Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, David Bowie, meine Großmutter mit Zappa im Gepäck, Grenzdeppen und Peking-Menschen, Sheik Yerbouti, Heroes und Ziggy Stardust, Saint-Exupérys kleiner David im Strahlenkleid und Pixies Cactus für David Bowie

Happy Birthday, David Bowie

David Bowie „Heroes“(1977)

Meine tapfere Großmutter kämpfte sich ständig nach „Westbesuchen“ (70/80er Jahre) über die Grenze, mit einer Schallplatte für ihren genialen Enkel im Kofferboden.
Dadurch gelangten z.B Scheiben der Rolling Stones, von Flock, Led Zeppelin, Little Feat, Van Morrison, Frank Zappa und eben auch David Bowie auf meinen Mono-Plattenspieler.
Also weitgehend Musik, bei deren Kenntnisnahme das Grauhaar meiner geliebten Oma sich sicherlich vor Schreck mit Signalfarben angereichert hätte.
Meine siebzig-bis achtzigährige Oma mit Zappa im Gepäck. Eine wundervolle Vorstellung. Zumal mit der Schwarzrille „Sheik Yerbouti“, auf deren Cover sich Zappa selbst eine Raucherpose gönnt und man nicht Petersilie oder Kamille im Tabak vermuten sollte.
Eher ein Material mit erhöhten Umdrehungen.

Und das hätte diese Grenzdeppen natürlich vollends verstört.
Ich kenne einen Fall aus Zeiten, als China und die Deutsche Demokratische Republik sich nicht gerade zu einer engen Brüderschaft entschlossen (Die Abtastung der erweiterten Version von DDR verursacht an meinen Fingerkuppen dermatologische Probleme.)

Uniformierte Grenztölpel fanden zwischen der Unterwäsche eines rückkehrenden Rentners ein Buch mit dem Wort „Peking-Mensch“ im Titel. Sie erstarrten, ordneten messerscharf Peking zu China und alamierten andere Uniformträger.
Das Buch ward nie wieder gesehen.
Dabei handelt es sich bei dem „Peking-Menschen“ um eine paläoanthropologische Einheit, benannt nach einem Fund unweit von Chinas Hauptstadt, ein Relikt, das etwa 700 000 Jahre beharrlich unter der Erde standhielt.

David Bowies „Heroes“ überwanden jedenfalls diese bizarren Grenzkontrollen und sie werden heute und morgen wieder auf meinem Plattengerät rotieren.
Denn Bowie wurde am 8.Januar 1947 geboren.
Und etwas Wertschätzung sollte schon sein.

David Bowie „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spider from Mars“ (1972).

Seit „Hunky Dory“ (1971), eine vorzügliche Scheibe mit einem musikalischen Beitrag zu Andy Warhol, habe ich Bowies Arbei mit Wohlwollen verfolgt. Außerhalb der grauenhaften Phase, die mit Notengurken wie „Let`s dance“ und „China Girl“ festgezurrt werden, hat er mich nie richtig genervt.
Und eben „Hunky Dory“, „The Rise and Fall….“,“Heroes“, aber auch „Low“ (1977), „Station to Station“ (1976) und „Lodger“ von 1979 möchte ich in meiner kleinen Sammlung nicht missen.
An manchen Stellen dieser Alben berührt Bowie musikalische Bereiche und wagt experimentelle Zwischenakzente, welche die Grenzen der „populären“ Tonkunst des siebten Jahrzehnts zerstören.

Ich habe David Bowie in der Berliner Max-Schmeling-Halle gesehen. Eigentlich schließen sich Schmeling und Bowie gegenseitig aus.
Gunther Gabriel und Deutschlands Edelboxer oder Max und Stefan Raab könnte man in diesem Umfeld akzeptieren. Aber David Bowie, den sich Saint-Exupéry sicher als optische Vorlage für seinen kleinen Prinzen gewählt hätte?
Natürlich hat das Alter auch zu Bowie die Strahlen der Weisheit ausgesendet, ähnlich Robert Plants Auftritt bei einem Konzert vor einigen Monaten in Berlins Zitadelle.
Weitgehend schnörkellos, ohne Mätzchen und ohne die schrägen Abläufe vor Jahrzehnten zelebrierte Bowie seine Musik, die er natürlich aus einem tiefen Fundus schöpfen kann.
Man mag das bedauern, doch vortrefflich war dieses Konzert dennoch.

Durch meine Hallen dröhnt gerade „Surfer Rosa“, eine CD der herausragenden Pixies, deren Song „Cactus“ von David Bowie auf „Heathen“ gecovert wurde.
Eine feine und musikalisch absolut nachvollziehbare Verknüpfung.

Außerdem gibt es ja noch Verknüpfungen zu Mott the Hoople, Mick Jagger, Lou Reed, Iggy Pop, Queen….
Keine misslungene Wahl.

Januar 7, 2012 - Posted by | Leipzig, Musik, Neben Leipzig, Verstreutes

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