Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Brian Ferrys Hemd zu 9.95 Euro, Zähne im Dübel, Gottschalks Gummiratten, Maulwürfe am Südpol, Schöbel und Lacasa als musikalisches Folter-Duett, ein Biss in den Weihnachtsbaum, Humble Pie, Erik Satie und Morton Feldman, Kammermusik für dreihundertundsechzig Minuten und vielleicht doch „Stille Nacht, heilige Nacht.“


Brian Ferry. Waagerecht, mittig rechts. Senkrecht, im goldenen Schnitt, unten

Brian Ferry, etwas näher

Brian Ferry, noch näher



Brian Ferry, nah

Brian Ferry singt

Seit 1972, als Roxy Musics „Virginia Plain“ auf Mittel-u.Kurzwelle durch mein ostdeutsches Mono-Kofferradio dröhnte, ich bei dem Titel die Dübel mit den Zähnen aus der Wand riss, von meteorologisch-atmosphärischen und parteigelenkten Empfangsstörungen widerwärtig begleitet, gönne ich dieser Truppe und den Projekten der einzelnen Mitglieder eine recht wachsames Augenmerk.
Scheiben wie „Roxy Music“, „Stranded“ „Country Life“ und „Your Pleasure“ sind bei mir nie in hintere Regalteile gedrängt wurden. Wobei ich „Your Pleasure“ von 1973 durchaus mit einer Extra-Wurst versorge, wie meine selige Großmutter volkstümlich formulieren würde.
Der Eingangstitel „Do the Strand“ eignet sich dabei vorzüglich als Offerte, um den CD-Player weiterhin auf Betriebstemperatur zu halten.
Und die Bedeutung von Brian Eno für die zeitgenössische Kultur sollte ohnehin nicht angezweifelt werden. Er beendete aber nach „Your Pleasure“ seine Anwesenheit bei Roxy Music.

Jedenfalls kaspert Brian Ferry zur Zeit als Werbeträger für irgendeine Bekleidungsbude durch Leipzigs Zentrum, für ein Hemd zu 9.95 Euro, dessen bösartige Unansehnlichkeit Textilgeschichte schreiben könnte.
Brian Ferry hat also einen Hemdlappen für 9.95 Euro über seinen Ranzen geschnürt. Brian Ferry, der immer mit einer souveränen Geschmackssicherheit seine Kleidung wählt und sicher auch schon einmal für die vier Löcher eines Hemdknopfes 9.95 Euro inverstierte.
Ein Journalist war einst der Meinung, er habe noch nie einen Menschen gesehen, der stilvoller an einer Säule lehnte und sich langweilte.
Sicher nicht in einem Hemd zu 9.95 Euro.
Derartige Nebengleise sind vielleicht nicht nötig, doch seine Musik werde ich dennoch nicht ächten.
Denn eher ein Hemd zu 9.95 Euro und die Musik von Brian Ferry als mit Gottschalks Gummiratten die Speiseröhre verstopfen oder sich von Nowitzkis Dibadubidibubu-Bude über den Löffel barbieren zu lassen.
Ich habe Brian Ferry in zwei Konzerten erlebt, in Berlin und Dresden, zunächst mit seiner ehemaligen Truppe, doch ohne Brian Eno und später als Solist.
Allerdings ohne ein Hemd zu 9.95 Euro.

Humble Pie, links Steve Marriott (Small Faces), dann Greg Ridley (Spooky Tooth), Peter Frampton (Herd), später auch Clem Clepson.(Colosseum).

Musik der Woche I

Humble Pie, Live-Mitschnitt vom 6. Mai 1971 im Winterland Theater in San Francisco.

Es beginnt mit „Up your Sleeves“ und „4 day creep“, dann eine Version von „Honky Tonk Woman“ bis zu „30 Days in the Hole“
Hier wird nicht lange gefackelt, sondern kurz gebrüllt und ran an die Gitarren, bis die Tapete abfällt.
Also handgemachte Musik, wie man so schön zu sagen pflegt.
Die Saiteninstrumente kreischen, der Schlagezeuger drischt auf die Tonnen, Steve Marriott kräht, dass die Maulwürfe sich bis zum Südpol graben.
Als Live-Band unvergesslich.

Der Zeit entsprechend könnte man dann nach Humble Pie ein Weihnachtslied nachlegen, doch möglichst nicht mit Frank Schöbel und Aurora Lacasa, die scheinbar mit ihrer unsäglichen Weihnachts-Tournee und unerträglich blöden Gesängen danach trachten, Menschen und Landschaften im Osten Deutschlands zu beschädigen.
Zumindest bei mir entwickelt sich bei diesem Duett ein aggressiver Augen-Ohren-u.Nerven-Plaque. Und wenn dann Schöbel noch „Wie ein Stern“ abnudelt, beiße ich in den Weihnachtsbaum.

Ich empfehle dann doch Orffs Weihnachtsgeschichte. Wobei ich vor wenigen Tagen irritiert zur Kenntnis nehmen musste, bei einer Aufführung in unserer regionalen Kirche, dass Orff mitnichten die Musik komponierte. Er schrieb den Text, Gunhild Keetman lieferte die Noten.

Erik Satie

Musik der Woche II

Grossienne 4-6 für Klavier von Erik Satie

Satie klimperte sich bisher als Komponist von Revue-Musik, als Cabaret-Narr, doch auch als Interpret der Welten Toulouse-Lautrecs durch mein musikalisches Gedächtnis. Sicherlich zum Teil eine angemessene Reaktion.
Eine recht gängige, auch einprägsame, doch nie simple Musik.
Doch hörte ich vor wenigen Wochen Ausschnitte der „Vexation“, etwa mit Erniedrigung zu übersetzen und erweiterte meinen Blick auf Satie.
Hier werden überraschende Akzente gesetzt, die erbarmungslos in die Tiefe des 20. Jahrhunderts strahlen. Kein Zufall, dass er auch mit Picasso, Cocteau und Djagilew arbeitete
Das Stück ist bis zu einer Länge von zwanzig Stunden angelegt und gilt in seiner Anlage als wichtiges Ausgangsmaterial für Minimal und serielle Musik, wodurch sich natürlich mein Herz öffnet.

Rechts: Morton Feldman, mittig: keine Ahnung, links: John Cage

Im Zusammenhang mit den Ausdehnungen bei Saties „Vexation“ erinnere ich mich gerührt an ein Kammerkonzert für drei Instrumente von Morton Feldman, u.a. mit Steffen Schleiermacher am Klavier.
Eine Dauer von etwa sechs Stunden wurde angekündigt.
Schleiermacher versprach auch, nicht zu zürnen, wenn wir uns zwischendurch als Entspannung einen kleinen Weg über den Augustusplatz gönnen, mit Picknick.
Die Solisten spielten sechs Stunden, ohne Unterbrechung.
Nach fünfzehn Minuten entwickelte sich zunächst meine Überzeugung, dieses Teil niemals durchstehen zu können.
Beim nahenden Ende barmte ich zu Aoide, dass diese Musik nie enden möge.
Dieser Minimalismus, der teils bis zum Exzess getrieben wird, bei dem auch die Pausen vibrieren, entfaltet eine suggestive Wirkung, der man sich nicht entwinden kann.
Für Weihnachten aber nicht vordergründig geeignet.
Dann also doch wieder Orff, doch keinesfalls Schöbel und Lacasa.
Vielleicht auch Weihnachtslieder von Slade und John Lennon, oder doch nur „Stille Nacht, heilige Nacht.“
Ist doch auch gar nicht so schlecht.

juergenhennekunstkritik.wordpress.com

juergen-henne-leipzig@web.de

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Dezember 8, 2011 Posted by | Leipzig, Musik, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar