Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und das technische Denkmal – Teil II – Erzbergwerk Rammelsberg, b.Goslar, November 2008 und Nikola, Ritter Ramm, Christo, Robert Koch jun., Götz Goethe und ein Pferd

Teil I am 25. Mai 2008 in diesem Blog

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Museum Erzbergwerk Rammelsberg
Pferd mit gewöhnungsbedürftigem „Ausgeh“-Geschirr. In meiner Kindheit, also kurz nach Jan Hus, gab es auch noch Kleidung „für gut.“ Geschniegelte Monturen für Sonn-u. Feiertage.

Ritter Ramm, wahrscheinlich ein Gefolgsmann von Otto I. (912-973) jagte vor über eintausend Jahren im Gebiet des heutigen Rammelsberges, mit Pferd. Das Dickicht wurde dichter und das Pferd störender. Also ging Ritter Ramm zu Fuß. Eine Entscheidung, welche der Unpaarhufer nicht nachvollziehen konnte. Also scharrte er zunächst gelangweilt, dann betont hysterisch mit den Hufen……und legte Erz frei. Natürlich Legende, doch kann man sie entzückend erzählen. Die kausalen Beziehungen im sprachhistorischem Verhältnis von Ritter Ramm und Rammelsberg sollten unschwer bewältigt werden.

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Teil der Übertageanlage zur Erzaufbereitung. Weitgehend sachlich-pragmatische Architektur um 1935/39. Seit über dreitausend Jahren wird in diesem Gebiet nach Erz geschürft, also seit Ende der Bronzezeit. Schriftliche Quellen bezeugen eine Nutzung ab etwa Eintausend n.Chr. Vorwiegend Kupfer, Blei und Zink hackte man aus dem Gestein. Türen und Säule des Bernward in Hildesheim und das Dach des Bamberger Doms wurden u.a. mit Rammelsberger Kupfer veredelt. Zumindest nach dem Wunsch der Goslaer Regionalhistoriker. Finanzielle Nebenquellen ergaben sich aus dem Erlös von Vitriol (s. Wikipedia) und Pigmenten für die Farbherstellung, vorwiegend Ocker.

Mitte des 19.Jahrhunderts schienen die metallischen Quellen zu versiegen. Doch der Sohn des Tbc-Frettchens Robert Koch ignorierte das Mikroskop seines Vaters, dachte optisch in größeren Dimensionen, wirbelte auf geologischen Pfadfinderwegen und entdeckte neue und ergiebige Erzadern. Bis 1988 rumpelte es dann am Rammelsberg unter der Erde. Dann war Schicht. Der letzte Gesteinswagen wurde von Christo verpackt und steht jetzt im Museum (s.unten). Vier Jahre später erhielt Rammelsberg, gemeinsam mit der Altstadt von Goslar den Status „Weltkulturerbe“ der UNESCO. Zu Recht.

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Umkleidehalle der Bergleute

Jürgen Henne mit auffällig dümmlicher Mimik wenige Minuten vor dem Einstieg bei der Bewältigung seiner klaustrophobischen Ängste.

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Umkleidehalle der Bergleute

Ohne Jürgen Henne (mit grünlicher Gesichtsfarbe und einem heftigen Tremolo in den Kniekehlen auf dem Weg unter die Erde ). Die Kleidung der Erzhacker, nach der Arbeit durchnässt von Schweiß und allen Flüssigkeiten, welche die Erdschichten so bereit halten, wurde unter die Raumdecke gehangen und nächtens bei stabilen 30 Grad getrocknet.

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Am Schachteingang. Kein Grund, meine grünliche Gesichtsfarbe durch eine entspannt überlegene Fleischfarbigkeit zu ersetzen

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Nikola beim „Anbiss“. Nach beschwerlichem Abstieg zu den unterirdischen Arbeitsplätzen, ohne Fahrstuhl, nutzten die Bergleute diese spartanische Einbuchtung im Felsen, um in ihr gleichfalls spartanisches Frühstück zu beißen-anbeißen-Anbiss. Bald wurde dann dieser grottig feuchte Raum „Anbiss“ genannt. Vielleicht hoben Sie auch nochmals die Augen, um Gott zu besänftigen, der natürlich hoch über dem Berg trohnte, sicherlich bei einem Anbiss ohne spartanische Tendenzen und sicher nicht ohne Fahrstuhl.

 

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Untertage. Erzabbau moderneren Zuschnitts

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Untertage. Dieser Teil des Stollens wird mit einer Bahn bewältigt, wogegen die härtesten Hardcore-Rundendreher auf Jahrmärkten und anderen Volksfesten wie friedfertig-milde Schwingungen eines Wasserbettes wegdämmern. Eine spezifische Maßnahme, um das Gestein poltern zu lassen, war das Feuersetzen. Holz wurde dabei unter der Erde gestapelt, Feuer angekokelt und die Untertagehütte verwandelte sich in ein Inferno. Durch die Temperaturaufprallungen platzte und löste sich das Material und konnte sortiert werden, bei Celcius-Engleisungen, die erhitzte Darstellungen der Hölle wie einen entspannten Aufenthalt im örtlichen Freibad erscheinen lassen.

Goethe war bei seinem Aufenthalt in Rammelsberg von dieser frühen Feuer-Performance tief beeindruckt, mutierte zum Industriespion und gab seine Kenntnisse weiter. Zumindest warb der aktuelle Chef-Erklärer mit dieser Story und fügte den Hinweis auf die globale Erstmaligkeit des Feuersetzens in Rammelsberg hinzu. Dabei kannte man diese Aktionen schon im Neolithikum (Jungsteinzeit). Das sind die kleinen, werbeträchtigen Ungereimtheiten, die man mit heiterem Herz verzeihen sollte.

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Fuhrpark

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„Kraftzentrale“ für die Energieerzeugung mit neoromanischer Architekturnötigung

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Angebot von farbigen Nuancen, ermöglicht durch Rammelsberger Pigmente.

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Christos Verpackung des letzten Erzwagens im Bergwerk Rammelsberg. Er erhielt 1988 den Goslarer Kaiserring, ein Preis für zeitgenössische Kunst von durchaus beträchtlichem Nimbus. Den Ring mit dem Siegel Heinrich des IV, der in Goslar geboren wurde und genervt nach Canossa schlurfte, um sich bei Gregor VII. einzukratzen, erhielten seit 1975 u.a. H. Moore , Max Bill, Vasarely und 2008 der Fotograf Gursky. Einzelne Arbeiten der Preisträger sind auf Straßen und in Parks von Goslar verteilt. Links hinten Fotoporträt Christos.

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Ehemalige Erzaufbereitungshallen. Die Gebäude werden für Kunstausstellungen genutzt und für die Darbietung einer Mineraliensammlung.

Und darin diese mystische, diffuse Uneindeutigkeit, diese fast beägstigend verborgenen Lichtquellen, welche neben stillgelegten Metallkörpern einen Schein ehemaliger Aktivitäten bezeugen und durch aktuelle Kunst milde Furchen des Verständnisses in die rostige Vergangenheit einprägen.

Mein Gott, was bin ich doch für ein großer Dichter!

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juergenhennekunstkritik.wordpress.com

juergen-henne-leipzig@web.de

November 22, 2008 - Posted by | Kunst, Neben Leipzig, Verstreutes

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