Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und Christoph Dieckmann, Tom Petty & the Heartbreakers, Santana und Steve Winwood im Intershop, Begrüßungsgeld, Canned Heat, Eric Burdon, Blind Faith, Würfelhusten zwischen Berlin und Leipzig, Stuhlkissen und Theo Teuer im Supermarkt

Christoph Dieckmann erinnert an eine Ausstellung in Sonneberg 2006, welche Artikel zeigte, die der grenzüberschreitende DDR-Staatsangehörige von seinem Begrüßungsgeld (Einhundert Westmark) vor über zwanzig Jahren erwarb („Die Zeit“, 12. August 2010). Er beklagt die Monotonie der Übersicht, fast nur Radiorecorder.
Auch bei meinem Kaufverhalten müsste Dieckmann klagen, nur Schallplatten, dieses „fast“ kann getrost gestrichen werden.
Denn ich hatte bei „2001“ in der Westberliner Kantstraße vierzehn Scheiben erstanden.

Acht von vierzehn „Begrüßungsgeldscheiben“. Darunter einige Ausgaben „Greatest Hits“ z.B. Yardbirds mit Eric Clapton, Jeff Beck und Jimmy Page, von Chris Farlowe, Vanilla Fudge, Canned Heat und Otis Redding.
„Greatest Hits“ ist nicht mein bevorzugtes Tonträgerformat. Doch glaubte man damals immer noch an eine plötzliche Grenzschließung und man nahm alles, Hauptsache es war billig.
Außerdem aber auch noch „Heroes“ von David Bowie, Eric Burdons „The Black-Man`s Burdon und die unvergleichliche und einzige Platte der Blind Faith.

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Die Rückreise im Zug, etwa acht Stunden von Berlin nach Leipzig, wurde dann zu einer Fahrt mit apokalyptischem Zuschnitt. Ich kämpfte um meine Platten inmitten einer Herde, die sich während dieser gesamten Tortur mit westlichem Bier und Whiskey zuschüttete. Ich gönnte Ihnen ihre Bewußtseinserweiterung, der ich ja grundsätzlich auch nicht abhold gegenüberstehe.
Doch sie bescheinigten mir, ein üppiges Ding an der Waffel zu haben, weil ich mir einen derartigen Musik-Mist von dem Tropfen Westgeld gekauft hatte.
Doch erduldete ich wacker diese Zwischenfälle, auch einzelne Akteure mit Würfelhusten und Auswürfen von alkoholisiertem und halbverdautem Nahrungsbrei, auch die unbeschreibliche Enge in den Waggons, wogegen die sprichwörtlichen Büchsen-Sardinen sich in endlosen Arealen ergehen können, wuchtete meine kostbare Fracht in die heimatliche Wohnung und legte mit feuchten Augen die erste Scheibe auf meinen DDR-Schallplattenspieler.
Ich begann, meine Erinnerung sollte mich nicht trügen, mit „On The Road Again“ von Canned Heat, eine meiner Hymnen am Ende der sechziger Jahre, kurz und grandios. „Canned Heat“ umkreisen scheinbar auch heute noch mit Konzerten die Erde. Aber eben ohne Bob Hite und Alan Wilson. Denn Sänger und Mundharmonika liegen schon lange unter der Erde. Das entspräche etwa einem Konzert der Rolling Stones ohne Mick Jagger und Keith Richards. Sicher auch ordentliche Musik, aber trotzdem……

Dann beschreibt Dieckmann in seiner Glosse die Gründe für sein missliches Verhältnis zu Elektromärkten und empfiehlt „Mojo“, die neue CD von Tom Petty &the Heartbreakers.
Und wieder wurde ich von Erinnerungen bewegt. Ich dachte an die „Intershops“, in denen Fabrikate des Hassfavoriten Bundesrepublik Deutschland angeboten wurden, natürlich gegen Westgeld.
Mich interessierten aber weder Eduscho-Brühe noch Ernte-23-Dampf, mein begieriger Blick suchte halbrechts oben die unscheinbare Musikabteilung.
Und mit schmerzhaft zusammengerafften Westmünzen erwarb ich u.a. Scheiben der Stones, von Santana, Spencer-Davis-Group mit dem göttlichen Steve Winwood und eben auch „You`re Gonna Get It“ von Tom Petty & the Heartbreakers.

„You`re Gonna Get It“ (1978). Mittig, Petty vor über dreißig Jahren

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Tom Petty war noch nie ein große Derwisch einer musikalischen Avantgarde, der mir unablässig eine Gänsehaut über den Körper treibt. Doch zelebriert er nun seit fünfunddreißig Jahren eine solide Rockmusik von durchaus gehobenem Anspruch und erreicht ein recht breites Publikum durch gefällige Titel wie „I Won`t Back Down“, „Free Fallin“, „Learnig To Fly“ oder „Into The Great Wide Open“.

Jedenfalls suchte ich gestern in irgendeinem Baumarkt, dessen Namen ich grundsätzlich vergesse, zwei Handvoll Bügel, ein Stuhlkissen und Fenstergaze, um meine Wespenphobie positiv zu kanalisieren Der Kauf von Bügeln, Stuhlkissen, Fenstergaze – so spannend kann der Vormittag eines Samstags sein.
Und außerdem las ich in dieser Bude den überdimensional ausgeführten Hinweis: „Teuer hat bei uns Hausverbot“ (oder „Bei uns hat Teuer Hausverbot“) und meine sprachästhetischen Gene rotierten. Vielleicht meinen sie aber auch Theo Teuer, der ein Stuhlkissen gestohlen hat.

Nebenan kaufte ich dann „Mojo“ von Tom Petty & the Heartbreakers und werde bald mit neuer Fenstergaze, neuem Stuhlkissen und neuen Bügeln, die meine mondäne Kleidung tragen, die Richtigkeit von Christoph Dieckmanns Meinung über Pettys neue CD akustisch überprüfen.

juergenhennekunstkritik.wordpress.com

juergen-henne-leipzig@web.de

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August 15, 2010 - Posted by | Leipzig, Musik, Neben Leipzig, Verstreutes

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