Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und Klaus Kinski und Max Bruch und KUBA und Erich Loest

 

Birgit Glombitza feierte gestern Klaus Kinski in SPIEGEL ONLINE als „genialischen Schauspieler.“

Kinski – das Genie?

Welche Kränze muss man dann verblichenen Schauspielern wie Jean Gabin, Charles Laughton und Edward G.Robinson posthum knüpfen?

Welche himmlische Fanfare sollte dann die außerordentliche Begabung noch nicht verblichener Schauspieler wie Dustin Hoffman, Daniel Auteuil und P.Seymour Hoffman begleiten. Oder Pete Postlethwaite in seinen besten Filmen(„Brassed off“), denn er hat sich auch recht oft in gefilmten Armseligkeiten über die Runden gestikuliert.

Diese heiter-leichtfüßige Vergabe von Elite-Prädikaten kann schon irritieren.

Klaus Kinski agierte als kulturpolitische Figur, als kultursoziologisches Phänomen, festgezurrt in seiner Zeit öffnete er gesellschaftliche Nebenscharniere, während er unerfreuliche Mechanismen blankschrie. Doch Exzentrik und aggressive Grundtendenzen, für welches Ziel auch immer, müssen nicht zwangsläufig eine Kongruenz mit, in diesem Fall schauspielerischem Vermögen eingehen. Wenn Kinski in E.-Wallace-Filmen bleich um die Kurven schlurft und gefährlich vor sich hin lispelt, könnte schon einmal der Schauder den letzten Schluck Wernesgrüner in der Mundhöhle frostig erstarren lassen. Doch bitte nur Filme mit Heinz Drache und ohne Fuchsberger.

Doch große Schauspielkunst ist das keinesfalls.

Bei der Kenntnisnahme von „Aguirre,der Zorn Gottes“ und „Woyzeck“ drängt mein Finger mit stabiler Regelmäßigkeit zum Knopf für die Bildschirmverfinsterung. Denn diese manieriert-spleenigen Ausbrüche darben in häufigen Szenen auf der Ebene banaler Grimassenschneiderei. Und Büchners Stück ist dafür zu kostbar.

Einzig in „Fitzcarraldo “ gelang es ihm, die Besessenheit eines monströs strukturierten Opernliebhabers, der im südamerikanischen Dschungel ein Opernhaus errichten und Caruso einladen will und dafür auch das Schiff über den Berg wuchtet, unvergesslich auszurotzen.

Doch konnte Kinski eben nicht mit mit seinem erstarrten Kanon schauspielerischer Möglichkeiten die Figuren des Nosferatu, des Woyzeck odes des Aguirre  plausibel ausfüllen. Eine glaubhafte Entfaltung verödet nicht selten in einer äußerlich-plakativen Scheinqualität.

Die Bedeutung seiner Tabubrüche für deutsch-moralische Hauptwaschgänge, seine Provokationen als Flammenwerfer zur Hindernisbeseitigung sind unumstritten und ich wäre einem gemeinsamen Besäufnis nicht aus dem Weg gegangen. Doch trotz seiner mimisch-gestischen Detonationen und seiner rhetorischen Tobsuchtsanfälle verhärtet der schauspielerische Vortrag im Stadium von robuster Mittelmäßigkeit. Auch der Wunsch des Kinski-Verbrauchers nach Angeboten mit saftig intellektuellem Humus wurde selten erfüllt. Denn die Aktion blieb das Angebot, die erhöhte Phonstärke, das gewöhnungsbedürftige Vokabular.

Kinski -das Genie?

Diese Verquirlung von Kriterien einer öffentlich durchaus auch positiven Darstellung von Künstlern mit Kategorien künstlerischer Qualität, diese Herdenmentalität bei der Taxierung von Kunst und die Sehnsucht, dadurch auf der „Höhe der Zeit“ zu sein, führt zu einer teils grotesken Impotenz, die eigene Urteilsfähigkeit abzurufen und verramscht Kunst zu einer Sülze des Mittelmaßes.

Denn Kategorien der Qualität gibt es durchaus und Qualität ist keine Frage des Geschmacks und „Jeder Mensch ist ein Künstler“ von Joseph Beuys ist ohnehin Nonsens.

Max Bruch war ein mittelmäßiger Komponist, aber ein hervorragender Lehrer.

KUBA (Kurt Barthel)  war ein lausiger Poet, aber ein vortrefflicher, warmherziger Pädagoge.

Erich Loest ist ein zuverlässiger, glaubwürdiger Dokumentarist, abernur ein mäßiger Schriftsteller.

Klaus Kinski war ein Rufer in der Not, aber nur ein durchschnittlicher Schauspieler.

So ist das Leben, man kann nicht alles haben. Den Film „Jesus Christus Erlöser“ werde ich auf alle Fälle sehen und ich nenne mich danach vielleicht Jürgen Henne-Kinski.

 

juergen-henne-leipzig@web.de

 

 

 

 

 

 

 

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Mai 16, 2008 Posted by | Film, Kunst, Leipzig, Neben Leipzig, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar