Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die unregelmäßig bearbeitete Serie: „Kunst, die keine Sau kennt, außer Jürgen“ Heute : Chaim Soutine

Amadeo Modigliani, Bildnis Chaim Soutine, Öl/Lw., 1916/17, Ausschnitt

De Kooning huldigte Soutine als maßgebliche Erscheinung für die Ausformung seiner Kunst. Mark Rothko haben dessen Bilder auch nicht gerade angeödet. Überhaupt sollte die gesamte expressionistische Abteilung abstrakter Passform an Soutines Geburtstag gemeinsam eine Hymne auf Soutine jubeln.
Und Francis Bacon scheint auch nicht ungerührt daran vorbeiflaniert zu sein.

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Hügel in Ceret, Öl/Lw., 1921, Ausschnitt

Soutine wird 1893 als zehntes von elf Kindern eines jüdischen Dorfschneiders im litauischem Smilowitschi, unweit von Minsk in jüdisch orthodoxer Umgebung geboren, deren Verhältnis zu Malerei und Zeichnung zumindest problematisch war und die nach der Kenntnisnahme der ersten künstlerischen Versuche Soutines die Peitsche als erzieherische Reaktion bereithielt.
Er studiert drei Jahre an der Kunstakademie in Wilna und geht schon 1913 nach Paris, wohnt in Montmartre und später im Quartier Montparnasse.
Er pflegt nachbarliche und freundschaftliche Beziehungen zu Zadkine, Laurens, Lipschitz, Archipenko, also zur Bildhauer-Elite dieser Zeit, verreist mit Modigliani und verkehrt mit Satie, Sartre und Henry Miller.
1919-1922 arbeitet er in den Pyrenäen vorrangig an Landschaften, die er nach seiner Rückkehr nach Paris zum Teil vernichtet. Überhaupt hatte er nie ein sonderlich ausgeprägtes Harmonieverständnis zu seinem Frühwerk.
Während der zwanziger Jahre dominieren in Soutines Ikonographie Porträts, Stillleben mit Lebensmitteln und die legendären Rohfleisch-Bilder mit vorrangig aufgeschlitzten Ochsen-Leibern.
Dabei sind die Stillleben von einer Kargheit, von einer Kalorien-Askese, die biblischen Hunger-Mahlzeiten entsprechen könnten.
Auch der am Haken hängende Hornträger dürfte Soutine als potentielles Nahrungsmittel wenig interessiert haben. Er litt chronisch an einem Magen-Übel, also nicht gerade ein Behälter für Schlemmereien und letztlich die Todes-Ursache.
Es war der gnadenlos ausgelebte, fast schon psychopatische Drang, den Tod zu begreifen und vielleicht auch ein kalkulierter Affront gegen jüdische Traditionen.
Ab 1922 begann dann die Aufmerksamkeit für die Kunst Soutines zu wachsen. Er erhielt 1927 die erste Einzelausstellung in Paris und ein Jahr später die erste Monographie (W.George). In den USA stellte er erstmalig 1935 in Chicago.
Soutine starb 1943, er wurde fünfzig Jahre alt.

Dorftrottel, Öl/Lw., 1919, Ausschnitt

Soutine verbindet psychische Problemfälle, Entstellungen, Skelettierungen und Altersauflösungen zu verheerend-morbiden Abläufen.
Er deformiert, grimassiert, überdehnt und zerknautscht Gesichter und Ganzkörperansichten, gönnt sich aber neben masochistischer Ekstatik auch einige Nuancen Ironie, die sich bis zur schmerzhaften Karrikatur, bis zur schwer erträglichen Groteske steigern können. Der Weg zum abstrakten Expressionismus wird angedeutet, z.b. zu den Porträts de Koonings. Diese Bilder, die spontanen Rhytmisierungen, das ratlose Leid, mit oft spartanisch-primitiver Eindeutigkeit vorgetragen, waren in diesen Jahren von radikaler Unverwechselbarkeit.

Bildnis Paulette, Öl/Lw., 1924, Ausschnitt

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Betender Mann, Öl/Lw., 1921, Ausschnitt

Bilder des Niedergangs und einer beginnenden Zersetzung, doch nicht mit Ausgeglichenheit und Seelenruhe besänftigt. Die Farben drängen, kultivieren Ihre Aggressivität und ihre Autonomie, ersticken und strangulieren eine debile Seele.

Auffällig bei seinem Personendarstellungen ist dabei die Häufung von Berufskleidung, z.B. Page, Oberkellner, Kammerdiener, Koch und bemerkenswerterweise die Garderobe des Konditors. Vielleicht Kinheitserinnerungen, vielleicht die Sensucht nahrungsmitteltechnisch ein normales Leben zu führen, die aber durch sein Leiden nie erfüllt wurde.

Direkte Anhaltspunkte auf konkrete Personen gibt es selten. Soutine bevorzugte Hinweise auf optisch dominante Merkmale: „Frau in Rot“, „Frau mit großem Hut“, „Frau in Blau“, „Frau mit runden Augen“, „Mann mit langer Nase“, „Mann mit dem Halstuch“, „Mann mit Hutbändern“, Strickende Frau“, „Frau, die ihren Arm auf den Kopf stützt“, usw.
Akte kamen bei ihm nicht auf die Leinwände.

Soutine porträtiert in reichlichem Maß Kinder, in deren Darstellung er seine gesamte Melancholie auslebt, seine grundsätzlich pessimistische Weltsicht, bis an die Grenze zum Fatalismus.

Vordergründige Hinweise auf Auseinandersetzungen mit seiner jüdischen Herkunft, mit Religion und Geschichte, gibt es außerordentlich selten. Die Verbindung zu seiner Heimat, zu seiner Famillie hatte er vollständig abgebrochen.

Geschlachteter Ochse, Öl/Lw., 1924, Ausschnitt

Geschlachtete und ausgenommene Tiere, vor allem Rinder, aber auch Kaninchen, Fische und Waldtiere. Mögliche Interpretationen mit der Hinwendung zu gesellschaftlichen Deformierungen, zu den Menschen als apokalyptische Zerstörer und Vernichter sind sicherlich möglich, erscheinen mir aber etwas simpel.
Vielleicht in diesem Fall eine Huldigung an Rembrandt.

Stilleben mit Rochen, Öl/Lw., 1924, Ausschnitt

Stilleben mit Heringen, Öl/Lw., 1916, Ausschnitt

Landschaft in Südfrankreich, Öl/Lw., 1918, Ausschnitt

Brechende Architekturen, eingepfercht in enge Formate, oft ohne Himmel. Ein klaustrophobisches Inferno ohne sauerstoffgesättigte Perspektive. Oft wurde auch schon die Flora entsorgt. Mitunter erinnern diese Szenarien an die Unentrinnbarkeitshöllen bei Ludwig Meidner. Ein Künstler, der auch nur als kunsthistorische Nebennotiz
geführt wird.

Landschaft in Ceret, Öl/Lw., 1919, Ausschnitt

Soutine bietet vehement aufgetragene Farborchestrierungen, bei denen Natur und Menschenwerk sich nicht so recht ausstehen können. Und selbst bei der Flächenfüllung mit heiterer Kolorierung entwichelt sich nie ein Fluidum entspannter und zuversichtlicher Quirligkeit. Man geht eben etwas heiterer zur Hölle, zumindest in den Vorhof.
Auffällig in seinem Oevre die Ignoranz gegenüber Paris, eine Stadt, die er nicht gerade nur als Durchgangsstation für wenige Stunden nutzte.
Ich kenne nur eine Darstellung Montmartres und eines Pariser Vorortes.
Beschreibungen Chartres gönnt er sich häufiger, einschließlich Kathedrale.

Die Ausdehnung der Trauer-Abordnung bei Soutines Begräbnis blieb in überschaubarem Rahmen. Aber Picasso zeigte öffentlich seine Kummer über dessen frühen Tod und ordnete sich hinter den Sargträgern ein. Ich bin nun nicht der ausgewiesene Picasso-Getreue, obwohl ich mich allmählich an seine großartige Keramik gewöhne. Aber 1943 auf dem Friedhof Montparnass hat er ein großes Gefühl für einen herausragenden und eigenwilligen Maler gezeigt.
Ich stand 2001 vor dem Grab.

Landschaft mit Figuren, Öl/Lw., 1922, Ausschnitt

Landschaft in Ceret, Öl/Lw., 1920, Ausschnitt

Dorf (La Gaude), Öl/Lw., 1923, Ausschnitt

Landschaft mit rotem Esel, Öl/Lw., 1923/24,
Ausschnitt

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April 20, 2011 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar