Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Norbert Tadeusz in Chemnitz und der Mut zur Gegenständlichkeit, informelle Kunst, ein Schüler von Beuys, Ingrid Mössinger und Leipziger Aspiknasen

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Als Norbert Tadeusz 1966 in der Düsseldorfer Galerie Gunar seine erste Einzelausstellung aufbaute, wahrscheinlich Interieurs mit Akt und Interieurs ohne Akt, doch auf alle Fälle von figürlichem, gegenstandsbezogenem Zuschnitt, dürfte er sich bewusst gewesen sein, dass seine Kunst nicht geeignet war, problemlos in die große Popularitätstonne zeitgenössischer Kunst aufgenommen zu werden.

Denn nach dem zweiten Weltkrieg, als in Osteuropa ein weitgehend öder Realismus mit ideologischer Strangulierung der Museumsbesucher dominierte, wurden im Westen ekstatisch die wundervollen Ergebnisse des abstrakten Expressionismus der nordamerikanischen Kunst aufgenommen. Dabei richteten die deutschen Maler ihre Leinwände nicht einmal vorrangig in Richtung der Ateliers von Pollock, de Kooning oder Motherwell, Hauptvertreter der amerikanischen „action painting“. Die Kunst der „Ecole de Paris“, bis Anfang der sechziger Jahre eine locker vereinte Künstlerformation, hat sich auffälliger in den informellen Arbeiten deutscher Maler ablesen lassen. Besonders vermittelt durch Baumeister und Nay.

Mit Dahmen, Götz, Hoehme, Schultze, Schumacher, Thieler u.a. hatte sich deutsche Künstler etabliert, welche der informellen Malerei bemerkenswert ansehnlich huldigten.

Doch Tadeusz focht das nicht an, er zelebrierte schon 1966 seine figürliche Kunst und ist bis heute nicht gewillt, an diesem Grundkonzept wesentliche Änderungen vorzunehmen.
Er wurde in Dortmund geboren, nähert sich der Siebzig, studierte bei Beuys und hat den Kunstsammlungen Chemnitz einige Bilder geschenkt, die bis zum 22. Februar ausgestellt werden.

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Norbert Tadeusz bevorzugt nicht selten Formate von wuchtigen Ausdehnungen, in die er, gleichfalls nicht selten, eine aggressive Farbigkeit setzt. Uneindeutig verborgene und verbogene Mechanismen, die sich nicht bis in die letzten Segmente erschließen lassen, eine Polyphonie möglicher Kommentare, Perspektiven, welche die Räume nur unscharf strukturieren, könnten zu Vermutungen führen, dass die große Harmonie an der nächsten Biegung noch nicht gefunden werden kann und eine Aufrüstung für mögliche Kollisionen in die Wege geleitet werden sollte.

Die einzelnen Stränge finden oft nicht zueinander, brechen sich in entgegengesetzte Richtungen, in manirierten Verrenkungen und verknoten sich dann doch wieder mit fleischlicher Sinnlichkeit im aktuellen Tagesablauf. Nie stabilisiert sich die Sicherheit, ob an der nächsten Farbkrümmung oder im Schatten benachbarter Körperdehnungen das Unheil poltern oder die Seligkeit leuchten wird.

Es ist sicherlich müßig, immer nach sogenannten Vorbildern zu forschen, um kunsthistorische Kompetenz zu beweisen. Denn auch in der Kunstgeschichte kann die augenfällige Aufnahme von Traditionslinien nicht ausbleiben. Und wenn Tadeusz auf seiner Linie die Kunst von Soutine, Hopper und Bacon locker verschnürt hat, ohne an ihr konturlos zu schlottern, bezeugt das ein vorzügliches Ahnenverständnis.
Und auch Neo Rauch wird sein tiefes Verständnis für die Bilder von Tadeusz nicht leugnen wollen.

Norbert Tadeusz, Gemälde 1978-2002
Kunstsammlungen Chemnitz, Theaterplatz 1
nur noch bis 22. Februar
Di-Fr 12-19 Uhr
Sa,So,Feiertag 11-19 Uhr

Neben Tadeusz gibt es noch eine reichliche Portion Schmidt-Rottluff und eine Ausstellung mit Künstlerplakaten der DDR.
Darüber einige Sätze in Bälde, eingeschlossen eine Huldigung der Stadt Chemnitz und deren Entwicklung von einem weitgehend uninterressanten Aufbewahrungsort für eine zum Brechmittel gehärteten Monumentalplastik zum beachtlichen Zentrum kultureller Aufregungen. Ich verbeuge mich grundsätzlich ungern, doch bei Ingrid Mössinger, Direktorin der Chemnitzer Kunstsammlungen, bleibt mir tatsächlich nicht anderes übrig. Ich traf sie vor einigen Jahren, als wir gemeinsam innerhalb einer Jury den Preisträger der Leipziger Jahresausstellung kürten, wurde nach anfänglichen Irritationen bald besänftigt und erfreue mich an der Kompetenz, an dem gnadenlosen Durchmarsch von Ingrid Mössinger, die Chemnitz zu einem kulturellen Zentrum zurechtbiegt.
Dann muss man natürlich gleich an die Leipziger Aspiknasen denken, welche die Infantilausstellung „Die Kunst ist weiblich“ als Höhepunkt des vergangenen Jahres feierten, zur Zeit uns mit dem Schrecken der Bilder von Henriette Grahnert quälen und bald die Überraschungsknaller Werner Tübke, Leipziger Kunst 1949-2009 und Neo Rauch anbieten, haben wir noch nie gesehen, da dröhnt die Originalität aus jeder architektonisch misslungenen Ecke des Museums.

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Stoppelfeld

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Roter Sessel

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San Cassiano

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Februar 20, 2009 Posted by | Kunst, Leipzig, Neben Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar