Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne in Venedig——-Teil II


Jürgen Henne verneigt sich vor Verrocchios Reiterstandbild des Bartolomeo Colleoni

 

Auf halber Strecke das Guggenheim-Museum. Wir sitzen auf dem weißen Sofa, umrahmt von fünf Bildern Jackson Pollocks. Es gibt trübere Episoden im Leben. Und nicht irgendwelche Pollocks, die er trostlos zusammengetröpfelt hat. Es sind vortreffliche Schöpfungen

Mir ist ohnehin nicht erinnerlich, in quantitativ durchaus überschaubaren Räumen ein Sortiment von Kunst des vergangenem Jahrhunderts in einer deartig erlesenen Güte gesehen zu haben.

Selbst Bilder von Magritte,Tanguy und de Chirico, einst die Helden meiner pubertären Kunst-Rezeption, deren Arbeiten ich heute aber nur noch bei heftiger Trunkenheit ertragen kann, habe ich , ihres erhöhten Anspuchs wegen, freudig zur Kenntnis genommen.

Marino Marinis Cowboy bei einer Sonnenanbetung, mit Pferd und einsatzbereitem Gemächt, die wundervollen Dehnungen bei den Skulpturen von Brancusi, Calders subtil-luftige Wackeldinger, Bilder von Kandinsky, Tobey, Boccioni, Severini, Delaunay, Braque, El Lissitzky, Malewitsch, Dubuffet… ergeben drei Stunden feuchte Augen. Nur bei Francis Bacon und Clifford Still, bei Klee und Rothko wurde Peggy Guggenheim scheinbar von Übermüdung oder gehässigen Beratern gepeinigt. Deren Arbeiten sind bemerkenswert unansehnlich.

Ich habe einige Minuten und mit beachtlicher Dankbarkeit an ihrem Grab verharrt. Im Garten des Museums, neben einer Skulptur von Hans Arp.

Eine pädagogische Sonderleistung italienischen Zuschnitts hat mich gerührt. Eine Schülergruppe (etwa 8-10jährig) setzte sich entspannt auf den Boden, vor Bilder von Pollock und Severini und sprach mit der Kunsterzieherin über den Tröpfelterror des Amerikaners und über die Panik in den Bildern des italienischen Futuristen, mit gut gemischten Nuancen zwischen Frohsinn und ernshafter Neugier. Ich weiß nicht, ob so etwas in Deutschland möglich ist. In Leipzig würde man sich vielleicht vor Arbeiten von Tübke oder Mattheuer stellen, nicht setzen, vor die unsägliche Beethovengurke Max Klingers oder vor eine gemalte Rücksichtslosigkeit Ruckhäberles und seiner Mitkämpfer.

Zurück in das erweiterte Umfeld der Rialto-Brücke und eine gedankliche Erwägung, die elfte und die zwölfte Eiskugel des heutigen Tages abzuschmatzen. Vorbei am Dogenpalast, am Markusdom, dann über den Markusplatz, durch die Mauer von zehn Millionen Touristen und zehn Milliarden Tauben……Fortsetzung folgt

juergen-henne-leipzig@web.de

November 15, 2007 - Posted by | Kunst, Neben Leipzig, Verstreutes

1 Kommentar »

  1. Wenn ich die Zeilen über Venedig lese, dann sehe ich diesen traumhaften Ort vor mir. Ich lasse mich mitreissen von der Begeisterung, die von den wortgewaltigen und euphorischen Sätzen ausgeht.
    Auf nach Venedig, der Stadt der Schönheit und der Kunst!!!

    Kommentar von Becker, Martina | November 16, 2007 | Antworten


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