Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und „Alles für das Wohl des Volkes“, eine Installation des Kunstvereins Leipzig von Esther Manas und Arash Moori im Rahmen des Programms der Künstlerresidenz „Blumen“.

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Galerieraum Kolonnadenstraße 6
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Galerieraum mit Installation „Alles für das Wohl des Volkes“

Trotz meiner überragenden Kenntnisse der Kunstgeschichte muss ich Defizite des Sachverstandes bei der Beurteilung und Einordnung von DDR-Architektur bekennen. Mich interessierte sie nur mäßig, fand sie unanständig und unerheblich, also dem gesellschaftlichen Umfeld angemessen. Auch nach 1989, als jeder Dilettant seinen Mostrich in alle Debatten zu allen Themen einschmierte, steigerte sich meine Zuneigung nur unbeträchtlich. Ich beobachtete eher die Schönheiten und Entgleisungen der aktuellen Architektur.

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Die Ausstellung der Künstlerresidenz „Blumen“ im Kunstverein Leipzig unterstützt mich nun bemerkenswert, diesen Fehlbetrag meiner stadtarchitektonischen Bildung zu tilgen.
Esther Manas aus Madrid und der Engländer Arash Moori wurden als Gäste ausgewählt und nutzten seit Mai das bauliche Ensemble der Kolonnadenstraße als Ausgangsmaterial für die Erkenntnis stadtarchitektonischer Strukturen, gesellschaftlicher Abhängigkeiten und Kausalitäten, an deren Abschluss sie eine Installation realisierten.

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Dabei motivierte sie sie die Verbindung alter Bausubstanz mit damals zeitgenössischer Plattenarchitektur der DDR, vor fünfundzwanzig Jahren vollmundig von der Bauakademie in Berlin und der Cottbusser Hochschule als „Experimentalbau“ angekündigt.

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Esther Manas und Arash Moori montieren die Mutation eines einzelnen Plattenbetonteils in den damaligen Ausdehnungen aus Holz und Metall und verklemmen es im Ausstellungsraum.
Durch die Herauslösung aus der Gesamtstruktur einer Architektur verliert es seinen Status von Notwendigkeit und Gebrauchswert. Fast bedrohlich, bedrängend empfängt der Raum die Galeriebesucher.
Entspannt wird die Situation durch zahlreiche Durchblicke und Einblicke, welche das Bauteil gestattet.

Schräge Perspektiven, geradlinige und schräge Einsichten in das Raumgefüge und auf infantile Losungen mit anbiedernder Lässigkeit aus der damaligen Presse, mit denen man glaubte, den Durchschnittsgeist der „Arbeiterklasse“ zu befriedigen, die Zielgruppe aber nur erniedrigte, fügen sich zu einer Kunst von höchster intellektueller und handwerklicher Straffung.

Ohne philosophierenden Klamauk und egozentrisches Originalitätsgetöse, doch mit einem hohen Maß an Verständnis für Raumwirkung und farblicher Ästhetik, bezeugen Esther Manas und Arash Moori ihre sensible Durchdringung politischer Abläufe.
Kleine Probleme habe ich mit der akustischen Umrahmumg dieser großartigen Installation. Aber ich muss ja auch nicht alles verstehen.
Die gebräuchlichen Abläufe, Konzepte zur Kunstinterpretation vorzuztragen, sind mir außerordentlich zuwider. Die Rubrik „Was will der Künstler uns damit sagen“, resultierend aus politisch verkrampfter „Notwendigkeit“, habe ich geschlossen.

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Deshalb nur eine Empfehlung.
Der Besucher der Ausstellung soll sich einfach nur durch den Raum treiben lassen, sich in die Ecken stellen, sich auf den Boden legen, den Kopf durch die Öffnungen halten, immer wieder und ohne Gebrauchsanweisung. Zusammenhänge von Kulturgeschichte und Ideologie, von Hybris, Sozialpolitik und bösartig-infantiler Propaganda werden bald sichtbar.

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Ludwig Henne, Mitglied des Vorstands des Kunstvereins Leipzig

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Presse-Parolen der damaligen DDR im Zusammenhang mit der Neuordnung der Kolonnadenstraße.

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Kolonnadenstraße 6,
Di-Fr 16-20 Uhr
Sa-So 14-18 Uhr
bis 30. August

http://www.residence-blumen.de
contact@residence-blumen.de

juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de

August 25, 2009 - Posted by | Leipzig

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