Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, der Rundgang an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, züngelnde Eistüten, Gras im Einkaufswagen, Steven Spielberg, Däubler und Mendelssohn Bartholdy

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Raum der schriftkünstlerischen Sonderleistungen

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Bilderwand – Klasse Annette Schröter

Nach neunzig Minuten verließ ich die Leipziger Grafikhochschule, durchaus beschwingt. Nur neunzig Minuten in diesem Moloch der Ölfarbengerüche,der lärmenden Kinder und triefenden Hunde, der Bemmchen zu dreißig Cent an jeder Ecke, abwechselnd mit Mohnkuchen, etwas teurer, der geleerten Bierflachen und der noch ungeöffneten und vor allem der durchaus bemerkenswerten Kunst. Das war zu wenig. Doch musste ich mit wichtiger Mimik zur nahen Thomaskirche hasten, um Mendelssohns Paulus-Oratorium auf harten Seitenschiff-Stühlen zu erleben.

Als Musikeuphoriker habe ich aber durchaus auffällige Sorgen mit dieser straff durchgezogenen Glaubensmusik, mit Passionen, Kantaten, Oratorien, Messen der vergangenen Jahrhunderte, eingeschlossen die eifernd unterwürfigen Texte, eingeschlossen Bach, ausgenommen zahlreiche Werke des 20.Jahrhunderts. Auch die gängige Orgelmusik schmeichelt sich bei mir nur bis an die Eingangszonen meiner Ohren. Dann ist Pumpe. Meine einzige Orgelplatte erhielt ich als Geschenk zu Zeiten der Kreuzzüge. Natürlich die Gassenhauer-Toccatta u.Fuge in d-moll von Johann Sebastian. Doch Mendelssohn hat mich mit seinem Oratorium in der Leipziger Thomaskirche von diesen Martersitzen mit gefühlter Zementhärte gerissen.

Ich bin nicht ganz mendelssohnsicher. Natürlich dudeln periodisch seine schottischen und italienischen Musikinspirationen von meinem CD-Teller, gleichfalls das Violinkonzert. Als Schallplatte besitze ich dann noch einige seiner Overtüren („Hebriden“ usw.) und ein paar Jugend-Sinfoniettas. Aber noch nie gehört.

Doch diese Mischung aus traditionellen Linien und zukünftiger Musikkultur, die Ariosi des Soprans erinnerten mich durchaus an die unvergleichlichen vier letzten Lieder von Richard Strauss, überwältigte mich. Musiktheoretiker werden jetzt Schreikrämpfe bekommen. Ist mir aber bewundernswert gleichgültig, ich habe eben an Strauss gedacht. Mein morgiger CD-Kauf hat schon klare Konturen angenommen.

Zurück zum Rundgang an der Leipziger Graphikhochschule, den ich eben in neunzig Minuten bewältigen musste und eben durchaus beschwingt verließ.

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Bilderwand – Klasse Annette Schröter – ein auffällig gelungenes Blatt.

Sicherlich ist diese Hochschule nicht fähig, neue Dimensionen, markerschütternde Visionen anzubieten. Die Feierlichkeiten für die biedere „Neue Leipziger Schule“ laufen auf anderen Ebenen ab, nicht im Zusammenhang von intellektuellem Feinsinn und handwerklicher Qualität. Man sucht vergeblich nach Arbeiten, die zu einem Salto der Verzückung animieren könnten, zu wundervoller Ratlosigkeit, Verunsicherung und Verwirrung. Doch hat sich inzwischen in der Breite ein solides bis gutes Niveau etabliert, welches meinen beschwingten Grund-Rhythmus aktivierte.

Teils herausragende Fotokunst, nätürlich in bewährt anerkanntem Raster angesiedelt, Zeichnungen und wenig Graphik von qualitativ hohem Zuschnitt, Installationen mit intellektuellem Tiefschurf ohne labernde Hybris und eine Malerei, welche die rote Laterne fest in ihre Pinsel eingedrückt hat. Sie pendelt zwischen figürlich-akribischer Langeweile, expressiven Plagiaten, gegenstandsloser Unansehnlichkeit und handwerklich einfach nur grottig gemalten Bildern.

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Baumwolle – Titel: „Ich muss mal 5 Minute in mich gehen“. Soll sie doch. Wenn danach immer derartige Kunst folgt.

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Malerisch mittelmäßig, doch einigermaßen originell. Zwei Eistüten bei dem Versuch des Aufbaus einer erotischen Grundstimmung.

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Zerrissene Fotos und Stuhl mit beschränktem Gebrauchswert. Schon Tausend mal gesehen, doch mit einer eigenständigen Ästhetik.

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Gewöhnungsbedürftige Sichtebene. Der Einkaufswagen mit Erde und Gras gehört in die Kategorie „Frontalsymbolik“.

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Schon zehntausend mal gesehen, aber mit farblichem und papierstrukturellem Eigensinn im Raum verteilt.

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Raum – Klasse Astrid Klein – Schwergewichtige Geistesleistungen bei den Kollisionen mit der Büchse der Pandora, mit Spielberg, Däubler und Rosso Fiorentino

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Raumdetail – Klasse Astrid Klein

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Bilder von edler Machart

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Verbeugung vor der Kunst Annette Schröters aus früheren Jahren.

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Er hat seine Nase zu tief in den legendärsten Kunst-Rauch Leipzigs gehalten.

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Grauenhaft

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Grauenhaft

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Diese Zusammenschiebung mehr oder weniger zerschlissener Möbel nervt mich zunehmend.

juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de

Februar 9, 2009 - Posted by | Kunst, Leipzig, Musik

1 Kommentar »

  1. Eine aufschlussreiche Zusammenstellung der verschiedenartigsten Exponate – von beachtenswert interessant bis wiederholend makaber. Vielen Dank!
    Gruss von Rosie
    http://www.roswithageisler.wordpress.com

    Kommentar von wholelottarosie | März 27, 2009 | Antworten


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