Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne bei Gunzenhauser in Chemnitz, Helmut Kolle, vierzig Gemälde von Jawlensky, außerdem Geiger, Corinth, Beckmann, ein Biss in die Nuss, die Farbigkeit Rouaults, Kolles künstlerische Glanzleistungen, sein früher Tod und eine Allee in der Planungsphase, dazu die Kunst zwischen den Kriegen, Wilhelm Uhde und die Ignoranz gegenüber Walter Jacob

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Rote Treppe im Museum Gunzenhauser Chemnitz———————————————————–
Ehemaliger Hauptsitz der Sparkasse Chemnitz. Seit 2007 als Schatulle für eine bemerkenswerte Sammlung in der Geburtsstadt von Schmidt-Rottluff genutzt, in überschaubarer Nähe zum Theaterplatz und zur großartigen Villa Esche.
Bei Gunzenhauser gibt es u.a. zweihundertundneunzig Werke von Dix, vierzig Gemälde von Jawlensky, da quellen mir die Tränen. Daneben zeigen sich ganz locker Willi Baumeister, Poliakoff und die erweiterte Elite der informellen Branche Deutschlands wie Thieler, Dahmen, Winter, Schumacher, Schulze, Ernst Wilhelm Nay ist auch dabei, gleichfalls der Licht-u. Reduktionsfanatiker Rupprecht Geiger.
Aber auch der himmliche Corinth und der ähnlich himmliche Beckmann, natürlich Kirchner, Heckel, Münter und der unterschätzte Rohlfs ( Ich habe vor einigen Monaten in Weimar Bilder von Rohlfs gesehen, in malerischen Dimensionen, welche man mit Pollock verbindet, es war nicht zu fassen). Um die Ecke auch Baluschek, der proletarische Edelmaler Felixmüller und Georg Schrimpf als Vertreter der Neuen Sachlichkeit.
Aber auch Arbeiten von Antes, der mich grundsätzlich nervt und von der überbewerteten Paula M.-B. Jetzt werden mir Frauen mit betont feministischer Tendenz kraftvoll in die Nüsse beißen. Vielleicht halte ich sogar still.

Sicherlich sind die Arbeiten nicht in jedem Fall erstrangig.
Doch für ostdeutsche Sammlungen ein einmaliger Fall.
Und natürlich ist das Museum auch Besitzer von Bildern Helmut Kolles.

Helmut Kolle. Selbstbildnis am Tisch, Öl/Lw,
1925/26

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Ich vermute einmal, dass in den Gefäßen kein Pfefferminztee dampft und auf Vertilgung wartet. Kolle hatte sein gesamtes Leben doch erhebliche Probleme mit dem gezügelten Verbrauch von Alkohol und schüttete recht beachtliche Mengen von Absinth in seinen gesundheitlich unstabilen Körper.


Die drei Trinker, um 1925/26, Öl/Lw.

Kollektive Besäufnisorgie. Schwer zu entscheiden, ob Kolle sich selbst abgebildet hat.

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Selbstbildnis im Frack, 1931, Öl/Lw.

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Die Arbeiten Kolles sind nur in wenigen musealen Einrichtungen vertreten, sicherlich nicht ganz selten in privaten Sammlungen Frankreichs und Deutschlands. Die kunsthistorische Beachtung verliert sich eher in unteren Regionen und die Anzahl von Personalausstellungen ist alles andere als üppig.
Ob dieser aktuelle Stand Kolles künstlerischem Rang entspricht, vermag ich noch nicht zu sagen.
Ich denke aber, die Kunst Kolles hat bis heute das Problem des Mangels einer eindeutigen Identifizierung, der oft beschworenen Unverwechselbarkeit. Seine Bilder pendeln zwischen Anleihen bei Modigliani und Soutine (mein Blog vom 8.8. 2009), zwischen Picasso, Braque, Manet und Cezanne und ich vermeine auch die Farbigkeit von Rouault erkennen zu können, verteilt auf die jeweiligen Phasen seines kurzen Lebens ( 1899-1931). Künstler, die sich lange bis ewig in Paris aufhielten und die Kolle, ab 1924 in der Stadt, sicherlich zur Kenntnis nahm. Selbst Matisse und Schiele scheinen seine Wege berührt zu haben. Im Grunde ein legitimes Verfahren und Kolle vermeidet auch konsequent plakative Anlehnungen und grobschlächtige Plagiate, ihm gelingen dabei durchaus künstlerische Glanzleistungen, doch eben nur „durchaus“.
Ich vermisse die gnadenlose Entschlossenheit oder die Fähigkeit, unbeirrbar seine eigene, eben unverwechselbare Allee anzulegen. Er starb mit zweiunddreißig Jahren. Vielleicht hätte er die Maße noch gefunden.

Kolle war ein eher mäßiger Zeichner, aber ein vortrefflicher Kolorist und spielte deshalb in Paris ohne Nebenwege eine passable Rolle. Denn gerade seine Farbigkeit entsprach den ästhetischen Vorstellungen der Franzosen. Auch Picasso stand Kolles Bildern durchaus wohlwollend gegenüber und Cocteau, nicht gerade der letzte Hansi aus einer Vorstadtkneipe, schrieb für Kolle eine Katalogtext.
Zwischen den Kriegen entwickelte sich die Zuwendung der Franzosen zu deutscher Kunst verständlich eher dürftig. Max Ernst erarbeitete sich in Paris eine ordentliche Position, doch z.B. Beckmann oder Otto Freundlich fielen eher durch.

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Bildnis Wilhelm Uhde, 1925/26, Öl/Lw.

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Kunstsammler, Kunsthändler, auch Schriftsteller (1874.1947). Seine Autobiografie nannte er „Von Bismarck bis Picasso“, nicht unoriginell.
Sein Jurastudium ödete Ihn an, ging schon 1904 nach Paris und soll das erste Bild Picassos gekauft haben, er entdeckte mutmaßlich den Naivling Henri Rousseau. Andere Quellen gönnen diese Tat Alfred Jarry, dessen „König Ubu“ ich übrigens ziemlich affig finde.
Uhde wurde zu einer zentralen Figur für Helmut Kolle, für dessen Entwicklung eines ästhetischen Verständnisses, welches französische und deutsche Kultur zusammenführt. Er sprach dann auch einmal gern von dem romanisch-germanischen Künstler und von der Verbindung der germanischen und romanischen Rasse, aus der die Gotik entstand und von der germanischen Geistigkeit, welche die vertikale, die spirituelle Tendenz zu einer gotischen Kathedrale beisteuerte. Bei diesen Gedanken und dem Vokabular wird mir etwas schwindlig und ich blättere flugs weiter.
Jedenfalls glaubte Uhde, in Kolle die Verkörperung seiner Vorstellungen zu spüren. Ich bekenne, mit der Sicht auf die Arbeiten Kolles, meine Überforderung nicht leugnen zu können.
Beide gingen 1924 nach Paris und blieben bis zum Tod von Kolle freundschaftlich verbunden

Der Fremdenlegionär, um 1930, Öl/Lw.
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Der Feuerwehrmann, um 1928/30, Öl/Lw.

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Der weiße Toreador, 1928/29, Öl/Lw.
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„Mein Traum ist der junge starke Mann“ (Kolle) und er könne nur noch an der körperlichen Schönheit irgendeines Seemanns oder anonymer Schwerarbeiter Gefallen finden.

Kolle quälte sich sein gesamtes Leben mit erkrankter Lunge und gebrechlichem Herz. Aus dieser existenziellen Misere erwuchs der Wunsch darzustellen, was er bei sich selbst vermisste. Der tatkräftige Mann, aktiv und vital, entwickelte sich zu einem wesentlichen Teil seines ikonografischen Programms.
Dabei veränderte er die Figürlichkeit von einer gewissen Leichtigkeit und Gefälligkeit in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre, während der er auch Gruppenbildnisse anbot, zu einer Plastizität mit regelrecht monumentalen Nebenklängen am Ausgang des Jahrzehnts. Es dominierte die einzelne Figur, auch sperrig und spitzkantig angelegt.
Eine Sport-Euphorie hatte sich z.B im Berlin der zwanziger Jahre verbreitet, begünstigt durch die Ereignisse im Sportpalast, 1910 erbaut. Der Faszination eines Sechstagerennens konnte sich auch Kolle nicht entziehen.

Er wählte Sportler als Modelle, malte Boxer, Toreros, Läufer, Jockeys, Radfahrer, aber auch Fremdenlegionäre Feuerwehrmänner, also Mitmenschen der Kategorie Willenskraft, ungezähmte Energie und vor allem mit sichtbarer Gesundheit und Jugend, um sich seinen Vorstellungen von maskuliner Kraft und Aktionsbereitschaft zu nähern.

Doch nicht immer dominierte in Gestik und Mimik dieser scheinbaren Inkarnationen des Lebensgefühls nach dem ersten Weltkrieg der unbändige Optimismus, Unmengen heldischer Gene im eigenem Körper gehortet zu haben. Dann erhalten auch Nachdenklichkeit und etwas Skepsis ihre berechtigte Beachtung.
Eine Ausstellung, die trotz des Gefühls der Ambivalenz, welche mich nach dem Rundgang peinigte, empfohlen werden sollte. Ich hatte Bilder Kolles erstmalig vor zwei Jahren in Altenburg gesehen und war durchaus beeindruckt, Text vom 26.3. 2009.

Es gilt ja ohnehin, noch ganze Herden bislang weitgehend ignorierter Künstler zumindest zur Kenntnis zu nehmen. Ich denke dabei z.B. an Walter Jacob, ein Maler der sogenannten zweiten Generation des Expressionismus und immerhin vor einigen Jahren in Altenburg ausgestellt, grandios in seinen besten Bildern. Und auch der Westfale Peter August Böckstiegel hat, trotz einiger Aufmerksamkeit, noch nicht den öffentlichen Rang bezogen, der ihm gebührt. Die Liste ist endlos.

Lesender Jockey, um 1926, Öl/Lw.

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Pfeife rauchender Spahi, 1925, Öl/Lw.——————————————————————

Harlekin, 1924, Öl/Lw.

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Stillleben mit Gitarre, Buch und Vase, um 1928, Öl/Lw.
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Verstreutes:

Belege für eine schwule Lebensart, die man bei Kolle vermuten könnte, gibt es scheinbar nicht.

Seine Bilder wurden in die Rubrik „Entartete Kunst“ eingeordnet.

Kolle und Uhde lebten eine Zeit in Senlis, unweit einer bemerkenswerten Kathedrale aus verschiedenen gotischen Zeiten. Auffällig das Westportal mit einer Marienkrönung im Tympanon. Ich sah den Bau 1991.

Ulrich Tukur verkörpert im Film „Seraphine“ den Mäzen Wilhelm Uhde, der bei seiner Putzfrau ein hohes künstlerisches Talent erkannte. Der Streifen lief in Deutschland vor zwei Jahren. Muss aber eine ziemliche Gurke gewesen sein.

Helmut Kolle. Ein Deutscher in Paris.
Kunstsammlungen Chemnitz. Museum Gunzenhauser.
Stollbergerstraße 2.
bis 1. Mai 2011.

juergenhennekunstkritik.wordpress.com

juergen-henne-leipzig@web.de

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Dezember 2, 2010 - Posted by | Kunst, Leipzig, Neben Leipzig, Verstreutes

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