trägt den Titel „A mon seul désir“ ( Mein einziger Wunsch, Verlangen…).

Kaija Saarihaho wurstelt daraus ein Anagramm, eine alberne Beschäftigung, erhält „D´om le vrais sens“ und betitelt damit das Gesamtkonzert (Nicht einmal ein reines Anagramm).
„A mon seul desir“, ich könnte mir schon einen Wunsch vorstellen, vielleicht nicht an das Einhorn, aber an die Dame….

Vladimir Jurowski dirigierte souverän, ohne Hampelei.

Bemerkenswerte Musik aus Finnland, ein finnischer Klarinettist von aufregender Virtuosität und überhaupt Finnland….
Vor einigen Jahren befuhren, beliefen, beschwammen wir das östliche Skandinavien.
Wir zelteten uns von See zu See, von Pilzregion zu Pilzregion, von Elch zu Elch, von Helsinki zum Nordkap, und dazwischen ein Schloss, eine Kirche. Und ich las natürlich „Silja die Magd“ von F.E. Sillanpää.
Keine schlechte Zeit.
Kaija Saariaho war mir bislang unbekannt.
Das wird sich ändern.

juergen-henne-leipzig@web.de

juergenhennekunstkritik.wordpress.com

Januar 14, 2012 - Posted by | Leipzig

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