Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Liefers, LVZ, Pausenmilch, Ampelmännchen, Samuel Beckett, Solschenizyn und Schnaps und Bockwürste zum 1.Mai

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Auf Seite 1 der heutigen Ausgabe von Leipzigs Tageszeitung für Leser mit markanter Anspruch-Askese wird auf einen Text auf Seite 9 verwiesen: „Ost-Lob. Für Jan Josef Liefers war nicht alles schlecht“.
Nun sind weder Liefers noch LVZ meine bevorzugten Garanten für eine kontinuierliche Weiterbildung.

Wenn ich aber nach zwanzig Jahren diese Sülze lese und höre, treibt es mir den halbverdauten Frühstückszwieback zurück in die Mundhöhle. Für Liefers war nicht alles schlecht, in der DDR. Und in der DDR war grundsätzlich nicht alles schlecht. Könnte man wenigstens sprachlich ein paar Varianten wagen? Aber, nein…….“In der DDR war nicht alles schlecht“……Jeder törichte Journalist muss diesem genormten Mumpitz nachöden.

Und inhaltlich kommt dann Pausenmilch in der DDR-Schule, das Ampelmännchen, Spreewaldgurken und die warme Gemeinsamkeit der Menschen untereinander auf den Huldigungs-Thron, weitgehend eine Notlösung in der Rubrik: Tausche drei Kästen Wernesgrüner gegen eine LP von Frank Zappa
Ein Land ohne die minimalsten Ansätze von Demokratie, ohne Freiheit kann nicht gut, sondern nur schlecht sein, um diesen schlichtem Vokabular zu folgen.

Während meines Studiums in Dresden wagte ich in einem Seminar die Frage nach Pfarrer Oskar Brüsewitz, der sich 1976 in Zeitz verbrannte. Die Antwort unserer Lehrkraft für „Wissenschaftlichen Kommunismus“: „Herr Henne, ich habe mein Diplom, sie wollen es doch auch, setzen Sie sich!“. Ich setzte mich.
Während des gleichen Studiums, in einem Seminar über gesellschaftsfeindliche Literatur, u.a. von Solschenizyn, brachte ich mein Unverständnis zum Ausdruck, dass wir uns darüber nicht äußern können, weil die Texte Solschenizyns in der DDR nicht zugänglich sind und erhielt die Antwort: „Ich schlage Ihnen vor, uns zu glauben.“ Ich setzte mich.

Das war die DDR, wichtiger als Pausenmilch, Spreewaldgurken und dusslige Ampelmännchen.

Solschenizyn

Und das ich erst in das vierzigste Lebensjahr eintreten musste, um die französischen, englischen und spanischen Kathedralen, um Angkor, die mexikanischen Pyramiden, New York, den Tafelberg Kapstadts und den Ontario-See mit feuchten Augen zu erleben, Beckett, Genet und Bukowski in jedem Buchladen kaufen und vor den Originalen Pollocks, Rothkos, Bacons und de Koonings abknien kann, werde ich diesem Blödland DDR bis zu meinem Sargeinstieg nicht verzeihen.

Beckett

Und wenn die edle Struktur der DDR mit den Erlebnissen der ersten Liebe und dem entsprechenden Geknutsche, mit der ersten Gitarre, dem ersten Fahrrad und der ersten Musik-LP bewiesen wird, also mit völlig systemunabhängigen Abläufen, könnte ich mich zu einer hysterischen Brüllorgie entschließen. Denn das ist einfach nur hochgradig beknackt.

Ich habe dieses Land gehasst. Ein Land, welches kostenlosen Schnaps und Bockwürste ankündigte, um das Volk zum 1. Mai auf die Straßen zu treiben, in dem jeder Besuch der Wahlkabine mit einem Kreuz dokumentiert wurde und man Menschen „züchtete“, die in die SED eintraten und heute vollmundig verkünden, dass ihnen damals die Veränderung von „innen“ am Herz gelegen hätte, kann nur an der Peripherie der Geschichte abgeladen werden, zwischen Lächerlickeit und Ekeltonne.

Ich bin glücklich, meine zweite Lebenshälfte in Deutschland und in der Welt absolvieren zu können, nicht in der kommunistischen Kloake DDR.
Ich denke, dass weder das Pubertätsgeröhre von Liefers noch Leipziger Dusselblätter eine Veränderung bewältigen können.

Natürlich nehme ich grenzwertige Abläufe in unserem Land, politische, wirtschaftliche und kulturelle Entgleisungen durchaus wachsam zur Kenntnis. Und natürlich ist auch hier nicht alles gut, um diese Infantil-Sprache wiederum aufzunehmen.

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Januar 14, 2010 - Posted by | Kunst, Leipzig, Literatur, Neben Leipzig, Presse, Verstreutes

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