Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne in der Zeche Zollverein/Essen, ein Doppelbockfördergerüst, Fritz Schupp, Martin Kremmer, ein doppelter Rittberger und das UNESCO-Welterbe

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Zeche Zollverein in Essen, Doppelbockfördergerüst, eher seitliche Sicht

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Zeche Zollverein in Essen, Doppelbockfördergerüst, eher Fernsicht

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Zeche Zollverein in Essen, Doppelbockfördergerüst, eher Nahsicht

Es ist müßig, in diesem Jahr über das Bauhaus zu plaudern. Sicherlich böte es sich an, gerade bei Schacht 12 dieser Zeche die architektonisch sichtbaren Zusammenhänge, aber auch die utopisch-ideellen Ahnen und die zeitgenössisch-praktischen Wegbereiter dieser Industrieästhetik zu einer kausalen Edelstruktur zusammenzuführen.

Man müsste bei William Morris und seiner englischen Arts-and-Crafts-Bewegung ansetzen, der sich aber wiederum auf das mittelalterliche Zunftwesen, auf die Verschmelzung von Kunst und Handwerk orientierte. Der Deutsche Werkbund, in München 1907 u.a. von Gropius, Poelzig, van de Velde gegründet, der russische Konstruktivismus mit El Lissitzky und Malewitsch, Mondrians „de Stijl“, Le Corbusiers Purismus und eben das Bauhaus als grandioser Höhepunkt dürften bei einer umfassenden Würdigung der Zeche Zollverein, zumindest als Nebenakzente, nicht vernachlässigt werden.

Doch werde ich mich hüten, mich einer kunsthistorischen Prahlerei zu ergeben.
Auch sollte man diesen Traditions- u. Verwurzelungseifer nicht überdehnen.Denn jede Architektur, so auch die Zeche Zollverein, wird eben aus zahlreichen Bausteinen zusammengesetzt. Im Normalfall nach vorgegebenen,traditionellen Mustern, bei fortgeschrittenem Genius des Baumeisters auch mit Baustrukturen von hoher Originalität.

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Zeche Zollverein in Essen, Schacht 12, Kohlenwaschanlage

Wenn Kunsthistoriker und Kulturtouristen versehentlich einmal Essen gestreift hatten, vielleicht auf der Durchreise zu den niederländischen und belgischen Kunstzentren, vielleicht nach Calais, um nach der Überfahrt bald in Canterbury abzuknien, werden sie wohl eher noch an das Münster mit der Goldenen Madonna, an das Helmstedter Kreuz aus Werden oder an das Museum Folkwang gedacht haben.
Den Musikeuphoriker trieb es sicher vorwiegend in die Gruga-Halle zu Konzerten von Zappas „Mothers of Invention“ oder Led Zeppelin (1968/1973), vielleich auch zu den Rockpalastaktionen, zu Rory Gallagher oder Little Feat, die ich z.B. über den Fernseher auf mein Spulentonband aufnahm, zwischen 1977 u.1986. Bei allen Zechen, Kokereien und anderen Ensembles, die sich um die Kohleförderung gruppierten, dürfte ihr ästhetisches Gewissen wie die nahen Schlote gequalmt haben.

Seit Fertigstellung der Schachtanlage 12 der Zeche Zollverein im Jahr 1932 durch Fritz Schupp und Martin Kremmer wurden die ersten Ignoranzschwaden abgesogen, die Sicht reinigte sich auffällig nach der Stilllegung der Zeche im Dezember 1986 und seit der Erhebung dieser Anlage in den UNESCO-Adelstand als Welterbe während der weihnachtlichen Vorfreuden 2001 strahlt der konkurrenzlose Pilgerhimmel über der Zeche Zollverein.

Doch waren Schupp un Kremmer mitnichten die Erfinder dieser gefeierten Stahlfachwerkarchitektur. Schon um 1900 wurde sie freudig im Ingenieurbau eingesetzt, zumindest sporadisch. Doch erweiterten die Architekten der Anlage 12 diese Konstruktion auf das gesamte Gebäudeensemble

Und sie belästigten wundervoll die Arbeiter und Ingenieure schon beim ersten Spatenstich mit ihren Vorstellungen. Während früher der Architekt grobkörnig die fertigen Körper des Industriebaus mit einer Hülle vollendete, gaben sie jetzt zu einzelnen Abläufen, zum Detail im Vorstadium ihre ästhetischen Vorschläge, wodurch der Gesamtmechanismus und die Beziehungen der einzelnen Gebäude zueinander als ästhetisches Konzept wahrgenommen wurden. Denn bislang dominierte gerade in der Industrie des Kohleförderung und der einzelnen Stationen der Kohleaufbereitung ein Funktionalismus, bei dem die Zechenteile oft wie ein unansehnliches Konglomerat ohne optische Bindung verkoppelt wurden, gleichfalls begünstigt durch ständige An-u. Umbauten im entsprechende Zeitstil.

Durch die lineare Ausrichtung des gesamten Komplexes, der an Systeme barocker Schlossanlagen erinnert, durch den Kubus als radikal durchgezogene Bauform und dessen Veredlung durch das leichte, fast entmaterialisierte Stahlfachwerk erreichten die Architekten der Zeche 12 ein bis dahin unerreichtes Maß der Zusammenführung von funktionaler Notwendigkeit und hoher Industrieästhetik, wobei gleichzeitig das hohe technische Niveau und das Leistungsvermögen im damaligem Deutschland durch eine inhaltlich und optisch wegweisende Ikone repräsentiert werden konnte.

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Treppe zur ehemaligen Kohlenwaschanlage, jetzt Informationszentrum, zeitgenössische Kunst von Rem Koolhaas

Nach der Silllegung der Zeche und besonders nach der Aufnahme in die Liste des Welterbes konnte dieses Areal, diese „größte, modernste, leistungsstärkste und schönste Zeche der Welt“ (Standardtzitat) natürlich nicht keimig vor sich hinrosten.
So wurden nach der Sanierung Büros für Grafik-und Designeragenturen, Künstlerateliers und Werkstätten in die Räume aufgenommen. Das ehemalige Kesselhaus beinhaltet weltweit die umfangreichste Ausstellung zeitgenössischen Designs.
Neben Zollverein 12 wurden auch Teile der Gründerschachtanlage saniert. Im neobarockem Verwaltungsgebäude etablierte sich ein „Asienhaus“ und in der ehemaligem Lohnhalle wird getanzt, werden Performances durchgezogen.
Das ehemalige Salzlager wird mit Kunst von Ilya und Emilia Kabakov veredelt und Ulrich Rückriem hat seine Bildhauerei im Gelände verteilt.
In den Waschbecken vor den Koksöfen kann man auch schon einmal im Winter den doppelten Rittberger üben, Lichtinszenierungen, Konzerte, Open-Air-Kino im Angesicht des Doppelbockfördergerüsts und immer wieder etwas gehobener Jahrmarkt….alles sinnvoller als eine Verlotterung dieser grandiosen Anlage.

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Treppe in Anlage 12 von Rem Koolhaas

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Kokerei der Zeche Zollverein. Erbaut zwischen 1957/61, gleichfalls von Fritz Schupp, doch ohne Martin Kremmer, er kam während der letzten Weltkriegstage in Berlin ums Leben.
Koksnebenprodukte täglich 360 Tonnen Teer
60 Tonnen Schwefelsäure
55 Tonnen Rohbenzol
Mir schwinden die Sinne.

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Schluss mit Koks am 30. Juni 1993, dafür UNESCO-Welterbe – kein schlechter Tausch.

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April 19, 2009 Posted by | Kunst, Neben Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar