Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und ein Weihnachtsfilm

„Merry Christmas“-eine belgisch-deutsch-französisch-britisch-rumänische  Produktion von Christian Carion (2005) – eine vorweihnachtliche Betrachtung zu einem „Weihnachtsfilm“

Daniel Brühl ist eben doch nur ein mittelmäßiger Schauspieler. So könnte er sicherlich  die Rolle eines jungen Musiklehrers in Mittelbayern manierlich bewältigen, der etwas verklemmt auf die Anzüglichkeiten pubertierender Schülerinnen reagiert. Doch als Offizier in einem viehischen, gnadenlos nationalistisch dröhnenden Grabenkampf des ersten Weltkrieges  zerweichen Mimik und Gestik zu einer lauwarm-gefälligen Durchschnittlichkeit.

Überhaupt überwiegt in diesem Film der Eindruck von einer schmerzfreien Kriegsstory, die zwischen englischen, französischen und deutschen Weihnachtsbäumen versickert. Der klischeebeladene Austausch von Saufereien, Familienbildern und anderem persönlichen Kram machen diese versteinert traditionelle Inszenierung nicht erträglicher. Denn ohne schmerzhaften Gegenpol mutieren die Abläufe auf dem Niveau von Verbrüderungen in einer kleinstädtischen Sauna. Ich erwartete und erhoffte weder spritzende Gehirne noch hervorquellende Därme. Doch forderte ich ein symbolisch aufgeladenes, mit intelligenten Bildern verfremdetes Grauen.

Als Fürmann trällernd mit Weihnachtsbäumchen über das Feld lärmte, erwartete ich, dass er stolpert und mit schlammgefüllter Mundhöhle weiterdröhnt. Die Grenze zum unerquicklichen Kabarett zeigte sich hier fließend. Die eindimensionalen, furchtbar geradlinigen Konflikte in den Hierarchielinien Offizier-General waren dann richtig ärgerlich. Natürlich gebar die Frau eines Kriegsteilnehmers ein Kind, es war nicht anders zu erwarten, natürlich während der Weihnachtstage, wann denn sonst?

Der Film verweigert sich einer subtilen Vertiefung des Verhältnisses von individueller Menschlichkeit und übergeordneter Vernichtung. Und die Emotionen des Schotten um seinen gefallenen Bruder wirken handwerklich hölzern und agieren nur als Füllmasse, um den Vorgängen eine Nuance Hass und Unversöhnlichkeit zu verleihen.

Ein Filmkritiker schrieb in der Leipziger Volkszeitung, dass für Besucher des Films, bei denen keine Tränen perlen, nur ein Arztbesuch helfen könnte. Abgesehen von dieser penetrant-dümmlichen Anmaßung ist das genau der Punkt. Diesen körperlichen Reaktionen durchaus ausgeliefert, hatte mich die glatte und gelierte, nicht im Ansatz sperrige und damit emotionslose Verfilmung auffällig unterkühlt. Sicherlich war der Streifen als weihnachtstauglicher Gefühlshammer geplant, doch verkümmert er weitgehend in einem filmästhetischen und handwerklichen Nummernprogramm.

Die bemerkenswerte Leistung einiger Schauspieler, vorrangig von Nebendarstellern, konnte vereinzelt etwas versöhnen. Abläufe, wie der gemeinsame Wechsel in den jeweils feindlichen Graben bei befürchteten Angriffen hätte man hingebungsvoller zelebrieren sollen. Denn in dieser, kriegstechnisch grotesken Situation wird die Atmosphäre von Bedrohung, Ausweglosigkeit und eben auch Menschlichkeit nachvollziehbarer als bei einem schick-plakativen Gefühlsstress und dem Ausstausch von Familienfotos. 

juergen-henne-leipzig@web.de

Dezember 1, 2007 - Posted by | Film

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