Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die unregelmäßig bearbeitete Serie: „Kirchen, Schlösser, Burgen und Herrenhäuser rund um Leipzig“. Heute: Thalbürgel und die ehemalige Klosterkirche der Benediktiner St. Maria und St. Georg

Thalbürgel, Klosterkirche, Blick von Süd-West

Natürlich war es wieder Goethe, der scheinbar 1817 auf diese Klosteranlage der Benediktiner aufmerksam machte. Und besonders auf die Klosterkirche St. Maria und St. Georg. An der Reformation kam auch diese Bude nicht vorbei, die Mönche wurden irgendwo in den Wald getrieben und die Anlage verlotterte, ehe Melanchton zu der Installierung einer evangelischen Dorfkirche drängte.

Diese Kirche im Umfeld cluniazensicher Reformbedürfnisse wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts zusammengefügt, also in einer Zeit, als schon die nächste Reformwelle, diesmal aus Citeaux/Burgund, Europa einheizte. (Ab Ende des 11.Jahrh.). Als Zisterzienser trieb sie natürlich gleichfalls die Mission an, eine Verweltlichung und Deformierung des Klosterlebens zu bannen, Völlerei und Dekadenz zu ächten, um dann aber bald in ähnlichen Niederungen zu stranden. Nicht nur nebenbei kurbelten sie gleichzeitig den Eintritt frühgotischer Bautätigkeit in die Kunstgeschichte an.

Doch wurde zunächst eine kunsthistorisch durchaus bedeutsame Nebenlinie romanischer Baukunst in Deutschland durch Cluny II auffällig beeinflußt, inzwischen als „Hirsauer Bauschule“ nicht ganz unbekannt. Diese Bezeichnung wird inzwischen weitgehend als mäßig gelungen abgelehnt. Neben dem Bau in Thalbürgel könnte man im thüringischem Raum noch die Peterskirche auf dem Petersberg/Erfurt und die Klosterkirchen in Paulinzella anbieten, beide einige Jahre früher erbaut als Thalbürgel.

Von besonders erlesener Schönheit aus der Schublade der „Hirsauer“ habe ich aber auch die Klosterkirche von Alpirsbach empfunden, im schwäbischem Schwarzwald. Nach Köln mein erster „Wochenendausflug“ nach der Wende in den „Westen“ (November 1989).

Die noch erhaltene Stiftungsurkunde von Thalbürgel verweist auf das Jahr 1133 und auf die Stifter Markgraf Heinrich von Groitzsch und Bertha, Haus Schwarzburg. Die Absschlussarbeiten müssten im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts erfolgt sein. Neue Forschungen deuten auch auf die ersten Jahre des 13. Jahrh., zumindest für das Langhaus.

Klosterkirche Thalbürgel, Vorkirche (Paradies, Atrium), Rudimente der Nordarkaden

Klosterkirche Thalbürgel, Vorkirche mit Portal

Vorkirche als wesentliches Merkmal der Hirsauer Reformen. Anknüpfungspunkte liegen in Cluny, Hirsau, Paulinzella. Geschlossenes, dreischiffiges Raumgefüge. Ursprünglich offene Halle. Das Mittelschiff der Vorkirche wurde mit Tonnengewölbe überdacht. Seitenschiffe vermutlich kreuzgewölbt. Arkaden mit drei Bogenstellungen.
Nutzung als Baptisterium.

Vierstufiges Säulenportal. Nach Paulinzella das zweitälteste Wunderwerk dieser Ausformung in Deutschland. Die Säulen werden von Würfelkapitellen bekrönt und mit unterschiedlich strukturierten Archivolten weitergeführt.
Im Tympanon gibt es dann etwa folgenden Text, schon inhaltlich geglättet:

Dies ist die Pforte zum Heil
für die, deren Sünden in der Taufe getilgt sind.
Wer vollkommenes Leben finden will, muss durch diese Kirchtür gehen.
Sie öffnet einen zuverlässigen Weg dorthin.

Der Text wird auch anders übersetzt, angeordnet und verschiedenartig ausgelegt. Es sollte sich jeder sein eigenes Bild machen.

Klosterkirche Thalbürgel, Langhaus nach Osten.

Es wäre sicherlich müßig, detailliert die einzelnen architektonischen Reformen der Hirsauer Bauschule abzuarbeiten, die weitgehend neuen liturgischen Forderungen folgten, zumal es, wie immer in der Kunstgeschichte, absolut „reine“ Exemplare niemals gibt, regionale Besonderheiten immer zur Geltung kommen und einzelne Merkmale als gängige Ausprägung in die „normale“ Romanik übernommen wurden.
Vielleicht nur einige Kernpunkte.
Prägnantes Beispiel für diese Architektur ist sicherlich die Abtrennung des ersten Langhausjochs nach der Vierung westlich zum Chorus minor, sicherlich auch durch Chorschranken getrennt und Aufenthaltsort für Mönche, die nicht am Gesang teilnahmen. Vierung und der Rest nach Osten wird dann zum Chorus major.
Tendenz zur Vereinfachung, keine dekorativen Überflüssigkeiten, wodurch die Monumentalität gesteigert wurde. Durchaus steile Proportionen und flachgedeckt.
Einbeziehung einer westlichen Vorkirche (s.o.), Verzicht auf Krypten und Emporen, Erweiterung des Presbyteriums durch Seitenschiffe, Verfeinerung durch charakteristische Würfelkapitelle und eine rechteckige Arkadenrahmung.
Neben baulichen Veränderungen wurden natürlich auch kirchenpolitische Reformen angestrebt. So schreibt die „Zeit“ vom vergangenem Donnerstag (7.4) innerhalb eines Berichtes über die aktuelle Salier-Ausstellung in Speyer von der Selbstinvestitur in den Klöstern, aufgezeichnet in den „Constitutiones Hirsaugienses“.
Dieser ganze Zirkus um Heinrich, Gregor und Canossa ist ja stabiles Kindergartenwissen, aber von dieser radikalen Selbstinvestitur wusste ich noch nicht.

Südlicher Vierungsbogen

Die ehemalige Klosterkirche in Thalbürgel entspricht dem Typus einer kreuzförmigen Pfeilerbasilika mit Staffelchor. Also die Erweiterung des Querhauses nach Osten durch fünf Kapellen mit apsidialen Abschlüssen und nördlich und südlich von der mittleren Kapelle gleichmäßig ansteigender Grundfläche. Während der mittlere Raum die Breite des Mittelschiffs weiterführt, orientieren sich die Nachbarkapellen an den Seitenschiffen.
Die gesamte Ostpartie ist ab Vierung nur noch mit rudimentären Mauerresten nachvollziehbar.
Erhalten sind noch der südliche Turm zwischen Quer-u.Langhaus, der barocke Aufbau ist von 1757 und der südliche Vierungsbogen.
Der nördliche Turm ist nur noch als architektonisches Relikt zu erahnen.

Blick aus dem südlichen Seitenschiff nach Nord-Ost

Südlicher Obergaden mit Spitzbogenfenstern.

Außerdem sichtbar die viereckigen Einfassung der Arkadenbögen. Optisch auffällig durch die Lisenen, welche von einem schmalen Wandfries auf jeden Pfeiler treffen.

Nördlicher Obergaden mit Rundbogenfenstern

Pieta (Vesperbild), letztes Drittel 15.Jahrh., vielleicht Erfurter Werkstatt

Kindergrab, 1582, Pfeiler der südlichen Arkade

Romanisches Taufbecken, 12. Jahrh., ursprünglicher Standort vermutlich in der Vorkirche

Langhaus von Süd-Ost

Von Thalbürgel nach Paulinzella fährt man etwa neunzig Minuten (auch umgedreht). Die Bewältigung dieser Route mit herausragender Architektur der deutschen Romanik an nur einem Tag könnte zu einer erheblichen Steigerung der Lebensqualität führen.

juergenhennekunstkritik.wordpress.com

juergen-henne-leipzig@web.de

April 14, 2011 - Posted by | Kunst, Neben Leipzig

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