Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Weihnachten mit Hitler, Hans Stuck, Gorecki, Celan, Vitali Klitschkos Aufmerksamkeit, eine ukrainische Niederlage, mein klammheimliches Manöver, „So war er eben“, zum Fettgansbauch die Todesfuge und ein Schrei in Stucks Grab


Ich bin nun nicht gerade der zuverlässige Enthusiast des Automobilsports. Ich kenne auch nicht die gesundheitlichen Konsequenzen, die sich nach einem Aufenthalt rund um die Uhr und über zahlreiche Jahre in einer engen Metalltonne mit einem Quartett rotierender Räder herausschälen.
Ich antwortete einmal auf die Frage eines Halbfreundes nach meiner Einstellung gegenüber dieser Motorenhatz, dass mich das Autorunden-Geknorple ähnlich interessiert wie die Frettchenzucht am Michigansee.
Seitdem hat er erhöhte Schwierigkeiten, mich in die Kategorie Mensch einzuordnen.
Ich vermeide Churchills Bonmot und bekenne, dass eine hochrangige Leichtathletik-Veranstaltung mein ästhetisch empfindsames Gemüt noch immer positiv aktiviert .
Auch einem ordentlichen Fußballspiel bin ich durchaus zugeneigt.
Ich hatte die Freude, zur Fußball-WM 2006 das Terrain der Vip-Loungue im Leipziger Stadion zu betreten, für das Spiel Spanien – Ukraine, nur wenige Plätze entfernt von Spaniens Felipe und Letizia, sowie in Tuchfühlung zu Vitali Klitschko.
Spanien gewann 4:0 und ich versuchte Klitschkos Blicken auszuweichen, vermied eine jubelnde Geste und manövrierte mich klammheimlich aus seiner Nähe.

Für kunsthistorische Ermittlungen von globaler Bedeutung näherte ich mich vor einigen Tagen zufällig auch einer Seite der Zeitschrift Quick aus den siebziger Jahren mit Leserbeiträgen, die scheinbar eine Serie über Hitler beurteilten (oben). Auch Rennfahrer Hans Stuck trommelte seinen gesamten Intellekt zur Abrufung von Höchsleistungen herbei.
Das Ergebnis ist bemerkenswert.
Als Vielleser, Vielhörer, Vielseher und Vielschreiber bin ich ja durchaus gewappnet gegenüber ekliger Gedankensülze, doch diese Erinnerungen erzeugten zumindest eine mittlere Gänsehaut.
Ich weiß um Stucks Existenz als Rennfahrer, Details seiner Vita blieben mir, Gott sei Dank, bislang verborgen.

Besonders der abschließende Extrakt seines Beitrages „So war er eben“ trieb mich kurzfristig in das Stadium gehobener Vestörtheit.
So könnte man sich meines Onkels Karl erinnern, ein polternder, mitunter jähzorniger Landarbeiter von großer Güte. „Ja, so war er eben.“
Oder Fleischermeister Heinrich, der vor Jahren jedem Kind ein kostenloses Stück Jagdwurst oder Kochsalami für den Heimweg verpackte. „Ja, so war er eben.“

Und dann Rennfahrer Stuck über Hitler: Ja, so war er eben.“

Über verminderte Denk-und Sprachfähigkeit kann ich nicht klagen. Doch diese wenigen Sätze stürzten mich in die Unerträglichkeit einer steinernen Artikulationsunfähigkeit.
Ich könnte jetzt Liebermanns bekanntestes Bonmot zitieren. Doch das wäre zu harmlos.

Es ist ja nun wieder die Zeit der Geschenkegrapscherei und der Fettgansvertilgung, nichts dagegen einzuwenden.

Doch könnte man sich gerade während der Weihnachtstage, meinetwegen auch mit einem voluminösen Fettgansbauch, Goreckis dritte Sinfonie anhören, besonders Satz zwei. Auch Celan lesen oder akustisch wahrnehmen.
Ich empfehle dazu das Hörbuch „Ich hörte sagen“, von Celan selbst gelesen. Und keinesfalls nach der „Todesfuge“ abschalten.

Diese geschriebenen und komponierten Erinnerungen sollte man dann in Stucks Grab einbrennen und ein infernalisches „So war er eben“ nachbrüllen.


<a

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Dezember 20, 2011 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar