Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne in Hellerau

Bemerkenswerte Kunst im Festpielhaus in der Gartenstadt Dresdens  

Kunst muss „schön“ sein.  Die Welt ist ein Tal des Elends, deshalb muss Kunst positiv sein, entpannend, optimistisch, nicht schmerzhaft, das „Gute“soll sie darstellen, denn Elend gibt es genug. Das Gute im Menschen, Glück, schmerzfreie Harmonie muss Kunst vermitteln, denn Konflikte gibt es ohnehin täglich……u.s.w.  

Auszug aus dem gängigen Anforderungskatalog für Kunst.

 Die Besucher der Tanzperformance von Ulf Langheinrich und der Tänzerin Toshiko Oiwa am Buß-u.Bettag im Festspielhaus Hellerau erwarteten sicherlich nicht, dass heitere Operetten-Evergreens  sie durch den Abend  und schmerzfreie Harmonie in die Seligkeit manövrieren. Etwas getriebene Fiebrigkeit war eingeplant und wurde erhofft. Für deartige Veranstaltungen in Hellerau wäre das der Normalzustand.

Doch erfüllte diese Abendstunde unmissverständlich den Tatbestand der Körperverletzung, der Freund an meiner Seite röchelte nach fünfzehn Sekunden ein flehendes:“Das halte ich nicht durch“. Er hielt durch, 45 Minuten.

Nach einer Overtüre, die Toshika Oiwa im Pelzmantel weitgehend  stehend, laufend und zuckend bewältigte, begann dann ohne Pelzmantel der wahre Körperexzess, natürlich liegend und nicht nur zuckend. Die Musik hämmerte eine Mischung von Heavy Metal und Hardcore mit den stilistischen Mitteln von Minimalmusik zwischen die Wände, dass  die eigenen Ohren bald den Lauschlappen von Mister Spock glichen. Ein optisches Dauerstaccato hackte rhythmisch zuckendes Licht in den Raum, in Gesichter, in Augen. Die Farbigkeit der Bodenfläche pendelte zwischen höllischem Rot, einer breiten Palette erdiger Töne bis zu gleißendem Weiß. Besucher kniffen die Augen zu, was die Muskulatur hergab,  Hände schützten wechselnd Ohren und Augen.

Es war ein Inferno und……ein grandioses Erlebnis.     

 Toshiko Oiwa zittert über den Boden, presst sich in die Muschelform, enfaltet ihren Körper mit weitschweifigen Rundungen. Sie bebt im erotischen Rhythmus, verharrt im embryonalen Zustand und  versteinert in vorkomatöser Pose. Hände und Füße flimmern über die Fläche, wie dünnes Geäst oder Meeresflora im starken Sog. Zwischen Programm und Improvisation tanzt sie sich in eine Trance und nähert sich den existentiellen Riten archaischer Kulturen.

Raum und Zeit scheinen sich aufzulösen. Die eigentlich androgyne Körperlichkeit der Tänzerin pendelt zwischen Mensch, Pflanze und einem „Ding“. Der Zuschauer rotiert in einem Vakuum,  ohne Bindungen, ohne Schutz, die folgenden Abläufe können nicht erahnt werden. Der Lebensrhythmus wird auf die Funktion der Körperzelle reduziert. Raum, Zeit und Körper befinden sich an einem Anfang,  ich kenne nicht die Gründe und die Notwendigkeiten dieses Anfangs, sie sind mir auch egal. 

Einige Besucher verlassen vorzeitig und schwankend die Arena. Ich bleibe und höre auf das Geräusch meiner Zellen. Die Vorstellung war eine Tortur, für die Darstellerin und für die Besucher, sie war schmerzhaft, infernalisch, nicht entpannend oder beruhigend und deshalb bemerkenswerte Kunst. Ich habe die Schmerzen genossen.

Vielen Dank nach Hellerau!

juergen-henne-leipzig@web.de

November 23, 2007 - Posted by | Kunst, Neben Leipzig

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