Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Richard Strauss, Don Juan, Arnold Schönberg, Rudolf Kempe, die Galle Hans Eislers und meine Erinnerung an Kalaschnikow-Wochen mit einem wundervollen Horn-Bläser

Jürgen Henne im Abendlicht. Im akustischem Gedächtnis das letzte Lied der „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss, nach Eichendorffs Gedicht „Abendrot“.

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Während der entbehrlichen Militärausbildung, eine Zwangsvollstreckung von vielleicht 4-6 Wochen für jeden Studenten zu trüben DDR-Zeiten, bewohnte ich die Kasernenstube gemeinsam mit Komilitonen der Dresdner Musikhochschule.

Durchgehend wundervolle Zeitgenossen mit einem akzeptablen Maß an Arroganz und einer befriedigenden Bildung, die aber ihr Fachwissen permanent auch zwischen Stacheldraht, Sturmbahn und Waffenkammer anpreisen wollten

An irgendeinem Abend am Beginn diese soldatischen Unfugs, kurz vor Mitternacht, plärrte in unserem dunklen Kasernenraum ein Musikstück aus dem minderwertigen Kofferradio. Die Musikstudenten postierten sich, waren sofort hellwach, um lässig ihre Meinung anzubieten.
Doch verdünnte sich zunehmend ihr Selbstbewusstsein, denn sie hatten keine Ahnung.
Ich räkelte mich betont geräuschvoll und jauchzte: „Tod und Verklärung von Richard Strauss, ist doch klar“, zwischen die verstörten Musikköpfe. Ich glaubte, eine kollektive Erstarrung zu spüren und sagte natürlich nicht, dass ich gerade einen mehrwöchigen Exzess mit der Musik von Strauss bewältigt hatte.

Mit großem Respekt wurde ich gebeten, einen musikalischen Wunsch vorzutragen. Alle hatten ihre eigenen Instrument mitgebracht, also Flöte, Geige, auch ein Fagott war dabei, nur der Pianist hatte Probleme. In der Kaserne gab es kein Klavier. Und die Unterbringung seiner privaten Tastenkiste stieß dann doch auf wesentliche Gegenreaktionen.

Ich wählte mir von einem Studenten des Horns das Hauptthema aus „Don Juan“ von Richard Strauss.
Ich denke, eigentlich für Holzbläser geschrieben, doch ein Blechhorn kann das auch bewältigen. Und der Hornbläser erweiterte meinen Wunsch und blies göttlich diese Noten jeden Tag, abends und am Morgen in den Militärhimmel. Über viele Tage wurden diese zwei mal dreißig Sekunden zu einem gesellschaftlichen Ereignis.
Hauptfeldwebel, Leutnant, Major glaubten zwar, die Posaunen von Jerichow dröhnen um ihre Köpfe, doch ließen sie es mit einfältiger Gestik gelten. Sie aktivierten in ihrer Vorstellung die Panzerlärm-Akustik und die Blicke verklärten sich.

Eterna-Serie mit etwas merkwürdigem Design, Mitte der 70er Jahre. Den Hüllentext zu allen Scheiben dieser Strauss-Reihe schrieb Ernst Krause, dessen Opernbuch ich bis heute zu den wesentlichsten und tiefschürfendsten Produkten dieser Branche halte.
Staatskapelle Dresden mit Rudolf Kempe.

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Einige Monate nach diesen einfältigen Kalaschnikow-Wochen hörte ich im Dresdner Kulturpalast „Tod und Verklärung“ mit der Staatskapelle unter Rudolf Kempe, ein alter Strauss-Stratege, der bald nach dem Konzert starb. Ich habe euphorisch Beifall gezollt, an mir kann seine relativ frühe Verbleichung nicht gelegen haben. Daneben dirigierte er noch das b-Moll-Klavierkonzert Tschaikowskis, von mir in der Vorpubertät bejubelt.
Auch mein Besuch der Premiere von Schönbergs „Moses und Aron “ in Dresden fiel in diese Zeit, außerordentlich bewegend, auch wegen der beiden nackten Damen auf der Bühne.
Meine Schönberg-Euphorie ist nie abgeklungen. Man sollte einfach nur die Gurre-Lieder, Pierrot Lunaire und die Kanmmersinfonie für fünfzehn Soloinstrumente hören. Bei der Promenade über den Wiener Zentralfriedhof trug ich zwei Blumen in der Hand und hatte ein klares Ziel, ich veredelte damit die Gräber von Franz Schubert und Arnold Schönberg.

Doch jetzt bin ich nach vielen Jahren wieder einmal im Stadium einer ausgeprägten Richard-Strauss-Gier
Natürlich „Elektra“, „Salome“, „Ariadne auf Naxos“, auch den „Rosenkavalier“ sollte man nicht abwertend belächeln. Hans Eisler trieb es zwar bei dem Walzer, nach eigener Aussage, den Gallensaft aus dem Schlund, bei mir bleibt diese Brühe aber am traditionellen Standort.

Illustration von Aubrey Beardsley, einer meiner Giganten der frühen Jahre

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Und die sinfonischen Dichtungen: „Zarathustra“, „Heldenleben“, „Tod und Verklärung“, „Don Juan“, „Till Ulenspiegel“, „Don Quixote“. Die „Alpensinfonie“ muss nicht sein.
Vielleicht noch etwas Oboen-u. Violinenmusik.

Historische Aufnahme, Sommer 1944

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Dazu die unvergleichlichen „Metamorphosen“ von 1945 und natürlich die „Vier letzten Lieder“ (1948), ein Jahr vor seinem Tod. Ich bevorzuge nach wie vor die Aufnahme mit Jessye Norman und Kurt Masurs Gewandhausorchester.
Ich knie bei jedem dieser Lieder ab, doch Nummer vier, nach Eichendorffs Gedichten, treibt mich nach einem doppelten Rittberger grundsätzlich in die stabile Waagerechte.
Denn eine derartige Schönheit kann man stehend eigentlich nicht ertragen. Da stört mich dann auch nicht das alberne Vogelgezwitschere zwischen den Noten. Am Ende zitiert Strauss sein eigenes Motiv aus „Tod und Verklärung“.

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Doch danach müssen aber wieder die Sex Pistols ran, oder Led Zeppelin, Captain Beefheart und Pere Ubu.
Aber auch Morton Feldman, Steve Reich und Stockhausen könnten mich wieder ins Gleichgewicht bringen.

juergenhennekunstkritik.wordpress.com

juergen-henne-leipzig@web.de

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März 13, 2010 Posted by | Musik, Neben Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar