Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Rod Steiger als Pfandleiher, Nazermann in New York, ein Trauma in Spanish Harlem, Restsülze im Zahn, Jean Gabin, Isabelle Huppert, zwölf Geschworene, ein Augenartist mit Basedow-Tendenz, Rod Steiger als Kofferträger und Unschuldige mit schmutzigen Händen.

Rod Steiger als Pfandleiher im gleichnamigem Film von Sidney Lumet, 1967

Es gibt Schauspieler, die hampeln unentwegt über die Leinwand, kratzen sich die Nüsse, brüllen wie Godzilla, zirkulieren mit ihren Köpfen wie eine Kreissäge, doch der Zuschauer neigt sich bald sanft zurück, kratzt sich gleichfalls die Nüsse und lässt Hypnos und Morpheus ihr Werk verrichten.
Und dann gibt es natürlich auch Schauspieler, die schauen wortlos auf eine zerknorpelte Hauswand, drehen sich erstarrt und teilnahmslos eine Zigarette, fläzen im Schaukelstuhl oder puhlen die Restsülze aus dem Kariesgebiss, sie können sich natürlich auch die Nüsse kratzen und der Zuschauer schluckt, ist gebannt und erschüttert ob der außerordentlichen Schauspielkunst.

Keinesfalls eine neue Erkenntniss, eher die Normalität im Kino.
Natürlich können auch hampelnde, wie Godzilla brüllende Darsteller eine hochwertige Kunst bieten und Knorpelhauswandanstarrer mit Restsülze im Gebiss sich schauspielerisch auf grottigem Terrain bewegen.
Rod Steiger konnte machen, was er wollte, laut und lästig sein oder sich erstarrt vor einer knorpeligen Hauswand die Restsülze aus dem Kariesgebiss puhlen. Sein Status als einer der bedeutendsten Schauspieler der zweiten Jahrhunderthälfte sollte nie angetastet werden.

Gerade bei seiner Rolle als Pfandleiher in „Der Pfandleiher“, brilliert er als ehemaliger Professor in Leipzig, als jüdischer Überlebender des Holocaust, dessen Familie verschleppt, vergewaltigt, getötet, also zerstört wurde.

Dieses Trauma hat er bis nach Spanish Harlem in New York getragen und verstört seine Umgebung mit einer beispiellosen Wortaskese, mit Pessimismus und Hoffnungslosigkeit, die der sensible Zuschauer nur unter Schmerzen ertragen kann.

Und es bedarf eben keiner großen Manierismen, emotionaler Schüttelgesten und Hände ringender Anfälle. Bei Sol Nazermann (Rod Steiger) haben die Spuren einer irreparablen Erschütterung selbst die Fähigkeit und den Willen zu Ausbrüchen und zur berechtigten Darstellung des Schmerzes über ein unsägliches, zum Himmel schreiendens Unrecht getilgt.
Das Leid hat selbst seinen Schmerz gebrochen.
Er umpanzert sich mit Grobheit, äußerer Härte und radikaler Unzugänglichkeit.
Bis die Abläufe kulminieren und sich bei Nazermann durch einen Opfertod allmählich der Nebel lichtet. Die letzten Bilder zeigen ihn auf den Straßen von New York.
Steiger konnte locker die Inkarnation des Kotzbrockens darstellen, des cholerischen Autoritätsfanatikers und gespaltenen Intriganten mit tiefer Familienbindung. Er spielte den Ehemann von höllischer Vergeltungswut, den Western-Rowdy und den politischen Feingeist mit ausgeprägter Hybris.
Ich denke in diesem Zusammenhang auch an Jean Gabin und Charles Laughton, an Simone Signoret und Isabelle Huppert.
Im Angesicht der z.B. bemerkenswerten Kunst der I.H. können meinetwegen alle gegenwärtigen Modeschauspielerinnen, deren Schönheit die Erscheinung von I.H.zweifelsfrei überragt, hinter die Leinwand treten, den Mund halten und Bockwurst essen.
Und auf der Leinwand agieren dann noch Isabelle Huppert und Kati Outinen, eine der bevorzugten Darstellerinnen Aki Kaurismäkis. Wenn ich an „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ denke, türmt sich bei mir sofort die Gänsehaut auf.

Nach Studien in verschiedenen Schulen, u.a. auch mit Marlon Brando in einer Klasse, spielte Rod Steiger bald am Broadway (Ibsens „Volksfeind“), debütierte bei Fred Zinnemanns „Teresa“ und erhielt eine Oscar-Nominierung für die Rolle des zwiespältigen Bruders Terry Malloys (Marlon Brando)in Elia Kazans „Faust im Nacken“. Wehalb der Originaltitel „On the Waterfront“ diese Übersetzung erhielt, erschließt sich mir nicht. Bei „Faust im Nacken“ denke ich irgendwie immer an John Wayne.
Jedenfalls für die damalige Zeit ein auffällig radikaler Film, der an originalen Schauplätzen von der Widerwärtigkeit gewerkschaftlicher Korrumption kündet.

Nach dem Pfandleiher bräuchte man keinesfalls den Regisseur zu wechseln, um unbescheiden anspruchsvoll die Filmstunden weiterzuführen.
Mit der Empfehlung von Lumets „Serpico“, „Nacht über Manhattan“ und vor allem „Die zwölf Geschworenen“ mit Henry Fonda, für mich ein überragender Streifen der Filmgeschichte, wird man keinen Zorn ernten.

„Waterloo“ (1969) von Sergej Bondartschuk.

Rod Steiger als Augenartist mit auffälliger Basedow-Tendenz, als zwergiger Welteroberer mit der Hand kurz über seiner französischen Nudel.
Außerdem mit Christopher Plummer und Orson Wells.
Ich weiß tatsächlich nicht, ob ich diesen Streifen gesehen habe. Ich denke, er wurde am Beginn der 70er Jahre im Leipziger Filmtheater „Schauburg“ gezeigt. Sicher als Breitwand-Produktion.
Mein erstes Breitwanderlebnis gönnte ich mir Mitte bis Ende der 60er Jahre, „Die schwarze Tulpe“ mit Alain Delon, damals eine Sensation

„In der Hitze der Nacht“ von Norman Jewison, 1967

Gleichfalls Regisseur von „Cincinnati Kid“ mit Steve McQueen und dem göttlichen Edward G. Robinson.
Steiger fungiert zunächst als Über-Dödel, welcher der überragenden Intelligenz und der beispiellosen Erscheinung des schwarzen Kriminalbeamten (Sidney Poitier) nur dümmliches Unverständnis und Aggressivität entgegenbringt. Im Verlauf der Ermittlungen ändern sich die Dinge und zum Filmausklang trägt der weiße, grobschlächtige, unansehnliche, doch etwas geläuterte Rod Steiger dem schwarzen, feinsinnigen und ansehnlichen Sidney Poitier den Koffer zum Zug.

Wie Rod Steiger ständig mit seinen Sheriff-Zähnen auf Kaugummi herumdrischt, sich breitbeinig lärmend Autorität erarbeiten will und meisterhaft zwischen rassistischem Unfug, grober Ironie, unerwarteter Verlegenheit, aber auch Erstaunen und Scham pendelt, aufgelockert durch cholerische Intermezzi, erscheint mir in dieser Intensität nicht vergleichbar.

Aus heutiger Sicht wird man dem Film etwas Klischee-Bereitschaft bescheinigen. Doch sollte das Herstellungsdatum beachtet werden, eine Zeit, in welcher der Alltag Amerikas, zumindest im Süden, noch etwas anders geprägt wurde.

Der Film erhielt fünf oder sechs Oscars, u.a. für Rod Steiger, in diesem Fall kein Protest

Rod Steiger in „Amityville Horror“, von Stuart Rosenberg, 1979
Ein schönes Bild

Ich habe den Film nie gesehen und kenne von Rosenberg nur „Das Schiff der Verdammten“ aus den 70er Jahren, das Drama um jüdische Emigranten, die in den USA und Kanada abgewiesen wurden und wieder nach Europa zurückkehren müssen. Ich denke, der Film hat mich tief beeindruckt, obwohl ich mich nur noch an Faye Dunaway und Max von Sydow erinnere.

Rod Steiger agierte weiterhin als Komarovsky in „Doktor Schiwago“, als Mussolini in „Omar Mukhtar“ und spielte Louis Wormser in Chabrols bemerkenswerten Streifen „Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen.“ Ein guter Film mit Romy Schneider, viele waren es ja nicht.

November 22, 2011 Posted by | Film | Hinterlasse einen Kommentar