Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, der Jahreswechsel in Ahrenshoop und Camus, Sanddorn, der Kunstkaten und die Pein einfältiger Radiowerbung am 31.Dezember 2009, 23.58 Uhr (s.a. Text v. 4.Januar 2009)

<strong>Heute vor fünfzig Jahren starb Albert Camus bei einem Autounfall auf der Fahrt nach Paris, als Beifahrer. Seine Arbeiten „Die Pest“ und „Der Fremde“, bildeten für mich, vor allem neben den Werken Thomas Manns, Hesses, Kafkas, Stefan Zweigs, Romain Rollands das Eingangstor zur Literatur des 20.Jahrhunderts, noch in pubertären Jahren.
Auf dem Gymnasium, in der DDR sprach man von der Erweiterten Oberschule, wurden zwar Lessing, Schiller, Goethe bis in die letzte Szene und bis zum Schülerbrechreiz abgenudelt.

Aber Camus kam nicht auf die Schulbank. Selbst Brecht nur in Maßen. Man hörte von Bredel, Arnold Zeig, Friedrich Wolf und von der kommunistischen Literaturkasperei Ludwig Tureks oder Hans Marchwitzas. Doch bei Kafka und Camus wanderte der Brechreiz vom Schüler zum Lehrer.
Bei der Literaturvermittlung war die Ausgrenzung ganzer Kulturen besonders verheerend. Unser Kunsterzieher dagegen schickte schon einmal Bilder von Dali durch die Reihen. Allerdings kann ich mich nicht an seine Kommentare dazu erinnern

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Sanddorn ohne Schnee, Ahrenshoop, 31.Dezember 2009

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Sanddorn mit Schnee, Ahrenshoop, 2. Januar 2010

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Sanddorn als Saft auf dem heimischen Küchentisch, Leipzig, 3.Januar 2010

Außerdem gibt es Sanddorn-Likör,
Sanddorn-Schnaps,
Sanddorn-Rum,
Sanddorn-Geist,
Sanddorn-Wein,
Sanddorn-Grog,
Sanddorn-Sahne,
Sanddorn-Sirup,
Sanddorn-Fruchtgummi,
Sanddorn-Bonbons,
Sanddorn-Bonbons gewickelt,
Sanddorn-Waffeln,
Sanddorn-Gelee,
Sanddorn-Gelee kandiert,
Sanddorn-Gelee extra Diät,
Sanddorn in Honig,
Sanddorn-Kekse,
Sanddorn-Doppelkekse,
Sanddorn-Vollkorn-Doppelkekse,
Sanddorn-Herzen,
Sanddorn-Bärchen,
Sanddorn-Weiße Schokolade,
Sanddorn-Seife,
Sanddorn-Lippenstift,
Sanddorn-Duschbad,
Sanddorn-Handcreme, u.s.w……..

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Schaufenstergestaltung, Ahrenshoop, Dezember 2009

Ich habe ja nichts gegen Bernstein, doch muss man nicht gleich das Material mit dem Bagger abladen und einen optischen Terror organisieren, durch den die Netzhäute eines möglichen Käufers verängstigt in die Kniekehle rutschen.

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Kunstkaten, Ahrenshoop

Es ist sicherlich nicht notwendig, eine Aura von Scham aufzubauen, weil meine subjektive Willkür zunächst Sanddorn und Modeschmuck in die erste Reihe auffälliger Besonderheiten von Ahrenshoop treibt.

Natürlich wird dieser Ort immer noch mit dem Privileg fehlender Strandpromenaden geehrt, mit der Askese an banalen Unterhaltungs-Klamauk und einem überschaubaren Angriff misslungener Hotelarchitektur. Und Steilküste, Flachküste, Bodden, das legendäre Licht bleiben ohnehin, weitgehend.

(Doch damit verhehle ich natürlich nicht meine Freude an traditioneller Bäderarchitektur. Ich lasse mich durchaus gern zu einem angesüßten Müßiggang vorbei an den Villen von Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck auf Usedom verleiten, auch mit einem Glas Sekt, zumindest für einige Minuten.)

Doch die Kunst-u.Galerieszene in Ahrenshoop mit den Traditionen ihrer Künstlerkolonie, die sich vor etwa 120 Jahren herausbildete, scheint in ein Stadium der Dümpelei eingetreten zu sein. Die Ausstellungen sind eher von qualitativer Dürftigkeit und auch das Bedürfnis nach besucherfreundlicher Ausstellungsorganisation verröchelt eher in Gleichgültigkeit.

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Ahrenshoop, Bodden, 31.Dezember 2009, 23.54 Uhr

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Ahrenshoop, Bodden, 31. Dezember, 23.57 Uhr

Wir zelebrierten mit traditionellen Abläufen den Jahreswechsel, stellten uns mit Sektflaschen an den Boddenrand, warteten auf die Zeitansagen eines mecklenburgischen Gurkensendes im mitgeführten Kofferradio und erbleichten, als 23.58 Uhr uns eine dümmliche Stimme mit „Ich bin doch nicht blöd“ belästigte.
Also um 23.58 Uhr die infantile Werbung irgendeines Saftladens, dessen Namen ich vergessen habe.
Ich stürtze wie ein Derwisch zum Radio und schaffte es noch, vor dem Glockenklang den Sender zu wechseln. der uns bald mit Händels Feuerwerksmusik versöhnte.
AC/DC wäre in Ordnung gewesen, auch die Beastie Boys oder White Stripes hätten uns beglückt. Aber dieses „Ich bin doch nicht blöd“ am 31.Dezember, 23.58 Uhr…Zweifel an der Selbsteinschätzung dieses Werbe-Ulfs bleiben.

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Jürgen Henne bei Stabilisierungsversuchen am Morgen des 1.Januars 2010 auf dem Weg von Ahrenshoop nach Wustrow

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Jürgen Henne denkt sich tiefschürfend in das neue Jahr, Steilufer Ahrenshoop

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Kleiner Baum im Schnee, Fischland, 2. Januar 2010

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Ahrenshoop, Bodden

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Ahrenshoop, Strand, 2.Januar 2010. Jürgen Henne, hinten, auf dem Weg zum Nordpol

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Ahrenshoop, 2.Januar 2010, auf dem Weg zum hohen Ufer

Juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de

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Januar 4, 2010 Posted by | Kunst, Leipzig, Neben Leipzig, Verstreutes | 2 Kommentare