Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und Eric Clapton in Leipzig, die Hölle, das Paradies und eine Wespe

Jürgen Henne vor dem Konzert Eric Claptons – in der Hölle  (oben) – nach einem Wespenstich

Jügen Henne nach dem Konzert Eric Claptons – im Paradies (unten)                

Ein eifernder Gefolgsmann Eric Claptons, der demütig vor seiner Musik abkniet, war ich eigentlich nie. Ich erinnere mich dankbar an die Yardbirds und den Song „For Your love“. Doch verließ Clapton bald, ziemlich angeödet, diese Truppe. Die richtig guten Titel wie „Shapes Of Things“ und „Heart Full Of Soul“ liefen dann ohne ihn. Und wenn ich „heute „White Room“, „Sunshine Of Your Love“, I Feel Free“ oder „Strange Brew“ höre, dann erwäge ich tatsächlich die Möglichkeit, mich respektvoll auf den Boden zu legen. Doch das war dann schon Eric Clapton mit „Cream“, eine der edelsten Formationen der Rockgeschichte. 

Bei „Derek and the Dominos“ zupfte er sich mit seiner Gitarre nochmals in die Unvergesslichkeit und dann begann für mich eine auffällige Clapton-Askese von bemerkenswerter Zeitausdehnung. Da konnte auch dieses unsägliche „Tears In Heaven“ am Beginn der 90er Jahre nichts ändern, wobei das Motiv für dieses Lied für den Hörer natürlich peinigend ist. Doch irgendwie glaubte ich, dass Clapton sich einem unerquicklichen Mainstream ergeben hatte. Wie „Chicago“, die so grandios begannen, „25for 6 to 4“, und furchtbar endeten, mit musikalischen Brechmitteln wie „If You Leave Me Now.“ Und auch zeitweilig endlos abgenudelte Cover-Versionen, gesungen von Clapton, wie „After Midnight“ und „I Shot The Sheriff“ konnten mich nicht einmal kurzfristig erfrischen, wobei mich Reggae schon immer ausführlich nervte.

Und dann das Konzert am vergangenen Dienstag in der Leipziger Arena. Clapton betritt die Bühne, spielt und singt ohne Hampeleien. Bühne hell – „Good evening, Thank you, Goodby“ – Bühne dunkel. Keine dämlichen Anbiederungen. Kein „Ich liebe Leipzig“ oder „Leipzig hat die schönsten Frauen“ und ähnlichen Kram. Da bevorzuge ich die eher spröde Bühnenkommunikation, wie sie auch schon Bob Dylan oder Van Morrison bis zur Vollendung treiben. Ich habe mich nun seit fast 20 Jahren bei zahlreiche Konzerten neben schwitzende Leiber gedrängt, verschüttetes Bier im Hals ertragen, Zigarettenasche in den Schuhen ausgehalten und Ekzeme in die Hände geklatscht. Zwischen Patty Smith, Lou Reed und Nick Cave, zwischen Plant/Page, Roxy Music, John Cale und Elvis Costello versank ich in musikalische Seligkeit.

Doch das Konzert mit Eric Clapton trieb meine Seligkeit in neue Dimensionen. Diese großartige, manchmal etwas schräge Musik aus „Dominos“-Zeiten, einige Titel, die ich oberflächlich kannte, aber nicht Clapton zugeordnet hätte und Musik, die mir gänzlich unbekannt war, beschenkten mich mit dem warmen Gefühl, einen Verstoßenen wieder in den Armen, bzw. in den Ohren halten zu dürfen.“Hoochie Coochie Man“(Dixon,Waters) , das überwältigende Kokain (von J.J. Cale) peitschten sich durch die Halle, dass selbst die Stahlträger in metallischer Transpiration glänzten. Und bei „Layla“ verzichtete Clapton auf seine Akustikgitarre, vergelt´s Gott, und knallte die Riffs gegen die Wand, wie es sich gehört.

Die Akustik in der Halle war bemerkenswert und das ist keine Selbstverständlichkeit. Die herausragende Klangkultur der einzelnen Instrumente zog messerscharf getrennt ihre Kreise. Kein wabernder Sud, der sich dann schwerfällig unter das Dach ankittet. Dazu ein Schlagzeuger, der scheinbar gewichtstechnisch an Buddy Miles geschult wurde, sich aber auch dessen diabolischer Schlagfähigkeit annähert. Ein vorzüglicher Bassist, ein wundervoll skurriler Pianist mit erstaunlichen Tasten-Eskapaden (Chris Stainton) und ein anderer Gitarrenträger, mindestens eine Generation jünger als der Hauptdarsteller des Abends, der aber, singend und musizierend, nicht an Clapton angekettet ist und seine eigene Fasson zelebriert(Doyle Bramhall II).

Und dann natürlich Clapton selbst. Ohne beifallheischenden Mumpitz, mit dem weniger Begabte Genialität ausstrahlen wollen, setzt er eine Note an die andere. Selbst bei rasantem Spiel verharrt jeder Ton zunächst glasklar im Raum, ehe er zur Seite perlt, um seinen tönenden Nachfolgern den Platz zu überlassen. Mit hoher Souveränität bewältigt er bluesige Nummern ähnlich vollendet wie balladenartige Einschübe und schweißtreibend peitschende Edelkracher, ohne in selbstgefällig-steriler Routine zu veröden. Der Lichteinsatz mit abstrakten Formwandlungen wird sparsam eingesetzt und belästigt nicht.

Ich denke, ich habe Gott gehört, oder zumindest einen Halbgott und als fiktiver Teilnehmer am griechisch-mythologischen Instrumentationskampf mit Apollon und Pan hätte er sicher die goldene Saite gewonnen. Da hätte Apollon noch so viele Eselsohren verteilen können.

Und jetzt werde ich mein CD-Regal nach Scheiben mit der Musik Claptons überprüfen

 

juergen-henne-leipzig@web.de

August 14, 2008 - Posted by | Leipzig, Musik, Verstreutes

2 Kommentare »

  1. ja ja ja du weißt ja wie wespen sind ja mich haben die ge sochen

    Kommentar von saskia assmann | November 12, 2011 | Antworten

  2. Good day! I know this is kind of off topic but I was wondering if you knew where I could find a captcha plugin for my comment form? I’m using the same blog platform as yours and I’m having problems finding one? Thanks a lot! bakbecbfeddb

    Kommentar von Johne494 | September 19, 2014 | Antworten


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