Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und Klaus Kinski in „Jesus Christus Erlöser“

Den Film „Jesus Christus Erlöser“, Kinskis Pöbelorgie, habe ich bewältigt und fühle mich nicht getrieben, auch nur ein Morphem (kleinste bedeutungstragende Einheit der Sprache) meines Textes vom 16. Mai in diesem Blog zu ändern. Erschüttert war ich eher durch die inhaltliche Banalität des Vortrags von Kinski, eine zuweilen schier unerträgliche Mischung  biblischer Storys und zeitgenössischer Abläufe.

Jetzt werden wieder Interimshistoriker brüllen, dass eben der Zeitbezug erkannt werden muss, um ein Verständnis zu entwickeln. Ich erkenne ja, erkenne ja und ich entwickle ja, entwickle ja. Zeitbezüge sind ja durchaus notwendig, doch nicht von derartiger Belanglosigkeit.  Wenn z.B. in zeitlosen, griechischen Stücken (Sophokles,Euripides,Aristophanes) unverblümt und mit dümmlicher Eindeutigkeit historische Figuren wie Stalin, Mielke oder Pinochet aufmarschieren, entwickelt sich bei mir ein voluminöser, gehaltvoller Würfelhusten. Etwas mehr Verfremdung sollte es schon sein.

Kinski rülpste sich über die Bühne, taumelte von einer Intoleranz zur nächsten Ignoranz. Eigentlich Wesenszüge, denen er abhold sein wollte. Mit geradliniger Penetranz feierte er bei sich selbst Eigenschaften, die er gerade in diesem Text missbilligt hatte. Er riss Besuchern, etwas unbeherrscht, das Mikrofon aus der Hand und jaulte manchem Rufer aus dem Publikum seine Kenntnisse über grunzende Vertreter der Tierwelt zurück.

Das ist alles durchaus unterhaltsam. Doch wenn das gesamte Kino nur nach den „du alte Sau“ oder „halt du deine Schnauze“ – Stellen hechelt, erscheint mir das etwas wenig. Und ein mittleres Maß an Verunsicherung und Skepsis entwickelt sich bei der Beobachtung, dass Kinski diesen Kameraheinis, die wahrlich gnadenlos alle Gesichtsfurchen, jeden Nasenrotz und jede Augenfeuchtigkeit abgelichtet haben, gönnerhaft gewähren lässt. Das irritiert doch erheblich. Denn eigentlich hätte man bei dem Reifegrad seiner  Exzesse an diesem Abend erwarten können, dass er wenigstens dem Filmteam mit seinen Schuhen die Nasenlöcher erweitert, unterlegt mit dem entsprechenden Vokabular.

Doch Kinski pflegt seine Positionen, erstarrt, kreicht, immer sorgfältig ausgeleuchtet. Vielleicht war doch nur alles kalkuliert, wie die Rufer aus der Zuhörermeute, alles nur kalkuliert und wirkungsmächtig durchgezogen. Doch unterhaltsam war es unbedingt. Wenn der Text den willigen Besuchern nur nicht so heftig mit seinen Belanglosigkeiten geknechtet hätte, ohne einen Hauch von intellektueller Steuerung durch Klaus Kinski.

 

 juergen-henne-leipzig@web.de

Juni 3, 2008 - Posted by | Film, Leipzig

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