Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, das Lindenau-Museum in Altenburg, eine „Entdeckte Moderne“, zwei expressionistische Generationen, Walter Jacob und die Gefahr der Makulaturtonne

Als nach dem 2.Weltkrieg im Westen Deutschlands die ungegenständliche Kunst ihre Kreise zog, der abstrakte Expressionismus Amerikas oder die lyrische Sensibilität der Ecole de Paris in den Ateliers aufgenommen wurde, im Osten des Landes sich dümmlich-heiterer Frohsinn mit penetrant-parteilicher Kulturbelästigung paarte und man akribisch damit die Leinwände verunreinigte, wurde erneut eine ganze Generation von Künstlern missachtet, in die Kunstgeschichte inzwischen als „Zweite Generation des Expressionismus“ eingeordnet. Wobei man „Generation“ nicht mit einer exakten Zahl belegen (geb. um 1890/1910) und den Bedeutungsrahmen des Begriffs „Expressionismus“ recht großzügig zimmern sollte.
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Hella Jacobs 1905/1974 – Frau mit Zigarette, 1930/33

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Carl Rabus 1898/1983 – Zwei Freunde
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Anders als die Mitglieder der „Brücke“ (1905) oder des „Blauen Reiters“ (1911), die in Gruppierungen, in Städten mit bedeutenden Kulturtraditionen, Dresden, München, ihre Programme, Kunst und Andersartigkeiten zelebrierten, war diese „Nachhut“ weitgehend über das Land verstreut und agierten die einzelnen Künstler als Einzelkämpfer.

Im thüringischen Altenburg (Lindenau-Museum) gibt es bis zum 10. Mai eine Übersicht mit der Kunst dieser Generation aus der Sammlung Gerhard Schneider.

Anders auch als z.B. Schmidt-Rottluff, Pechstein, Heckel von der „Brücke“, die sich spätestens zwischen den Kriegen etablierten und sich Galeristen, Gönner, Ausstellungen und Käufer organisierten und ihr Bedeutungsstatus in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts sich noch erweiterte, wurde diese zweite Generation mit dem Stempel einer Nachwuchskolonne stigmatisiert, die man durchaus vergessen sollte. Nicht immer zu Unrecht, doch mit zahlreichen Einschränkungen und Abstufungen.
In einem kleinen Artikel der „Zeit“ vor einigen Jahren (?) wurde diese Kunst gewürdigt. Ich notierte mir einige Kernpunkte (ohne Datum). In dem Beitrag bescheinigte man ihr ein beachtliches Niveau der malerischen, grafischen und zeichnerischen Meisterschaft, suchte aber vergeblich die revolutionäre Gewalt der Vorgänger, fand nicht die Leidenschaft der expressionistischen Avantgarde, keine Schreie, nur das Echo des großen Knalls der Erstgeborenen. Ich habe damit etwas Sorgen.
Denn anders als z.B. expressionistische Lyrik und Prosa, auch anders als der Film, hat die Bildende Kunst der expressionistischen Urgötter eigentlich nie geschrien. Einen Tumult der Erneuerungen löste sie natürlich im formalen Bereich aus. Eine neue Sicht auf Perspektiven im Bild, die radikale Reduzierung der Formen, die Neubewertung und der wegweisende Einsatz der Farben. Diese Künstler wanden sich anderen Kulturen zu, ließen sich später von Varietees, von der großstädtischen Straßenpanik inspirieren, feierten das Selbsporträt und eine massive Zuwendung zum Körper.
Auch anders als die französischen Fauves, deren Neuansätze nicht selten in dekorativer Pracht verdorren, nutzt der deutsche Expressionismus diese formalen Mittel, um in Psychen, in privaten und gemeinschaftlichen Mechanismen zu schürfen.
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Wilhelm Morgner 1891/1917 – Selbstbildnis, 1909

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Oskar Zügel, 1892/1968 – Ikarus
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Und doch blieb eine ausgeprägte Fülle von Idylle zurück, ein Rückzug in die Landschaft, zu Harmonie, wobei natürlich eine grandiose Kunst abgeliefert wurde. Aber eine Aggressivität futuristischer Manifeste oder den ätzenden Zynismus, wie ihn nicht selten Vertreter der Neuen Sachlichkeit auskotzten (Dix, Grosz), wurden auf expressionistischen Paletten nur selten vorgemischt.
Man feierte die kleine Revolution in den häuslichen Interieurs, wagte einen kleinen Schrei in den Berliner Straßenschluchten bei weitgehender Tarnung und ritualisierte die Anstellung als Hornbläser beim Aufbruch in die lärmbereinigte Ländlichkeit. Sicherlich gibt die Graphik noch die auffälligsten Hinweise auf vereinzelte Künstler-Pein. Und Kirchner beansprucht ohnehin eine Sonderstellung.
Die heftigsten Appelle und Notsignale dieses Jahrgangs, die emotionalsten Klagen wurden ohnehin von der Peripherie ausgesendet, von Einzelakteuren ohne wesentliche Bindung an Etappen der Kunstgeschichte.
Von Beckmann und Ludwig Meidner, von Soutine und George Rouault, schon bei der Vorstellung von dessen gemalten Clowns und Dirnen fegt eine markante Gänsehaut über meinen Körper.
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Carl Rabus 1898/1983 – Großes Abendmahl – Holzschnitt

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Walter Jacob 1893/1964 – Selbstbildnis – Holzschnitt
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Die Begründung des Defizits an Beachtung für diese Künstler, die Ignoranz durch die Öffentlichkeit im Grunde bis zum heutigen Tag kann nicht in den inhaltlichen Absichten gesucht werden, bei den existenziellen Zweifeln und Warnrufen, in den Beschreibungen des privaten Leids, das sie oft gellender formulierten als die exppressionistische Avantgarde. Sie wählten das Exil, starben im KZ, zwei Drittel ihres Werkes wurde zerstört.
Es mangelte also nicht an Lautstärke und Leidenschaft, wie es eben die „Zeit“ glaubte, vertiefen zu müssen.
Der größte Makel bestand, neben den ungünstigen Zeitläufen der europäischen Geschichte, in den zum Teil bescheidenen Fähigkeiten, gedankliche Systeme intellektuell und handwerklich zu bewältigen.
Nicht selten schleppte ich mich, etwas desinteressiert durch das gestalterische Unvermögen, an den Bildern entlang, hemmten Plakativität und der Einsatz von Frontalsymbolik mein Bedürfnis nach geistigen Meisterleistungen. Allzu forsch und etwas penetrant werden Emotionen angeheizt und Zusammenhänge mit banaler Eindeutigkeit zum Verbrauch angeboten.
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Hans Feibusch 1898/1998 – Elias Himmelfahrt

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Helmut Kolle 1899/1931 – Junger Mann mit weißem Hemd
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Und dennoch bleibt es ein Gewinn, sich diese Ausstellung zu gönnen, wegen der zahlreichen Arbeiten, die sich zumindest auf der Ebene gehobener Ansprüche bewegen und von dem Bedürfnis geleitet, dieses Kapitel deutscher Kunst-u.Rezeptionsgeschichte nicht in der Makulaturtonne verrotten zu lassen.
Und ein Künstler wie Walter Jacob, dem sich das Altenburger Lindenau-Museum schon 1993 mit einer Ausstellung zuwande, hat den Abstand zwischen „erster“ und „zweiter“ Garnitur doch etwas verringert. Man nehme dazu die Bilder „Herr und Knecht“ und „Prometheus“ zur Kenntnis (Im Katalog zur Jacob-Ausstellung).
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Robert Liebknecht 1903/1994 – Berliner Straßenszene, 1931
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Entdeckte Moderne. Werke aus der Sammlung Gerhard Schneider
Altenburg, Lindenau Museum, Gabelentzstr. 5
bis 10. Mai 2009
Die – Fr 12 – 18 Uhr
Samst – Sonnt 10 – 18 Uhr
Danach in Bayreuth, Berlin, Solingen

juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de

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März 26, 2009 - Posted by | Kunst, Leipzig, Neben Leipzig

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