Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne,“Das kalte Herz“, „Der kleine Muck“ und „Till Ulenspiegel“. Dazu Gerard Philipe, Erwin Geschonneck, Strawinskys „Frühlingsopfer“ und eine Kartoffelsuppe

Bei manchen Filmen, denen man in späten Kindheitsjahren huldigte oder in pubertären Zeiten eine Leinwandkrone verlieh, bleibt nachfolgend nur noch Müdigkeit und Unverständnis, diese Streifen jemals geliebt zu haben.
Doch gibt es auch Filme, die unabhängig einer altersgemäßen Bewertung, abseits von vorpubertärer Schwärmerei und mit eher filmhistorisch-sachlichen Blicken ihre Qualität bewahrt haben, ohne deshalb selbst in eine infantile Kategorie eigeordnet zu werden.
Ich wäre bereit, „Das kalte Herz“ von Paul Verhoeven in diese Reihe aufzunehmen, trotz der Ansätze eines bieder-faschistoiden Familienbildes und simpler Soziologievermittlung. Doch diesem für die Zeit (1950) drastischen Horror-Szenarium, den bemerkenswerten Schauspieler-Leistungen und der geradlinigen, vielleicht etwas überladenen Dramaturgie kann ich mich auch heute nicht entziehen.

Hauptdarsteller Lutz Moik starb 2002. „Das kalte Herz“, nach Wilhelm Hauff, war der erste deutsche Nachkriegsfilm in Farbe.

In ähnlichen Dimensionen, mit nachhaltigen Eindrücken strahlen Filme wie „Die Geschichte vom kleinen Muck“ (1953) von Wolfgang Staudte und „Das Feuerzeug“ (1958) von Siegfried Hartmann, mit Rolf Ludwig, dessen Grab in Benz (Usedom) ich vor einigen Monaten besuchte, unweit des Grabes Otto Niemeyer-Holsteins.
Auch „Die drei Musketiere“ mit Gerard Barray von 1961 und Robert Vernays „Der Graf von Monte Christo“ (1953) mit Jean Marais gehört in die Rubrik akzeptabler Filme, auch nach 50/60 Jahren.
Im Rahmen der französischen Filmtage in Leipzig habe ich nun „Die Abenteuer des Till Ulenspiegel“ gesehen, eine Gemeinschaftsproduktion Frankreich/DDR von 1956/57 mit Gerard Philipe, der auch Regie führt.

Ich denke, den Streifen schon 15 mal gesehen zu haben, vorrangig in den 60er Jahren, als an Wochentagen ab 13.30 Uhr im DDR-Fernsehen ein sogenannter Testfilm abgespult wurde. Der politische Standort Gerard Philipes und die Mitarbeit von Joris Ivens erleichterten die Dauer-Abspulung des Films.
Till, der Pausen-Clown, entwickelt sich nach der Röstung seines Vaters auf dem spanischen Scheiterhaufen vom Narren, der weitgehend nur nervte, zum wackeren Streiter gegen die Spanier auf flandrischem Boden des 16. Jahrhunderts, gegen Philipp II und Alba, im Dienste Wilhelms von Oranien
Ein eher sanfter Film. Es wird sanft gerungen, sanft verbrannt, sanft erstochen und geräuschlos geschossen. Die Kategorien Gut und Böse werden durch klare Richtlinien gekennzeichnet.
Eine treuherzige Umsetzung des Buches Charles de Costers. Der große Verräter stirbt im Schnee, Till bekommt seine Braut und verhindert locker einen Anschlag auf Oranien. Der gescheiterte Attentäter wirkt besonders diabolisch, Oranien eher warm, weich und väterlich und auch Till ordnet sein schönes Gesicht in den geforderten Normenkatalog ein, zwischen Heiterkeit und Trauer, zwischen Leichfertigkeit und Patriotismus. Viel Heldentum, Edelmut und Vaterlandstreue, reichlich Niedertracht und Hybris während des Achtzigjährigen Kriegs.
Das Lexikon des internationalen Films glaubt, analysieren zu müssen, dass G. Philipe seine Darstellung des Eulenspiegel im Brechtschen Sinne begriff. Muss ich mir einmal überlegen. Man kann die Interpretationswut auch übertreiben.
Erwin Geschonneck, Wilhelm Koch-Hooge und Marga Legal, alte DDR-Strategen des Films, spielen wichtige Nebenrollen, wobei Geschonneck seine Deppen-Figur des Holländermichels („Das kalte Herz“) fast fugenlos vom Schwarzwald nach Flandern verlegen konnte.
Ein Film, den man nicht unbedingt sehen muss, doch angeödet habe ich das Kino dennoch nicht verlassen.
G. Philipe spielte auch in besseren Filmen, natürlich auch auf der Theaterbühne, z.B. Camus u. Giraudoux. Der Regisseur seines letzten Streifens hieß Bunuel, das gelungene Finale eines kurzen Lebens.

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Innerstädtischer Aufruf zu einem Besuch des abschließenden Teils vom Strawinsky-Zyklus. Nach dem „Feuervogel“ (1910) und „Petruschka“ (1911) an den vergangenen Abenden wird am 28.November, 19 Uhr, in der Leipziger Oper bei Teil III „Das Frühlingsopfer“ (1913) als zentraler Programmpunkt eingesetzt.
Ballette, die Strawinsky am Beginn des vergangenen Jahrhunderts für das „Ballets Russes“ und Sergei Djagilew geschrieben hatte.

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Und jetzt werde ich mein Familiengericht vollenden. Es wird gemunkelt, dass ich die beste Kartoffelsuppe Sachsens zubereite, recht haben die Munkler.

juergenhennekunstkritik.wordpress.com

juergen-henne-leipzig@web.de

November 25, 2009 - Posted by | Film, Leipzig, Musik, Verstreutes

1 Kommentar »

  1. […] Substanz konnte selbst der dem Streifen nicht all zu viel Geglücktes entnehmen. Ein anderer Kritiker, welcher wohl niemanden verletzen wollte, sagte etwas diplomatischer, dass man den Film nicht […]

    Pingback von Unangebrachte Solidarität? – Teil 3 – varianten | Mai 12, 2016 | Antworten


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