Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die unregelmäßig bearbeitete Serie: „Filme, die keine Sau kennt, außer Jürgen.“ Heute: „Freaks“ von Tod Browning (1932)

Freaks. Meine DVD, aus Amerika bestellt.

Scheinbar in Deutschland nicht erhältlich, dachte ich zumindest vor einigen Wochen.
Doch aktuell nun doch in Deutschland und Großbritannien käuflich zu erwerben. Wahrscheinlich war ich wieder zu blöd.

Vergangene Woche trottete ich durch Leipzigs größte „Saturn“-Bude. Natürlich nur bescheiden hoffnungsvoll, irgendein Scheibchen musikalischen oder filmischen Zuschnitts zu finden, welches ich freudvoll nach Hause tragen könnte und auf das meine Unterhaltungselektronik nicht mit einer offensiven Brechorgie reagieren und ihren Stromfluss unterbrechen würde.

Natürlich erwarte ich nicht, dass „Freaks“, „Stalker“ oder „Eraserhead“ mir an jeder Bockwurst-Ecke aufgedrängt werden. Auch nicht bei „Saturn“.
Mich interessieren aber diese kulturellen Entwicklungen und nebenbei kann ich meine masochistischen Nebengleise wieder einmal richtig ölen.
Doch derartig umfassend gebündelten Müll wie im „Geil ist Geil“-Stall, hatte ich nicht vermutet.Außerdem habe ich selten so eine beknackte Werbung zur Kenntnis nehmen müssen.

Ich neige eher zu Toleranz und kein Bud Spencer, keine Karl-May-Schinken oder Wallace-Verfilmungen, auch nicht „Ben Hur“ vom anderen Wallace, treiben mein Verständnis an die Schmerzgrenze.
Auch Harry Potter, der Herr der Ringe oder der zeitgenössische Vampir-Kram können mit meiner Sensibilität rechnen.
Doch ein derartiger Fundus an gespielter, gesprochener, inszenierter und gesungener Sülze erscheint mir deprimierend.
Deshalb Null Cent bei den Ausgaben, so schön und preiswert kann sich eine Prommenade durch mediale Simpelhütten entwickeln.
Und ich bewahre meine Geilheit für andere Situationen.

Ein schaurig „schönes“ Bild. „Freaks“ im Grünen

Szene aus „Freaks“ mit Hercules (Henry Victor), Cleopatra (Olga Braclanova)und Hans (Harry Earles).
Das Bild zeigt den Prolog zu einer der wundervollsten und unerträglichsten Szene der frühen Filmgeschichte.
In ihrer Intensität vergleichbar Mit Peter Lorres Schlussmonolog bei „M“.

Daisy während der Hochzeit von Hans und Cleopatra

Plakat

Der Film wird als Horror-Veranstaltung angepriesen. Kann ich nicht ganz nachvollziehen. Sicherlich sind Elemente dieses Genres nicht zu übersehen,wenn Horror etwas schlicht mit Grauen übersetzt wird.
(Ähnlich dürftig wie die Bezeichnungen Abenteuerfilm für „Stalker“ und Tierfilm für „King Kong“ in dämlichen Fernsehbroschüren)
Womöglich wurde von Browning nach „Dracula“(1930)ein ähnlicher Streifen erwartet, der sich bedenkenlos in die Rubrik Horror einordnen ließe.

Doch „Freaks“ bewegt sich weitgehend auf realen Ebenen, die natürlich Grauen nicht ausschließen.
Denn Browning meidet eine kompromisslose, gezielte, konzentrierte Hinwendung zum Schrecken „an sich“. Das Grauen ist real, nicht konstruiert. Natürlich verfremdet, überzeichnet Browning manche Abläufe. Ein Zirkusfilm mit emotionalen Kitschorgien, der den alltäglichen Horror in ein Rundzelt und ein paar Wohnwagen trägt und Aktion, Thriller, Komödie und etwas Horror-Dekoration vereint.
Das normale Programm mit Liebe, Gier, Geilheit, Vergeltung wird gnadenlos ausgebreitet.
Frieda, die Zwergin liebt Hans, den Zwerg. Hans, der Zwerg liebt Cleopatra , „normal“ gewachsen. Hercules, „normal“ gewachsen aber schön bekloppt, vögelt mit Cleopatra, sie ist schön, verwerflich und zum Kotzen. Cleopatra und Hans heiraten, des Geldes wegen. Der kranke Hans wird dann mit einer Medizin versorgt, deren Inhalt sich nicht auf Kamille und Pfefferminze beschränkt. Hercules lacht immer dämlich vor sich hin. Eine gängige, eigentlich unaufdringliche Story.

Doch bald kommt ein Kodex der Freaks zur Anwendung: Wer Einem schadet, schadet allen, oder so ähnlich.
Und schon geht es richtig los. Die Schlussszene ist dann der wahrhaftige Horror, aber etwas albern und durchaus entbehrlich.
Brownings Film lechzt nicht nach Anteilnahme und Mitleid. Denn eine erweiterte Anzahl dieser Menschen wurde mit einem bemerkenswerten Selbstbewusstsein beschenkt.
Die Darsteller wählte man aus verschiedenen Theatern, in denen der Exhibitionismus ihrer Andersartigkeit zur täglichen Verpflichtung und zur Existenzsicherung gehört. Die Behinderungen sind also unmissverständlich greifbar.

Während eines Galeriegesprächs mit einem einarmigen Künstler sprach ich leichtfertig von einer Behinderung. Der Herr wollte mir sofort mit seinem übriggebliebenen Arm an die Kehle. Doch wie feinsinnig soll man denn einen derartigen Zustand ausdrücken?

Jedenfalls haben die Schauspieler bei „Freaks“ sicher vor Ort schon ähnliche Situationen ertragen müssen. Sie sind also zumindest gewappnet gegen Vehöhnung, Erniedrigung und körperliche Zugriffe. Und die zwischenmenschlichen Abläufe sind in derartigen Miniwelten ohnehin mitunter recht gewöhnungsbedürftig.
Manchmal verirrt sich der Film in einem kleinen Nummernprogramm. Siamnesische Zwillinge, ein Mann ohne Unterleib,ein Darsteller ohne Extremitäten, der sich die Zigarette anzündet entfalten ein Potpourri ihrer Fähigkeiten, ihrer Normalität.
Sehr beeindruckend, doch vielleicht nicht notwendig. Zu plakativ.

Neben der Ausbildung berechtigter Zuneigungen zu den „Freaks“ birgt der Film aber auch die mögliche Gefahr, Distanz und selbst Hass zu verstärken und Vorurteile zu unterstützen.
Eine gnadenlose Rache, die Realisierung von Bonmots des Alten Testaments, die erbarmungslose Aufrechnung von Gier und Mordversuch mit Mord und Verstümmelung ergeben eine Patt-Situation der Symphatieanteile.
Wobei sich die Reaktionen dieser Randgruppe und deren lebensnotwendiger Kodex sich sozialpsychologisch doch unschwer erschließen lassen.
In Amerika und Großbritannien war der Film lange verboten, in einigen Bundesstaaten der USA scheinbar bis heute.
Er ist nicht synchronisiert. Die Originalsprache ist merkwürdig, angereichert mit einigen deutschen Zwischentönen.
Doch würde ich inzwischen eine synchronisierte Version ablehnen.
Denn gerade die Sprache agiert mit ihren phonetischen und rhetorischen Eigenarten der einzelnen Darsteller, besonders auch in Anbetracht des noch jungen Tonfilms, als außerordentliches Wirkungsmittel.
Im Zusammenhang mit verbliebenen Darstellungselementen des gerade abgelösten Stummfilms ergibt sich eine bemerkenswerte Melange hochwertiger Filmkunst.

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November 6, 2011 Posted by | Film, Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar